Eugen Drewermann in Bergkamen: „Niemand ist gerne böse“

dzBekannter Kirchenkritiker

Einmal im Jahr kehrt der Theologe Eugen Drewermann für einen Vortrag an seinen Geburtsort Bergkamen zurück. Diesmal befasste sich der einst wegen seiner Thesen suspendierte Priester mit dem Wirken Jesu Christi.

von Niklas Mallitzky

Bergkamen

, 11.09.2019, 13:26 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auch wenn sich fast ausschließlich Spezialisten mit dem Thema beschäftigten, betreffe es doch jeden, findet Drewermann. Fernab kirchlicher Dogmatik versucht der Theologe bei seinem jährlichen Vortrag in Bergkamen, eine Antwort darauf zu geben, was die Lehren des Jesu Christi im Kern bedeuten. Obwohl konsequent mit Textstellen aus der Bibel unterfüttert, rüttelt er damit auch an gängigen Grundsätzen christlichen Selbstverständnisses.

Ethik-Unterricht statt stumpfen Religion-Lernen

Religion steht laut Drewermann im Verdacht, etwas Fanatisierendes und Selbstherrliches zu sein. Seit 200 Jahren stehe dem die Aufklärung gegenüber. So hätten wir den Eindruck, lieber auf die Ratio, also die Vernunft, zu hören. Im Lichte dieser Entwicklung sei es wichtig geworden, keine religiösen Sätze mehr stumpf in Kinderhirne zu pumpen, sondern lieber die Ethik zu lehren. Allerdings meint Drewermann, dass Ethik und Moral zu kaschierenden Kampfbegriffen verkämen, wenn in ihrem Namen seit 2001 mittlerweile sieben arabische Länder bombardiert worden seien.

Die Ethik, die mit der Aufklärung als angebliches Konkurrenzmodell zum religiösen Weltbild Einzug hielt, bei Drewermann hat sie letztlich dieselbe Dynamik. Der suspendierte römisch-katholische Priester war 2005 aus der Kirche ausgetreten und ist als kirchenkritischer Publizist tätig.

Ein Blick auf die Taufe Jesu

Um diese Parallele deutlich zu machen, geht Drewermann auf die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer im Markus Evangelium ein. Für diese sei Jesus extra von Galiläa nach Nazareth gelaufen, zu Fuß. „Er hatte von den Lehre des Johannes gehört und war davon durchaus beeindruckt“, schildert Drewermann. „Sonst hätte er nicht diesen durchaus weiten Weg auf sich genommen.“ Bei Johannes sei klar gewesen, an Gott zu Glauben, heiße die Gebote einzuhalten. „Und du kennst sie nicht, also erkläre ich Rabbi sie dir“, fährt Drewermann fort.

Laut dem Theologen ist die Aussage des Johannes klar: Wir müssen die Ethik in der Religion finden, wir müssen gut sein. Gott trenne dann die Spreu vom Weizen und die Spreu werde im Höllenfeuer verbrannt. Auch Jesus schien das laut Drewermann zu glauben, so habe er sich auch von Johannes taufen lassen. Als Jesus danach laut biblischer Überlieferung aus dem Wasser steigt, spricht Gott zu ihm: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Die bedingungslose Liebe Gottes

Für Drewermann ist das der Wendepunkt für Jesus und der Beginn seiner Lehren. Denn Gott habe seine bedingungslose Liebe ausgedrückt, so wie eine Mutter die ihr Kind bedingungslos liebe, weil sie es zur Welt gebracht habe. Wer nur geliebt werden könne, wenn er etwas richtig gemacht habe, so könne kein Mensch auf Dauer leben, das habe Jesus in diesem Moment erkannt, glaubt Drewermann. Deshalb habe auch Paulus die Kreuzigung von Jesus als richtig empfunden, denn wer so wie Jesus predige und eine Generalabsolution für Sünden erteile, der schaffe die Lehre Gottes von Gut und Böse ab. Und bis heute dächten wir in der bürgerlichen Gesellschaft mehr oder weniger wie Paulus, meint Drewermann: „Wenn wir sehen, dass jemand kriminell ist, dann wissen wir, was mit ihm geschehen soll. Doch was, wenn dieses ganze Weltbild nicht stimmt?“

Die Botschaft von Jesus ist für Drewermann klar: Anstatt zu verurteilen, sollten wir zuhören und versuchen, zu resozialisieren. „Niemand ist gerne böse. Die Frage sollte sein: ‚Wie können wir dem Anderen helfen?‘ Dafür bräuchten wir die ganze Bandbreite der Psychologie, um wirklich zu begreifen.“

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