Im Westfälischen Kettenschmiedemuseum in Fröndenberg können Besucher uraltes Handwerk live erleben: Vor dem Schmiedefeuer fliegt der Hammer auf den Amboss – und Kinder können sogar selbst eine Kette schweißen.

Fröndenberg

, 29.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Stück Eisen lag lang genug im Feuer. Es glüht jetzt rot. Der Schmied greift es mit einer langen Zange, legt es auf den Amboss und schlägt mit dem Hammer auf das weiche Metall ein. Und schlägt und schlägt . . .

»Das gibt es sonst heute so nicht mehr.«
Pressesprecher Norbert Muczka

Nach Kohle und Stahl riecht es. Im Sekundentakt hämmert Eisen auf Eisen. Die Hitze des Schmiedeofens treibt Schweiß auf die Stirn. Enorme Kräfte wirken. Der Stab von eben formt sich jetzt langsam zu einem Oval. An der Zange hält der starke Mann am Ende sein Werk: ein Kettenglied.

Uraltes Handwerk hinter rustikalem Gemäuer

Wer sich dem rustikalen Gemäuer durch den hübschen Himmelmannpark in Fröndenberg/Ruhr nähert, einem Bau aus roten Backsteinziegeln mit Spitzdach und blauen Fensterläden und Türen, der ahnt noch nicht, dass man noch heute hinter seinen Mauern ein uraltes Handwerk erleben kann.

Ein Kettenschmied bei der Arbeit: Die Besucherinnen und Besucher können dabei zuschauen, wie Dagobert Köster aus einem Stab ein Kettenglied formt.

Ein Kettenschmied bei der Arbeit: Die Besucherinnen und Besucher können dabei zuschauen, wie Dagobert Köster aus einem Stab ein Kettenglied formt. © Udo Hennes

Das Westfälische Kettenschmiedemuseum hat im Mai 1999 in einem Magazingebäude der einstigen Papierfabrik Himmelmann ein Zuhause gefunden. Der Ort ist kein Zufall. Fröndenberg beherbergte viele Jahrzehnte lang etliche Kettenfabriken, war die „Kettenstadt“ in der Region schlechthin.

Ein engagierter Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Stück Handwerks- und später auch Industriekultur heutigen Generationen zu bewahren und es mit vielen Sinnen erlebbar zu machen.

Pressesprecher Norbert Muczka präsentiert den seit 2018 neuen Namen: Wegen seiner Einzigartigkeit in der Region ist die Kultureinrichtung zum Westfälischen Kettenschmiedemuseum erhoben worden.

Pressesprecher Norbert Muczka präsentiert den seit 2018 neuen Namen: Wegen seiner Einzigartigkeit in der Region ist die Kultureinrichtung zum Westfälischen Kettenschmiedemuseum erhoben worden. © Archiv/ Marcus Land

Besucher, Erwachsene wie Kinder, können hier die Geschichte der Ketten von den Anfängen bis in die heutigen Tage kennen lernen. Pressesprecher Norbert Muczka schaut stolz: „Das gibt es sonst heute so nicht mehr.“

Stahlwerke wie Krupp, der Bergbau, Werften - sie alle benötigten seit dem 19. Jahrhundert Ketten zum Heben schwerster Lasten. Im 21. Jahrhundert geht bei Firmen wie Amazon ohne Gliederketten für Fließbänder nichts, Mikrochips in den Kettengliedern zeigen ihren Verschleißgrad an.

Im Westfälischen Kettenschmiedemuseum lernt man vor allem die Ursprünge des Kettenschmiedens kennen, ein kräftezehrendes Handwerk, das ausgestorben und heute vollends industrialisiert ist.

Ketten über Ketten: Im Westfälischen Kettenschmiedemuseum sind auch die verschiedenen Arten von Ketten, von der Anker- bis zur Zugbrückenkette zu sehen.

Ketten über Ketten: Im Westfälischen Kettenschmiedemuseum sind auch die verschiedenen Arten von Ketten, von der Anker- bis zur Zugbrückenkette zu sehen. © Udo Hennes

Schiffs- und Ankerketten, Ketten für Zugbrücken, Brunnenwinden, nicht zuletzt solche, mit denen Gefangene in Ketten gelegt wurden - dafür schufteten einst etliche Bauern und Landarbeiter in Fröndenberg in ihren Heimkettenschmieden.

Dagobert Köster, der eben noch das Kettenglied aus einem Rundeisenstab formte, ist seit mehr als 50 Jahren Schmied. Mit 14 Jahren schon haute er den Hammer auf den Amboss, bereits sein Vater und Großvater lieferten ihre Erzeugnisse einem Drahtwalzwerk zu.

Etliche historische Apparate und Maschinen stellt das Museum aus und bietet so wohl einen einzigartigen Überblick über das Handwerk des Kettenschmiedens.

Etliche historische Apparate und Maschinen stellt das Museum aus und bietet so wohl einen einzigartigen Überblick über das Handwerk des Kettenschmiedens. © Udo Hennes

»Wat is dat ne Arbeit.«
Besucher übers Kettenschmieden

Heute lässt der mittlerweile 67-jährige Dagobert Köster beim Live-Schmieden die Besucher dabei zusehen, wie zuerst im 1200° Celsius heißen Schmiedefeuer die Eisenstäbe erwärmt und geformt werden, dann als Glieder zur Kette wachsen.

„Wat is dat ne Arbeit“, entfährt es da so manchem Gast, wenn ihm schon vom Zuschauen die Schweißperlen auf die Stirn kullern.

Kleine Gäste legen selbst Hand an

Der Trägerverein sucht bereits aktiv nach Schmieden, die Dagobert Köster einst nachfolgen können, um das Handwerk zumindest im Museum lebendig zu halten.

Doch es ist eben eine schwere körperliche Arbeit, die noch dazu in der Freizeit getan sein will. Dagobert Köster, dessen Leben das Schmieden ist, nimmt die Plackerei gelassen. „Zu viel ist nichts - aber zu wenig ist auch nichts.“

Produkt schwerer körperlicher Arbeit: Dagobert Köster (67) zeigt zwei verbundene Glieder – Anfang einer Schmiedekette.

Produkt schwerer körperlicher Arbeit: Dagobert Köster (67) zeigt zwei verbundene Glieder – Anfang einer Schmiedekette. © Udo Hennes

Doch nicht nur zusehen und staunen kann man im Museum. In der zweiten Abteilung stehen etliche Apparate aus einstigen Kettenfabriken in Fröndenberg und Umgebung. Hier können auch kleine Besucher Hand anlegen.

An diesem Sonntag ist Melina mit ihren Eltern zu Besuch im Museum. Norbert Muczka zeigt dem Mädchen die Handschweißmaschine. An dem Unikat, das sogar das Deutsche Museum in München den Fröndenbergern am liebsten abschwatzen würde, kann man sich selbst eine kleine Kette anfertigen und mit nach Hause nehmen.

Die Handschweißmaschine machte das Elektroschweißen möglich, das vor mehr als 100 Jahren in den Fabriken und Manufakturen vor allem eine Arbeit für Frauen war.

Die Handschweißmaschine machte das Elektroschweißen möglich, das vor mehr als 100 Jahren in den Fabriken und Manufakturen vor allem eine Arbeit für Frauen war. © Udo Hennes

„Das ist immer etwas Besonderes“, strahlt Norbert Muczka - die Kinder haben viel Spaß an ihrer „Handarbeit“ und die Eltern staunen, dass dieses Elektroschweißen vor mehr als 100 Jahren in den Fabriken eine typische Arbeit von Frauen war.

Zeitzeugen-Interviews im Film

In den Zeitzeugen-Interviews, die als kurze Filme im Museum zu sehen sind und ein authentisches Bild von dem hohen Stellenwert dieses Industrie- und Handwerkszweigs geben, erzählt neben vielen Männern auch eine Frau von der Kettenproduktion: Hildegard Prünte war allerdings keine Arbeiterin, sondern Kettenfabrikantin und Inhaberin einer der vielen Fröndenberger Traditionsfirmen.

„Die Leute kennen alle Ketten, wissen aber gar nicht, wie sie hergestellt werden“, sagt Norbert Muczka und sieht darin die Faszination, die dieses Handwerk auch auf den alten Fahrensmann immer noch ausübt.

Das Schönste: Die Besucher können beim Westfälischen Kettenschmiedemuseum selbst entscheiden, was ihnen der Besuch wert ist. Der Eintritt ist frei, um eine kleine Spende wird gebeten.

Das Schönste: Die Besucher können beim Westfälischen Kettenschmiedemuseum selbst entscheiden, was ihnen der Besuch wert ist. Der Eintritt ist frei, um eine kleine Spende wird gebeten. © Udo Hennes

Öffnungszeiten

Westfälisches Kettenschmiedemuseum im Landschaftspark

  • Das Westfälische Kettenschmiedemuseum ist Teil des Kulturzentrums Fröndenberg und liegt im Himmelmannpark. Adresse: Ruhrstraße 12, 58730 Fröndenberg/Ruhr.
  • Im Himmelmannpark, Teil des Landschaftsparks Ruhrufer, kann zudem der „Fröndenberger Trichter“ besichtigt werden. Der 14 Meter hohe Trichter aus dem Jahr 1952 diente einst der früheren Papierfabrik zur Filterung ihres Abwassers. Der Künstler Markus Lüpertz hat das Baudenkmal 1996 saniert.
  • Die Ruinen der abgerissenen Papierfabrik dienten 1992 für Dreharbeiten zu der Satire „Schtonk“ mit Götz George über die gefälschten Hitler-Tagebücher.
  • Am unmittelbar vorbeifließenden Lauf der Ruhr hat man auf dem Ruhrbalkon einen schönen Ausblick auf die Flusslandschaft.
  • Das Kettenschmiedemuseum ist an jedem Sonntag von 11 bis 17 Uhr (außer an Feiertagen) geöffnet. Es gelten coronabedingte Schutzvorkehrungen. Der Eintritt ist frei.
  • Schmiedevorführungen finden an jedem 1. Sonntag im Monat statt um 11.30 Uhr, 12.30 Uhr, 13.30 Uhr und 14.30 Uhr.
  • Sonder-/Gruppenführungen bis zu acht Personen sind ebenfalls nach vorheriger Anmeldung möglich bei Norbert Muczka, Tel. (0 23 03) 8 20 04, Mobil (01 71) 7 09 29 63, E-Mail: norbert-muczka@t-online.de.

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