Fahrrad-Händler erleben Corona-Boom - und steuern auf einen Lieferstau zu

dzWirtschaft

Die Auftragsbücher der beiden Fahrradgeschäfte „Rad und Tat“ in Kamen und AT Cycles in Bergkamen sind durch die Corona-Krise voll wie nie zuvor. Die Lage könnte für Kunden dramatisch werden.

Bergkamen, Kamen

, 30.05.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die heimischen Fahrradhändler erleben seit der Wiederöffnung nach dem Corona-Lockdown einen wahren Boom, arbeiten seit Wochen eifrig alle Aufträge ab. Wie Bergkamener und Kamener Händler mitteilen, hat die steigende Nachfrage unmittelbar mit den Auswirkungen der Corona-Krise zu tun.

Stefan Hübner ist nicht nur Inhaber vom Fahrradhandel „Rad und Tat“ in Kamen, sondern auch gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender des Händlerverbandes Bico Zweirad Marketing. Dadurch kann er nicht nur von der Entwicklung aus seinem Betrieb berichten. Hübner hat außerdem auch einen Überblick über weite Teile der gesamten Branche.

„Die Mitarbeiter arbeiten an der absoluten Schmerzgrenze“

Die aktuelle Lage der Fahrradhändler beurteilt er mit Blick darauf, dass viele andere Wirtschaftszweige mit starken Umsatzeinbrüchen zu kämpfen haben, als verhältnismäßig positiv. Ihnen spülen die viele Aufträge Geld in die Kassen. Es gibt aber auch negative Begleiterscheinungen.

Aus Sicht der Händler ist es vor allem die Arbeitskraft, die für die Abwicklung der stark gestiegenen Nachfrage fehlt. „Die Mitarbeiter arbeiten derzeit an der absoluten Schmerzgrenze“, sagt Hübner und spricht vom doppelten Aufwand bei gleichem Personal: „Das ist das außergewöhnlichste Jahr, das die Fahrrad-Branche je hatte“, ist er sich sicher.

Die Zulieferer für Fahrräder kommen mit der Produktion nicht hinterher

Aus Sicht der Kunden, die sich bereits jetzt mit längeren Wartezeiten abfinden müssen, könnte die Situation nach Auffassung von Hübner demnächst dramatisch werden. Wenn die Entwicklung weiter in diese Richtung geht, so prophezeiht er, steuert die gesamte heimische Fahrradbranche auf einen Engpass zu.

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Das hänge vor allem damit zusammen, dass die Zulieferer - meist aus Asien - mit den Lieferungen der Fahrradteile derzeit coronabedingt nicht hinterher kommen. Angesichts des Booms in der Nachfrage könnte das problematisch werden: Wie Hübner berichtet, sei die Mehrheit der Kunden momentan durchaus geduldig. Eine Minderheit mache den Mitarbeitern die ohnehin stressige Krisen-Zeit unnötig schwer.

Wer in den nächsten Wochen ein Fahrrad bestellen möchte, der müsse sich laut Hübner auf längere Wartezeiten einstellen als bisher. Im schlimmsten Fall, je nach der pandemiebedingten Entwicklung in den Ländern der Zulieferer, wird es vorübergehend keine neuen Fahrräder mehr geben.

Bei AT Cycles (ehemals Fahrrad Wilmes) an der Werner Straße in Bergkamen sind die Auftragsbücher prall gefüllt. Um die steigende Nachfrage abzufedern, hat der Betrieb mit eigener Produktion im Münsterland in mehreren Bereichen die Arbeitsschichten verlängert.

Bei AT Cycles (ehemals Fahrrad Wilmes) an der Werner Straße in Bergkamen sind die Auftragsbücher prall gefüllt. Um die steigende Nachfrage abzufedern, hat der Betrieb mit eigener Produktion im Münsterland in mehreren Bereichen die Arbeitsschichten verlängert. © Marcel Drawe

Bergkamener AT Cycles-Store hat die Schichten der Angestellten verlängert

Ähnlich ist die Situation auch bei der Firma AT Cycles, die unter anderem einen Store an der Werner Straße (ehemals Fahrrad Wilmes) in Bergkamen hat: Wie Unternehmenssprecher Christof Reitemeier berichtet, hat man für Angestellte in mehreren Bereichen in Abstimmung mit dem Betriebsrat die Schichten verlängert, um die Auftragsfülle abzuwickeln.

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Für den Boom sieht Reitemeier mehrere Gründe: Zum einen würden die meisten Kunden den Kauf eines Fahrrads nicht kurzfristig planen. Die Krise habe in vielen Einzelfällen dieses Vorhaben verhindert. Entsprechend habe sich das Interesse, vor allem an E-Bikes, über Wochen angestaut. Ein anderer Grund liegt in der Jahreszeit: „Gutes Wetter hilft unserer Branche immer“, sagt Reitemeier.

Zudem würden die Menschen von öffentlichen Verkehrsmitteln aufs Fahrrad umsatteln, weil der Sommerurlaub gefährdet ist, rüsten sich viele Menschen für Radtouren, um flexibler zu sein.

„Es sieht so aus, als würden wir in der Krise mit einem blauen Auge davon kommen“, sagt Reitemeier, „ich denke, wir können uns insgesamt nicht beschweren“.

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