Es gibt viel zu viele Rehe – und die Jäger sollen mehr schießen

dzForstwirtschaft

Für viele Tierliebhaber ist das ein unerträglicher Gedanke: Die Jäger sollen viel mehr Rehe abschießen, fordern Forstfachleute. Sie sehen in den Tieren eine ernsthafte Bedrohung für den Wald.

Bergkamen

, 19.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als der Regionalverband Ruhr (RVR) vor einigen Tagen den Romberger Wald von der RAG übernahm, wies er auf ein Problem hin, vor dem alle heimischen Waldbesitzer stehen: Ohne besondere Schutzmaßnahmen haben junge Bäume keine Chance mehr, groß zu werden. Ohne Zaun werden sie zum Futter für die Rehe – und von denen gibt es nach Ansicht der Forstfachleute mittlerweile viel zu viele.

Die Rehe fressen die Setzlinge auf Aufforstungsflächen in kurzer Zeit ab, wenn die jungen Bäume nicht besonders eingezäunt werden. Bäume, die sich selbst aussäen, haben erst recht keine Chance.

Die Rehe fressen die Setzlinge auf Aufforstungsflächen in kurzer Zeit ab, wenn die jungen Bäume nicht besonders eingezäunt werden. Bäume, die sich selbst aussäen, haben erst recht keine Chance. © Stefan Milk

Rehe verhindern, dass wieder neuer Wald nachwächst

Deshalb will der RVR von den Jagdpächtern auch verlangen, dass sie verstärkt Jagd auf das Rehwild machen und ihre Abschussquoten unbedingt erfüllen. Die Probleme sieht übrigens nicht nur der RVR. Auch Biologin Kerstin Conrad kennt das Problem. Sie ist bei der Biologischen Station in Heil für die Bergkamener Naturschutzgebiete zuständig.

Jetzt lesen

Die sogenannte „Naturverjüngung“ werde durch die Rehe verhindert, bestätigt sie. Mit anderen Worten: Wenn junge Bäume hochkommen, die alte ersetzen könnten, werden sie oft gleich von den Rehen abgefressen. Andere Möglichkeiten als die Jagd, um die Rehe zu dezimieren sieht sie auch nicht: Die Rehe haben in der Region keine natürlichen Feinde mehr.

Die Tiere finden immer mehr Nahrung und auf den Feldern immer mehr Deckung.

Die Tiere finden immer mehr Nahrung und auf den Feldern immer mehr Deckung. © picture alliance/dpa

Rehe vermehren sich durch milde Winter und mehr Nahrung

Die Jäger aber sehen erhebliche Schwierigkeiten, das Rehwild tatsächlich so nachhaltig zu dezimieren, dass sie keine erheblichen Schäden im Wald mehr anrichten. Der Overberger Reinhard Middendorf, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, sieht nicht nur das Fehlen natürlicher Feinde, sondern auch der Landwirtschaft und den Klimawandel als Ursachen dafür, dass es zu viel Rehe gibt. Die vergangenen milden Winter hätten dazu geführt, das sich das Rehwild besonders stark vermehrt habe, sagt Middendorf.

Jetzt lesen

„Außerdem gab es früher ab dem Herbst die Rübe als höchste Feldfrucht“, beklagt der Jäger. Mittlerweile würden jedoch fast das ganze Jahr über hoch wachsende Feldfrüchte angebaut. Der Mais stehe manchmal bis November oder sogar Dezember auf den Feldern. Die Folge: Die Rehe finden viel mehr Nahrung und mehr Deckung. Das Jagen wird deutlich schwieriger.

Die Jäger fordern, dass ihnen auch in Naturschutzgebieten die Jagd auf das Rehwild erleichtert wird. Sonst sehen sie kaum eine Chance, die Zahl der Rehe auf eine vernünftiges Maß zu dezimieren.

Die Jäger fordern, dass ihnen auch in Naturschutzgebieten die Jagd auf das Rehwild erleichtert wird. Sonst sehen sie kaum eine Chance, die Zahl der Rehe auf eine vernünftiges Maß zu dezimieren. © picture alliance/dpa

Die vielen Rehe sind auch eine Gefahr für Autofahrer

Daher gelinge es den Jägern immer weniger, die Menge an Rehen auf dem richtigen Stand zu halten – trotz aller Bemühungen. „Wir haben allein in Overberge im vergangenen Jahr 30 Stück Rehwild geschossen“, macht der Vorsitzende der Jäger im Kreis deutlich. Das sei zwar eine große Menge und mehr könnten die Jäger kaum leisten. Aber es sei zu wenig, um die Zahl der Tiere wieder auf ein vernünftiges Maß zu begrenzen.

Die Tiere sind übrigens nicht nur eine Gefahr für die jungen Bäume, sondern auch für Autofahrer. Es sei besser die Rehe zu schießen, als sie tot oder verletzt von der Straße zu holen. Besonders in der „Blattzeit“, der Brunftzeit der Rehe, würden die Böcke die Ricken treiben, manchmal auch auf die Straße. Die Blattzeit beginnt in diesen Tagen und dauert bis in den August.

Jetzt lesen

Die Jäger verhandeln mit dem Kreis Unna auch bereits über die Jagd in Naturschutzgebieten wie am Beversee. Dort ist das Jagen zwar grundsätzlich erlaubt. Die Jäger wollen aber auch Kanzeln aufstellen – überdachte Hochsitze – um das Rehwild besser jagen zu können.

Die Rehe sind übrigens nicht das einzige Problem für den Wald. Der hohe Stickstoffeintrag durch die Luft wirke als Dünger, sagt Kerstin Conrad. Die Folge: Junge Bäume werden von anderen Pflanzen verdrängt, die sich aufgrund der gut gedüngten Boden im Wald breitmachen.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Polizei im Kreis Unna
Nach drei Jahren: Verbrecher aus dem Nordkreis werden wieder in Kamen eingebuchtet
Meistgelesen