Emotionale Vernachlässigung ist an den Bergkamener Kitas ein großes Thema. Sie müssen damit anders umgehen als mit körperlichen Misshandlungen. Denn diese Art der Vernachlässigung bringt eine Schwierigkeit mit sich.

Bergkamen

, 07.11.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Hier in Bergkamen gibt es auch alles, was man sich nicht vorstellen kann oder sich nicht vorstellen will.“ Der Jugendamtschef Udo Beckmann weiß, dass viele Menschen nicht glauben, dass es auch in Bergkamen dramatische Zustände in Familien gibt. Dass vielleicht in ihrer eigenen Nachbarschaft Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden.

Das passiert in der Vorstellung mancher Menschen nur in anderen Städten oder im Fernsehen. Es ist schlicht zu grausam. Doch Beckmann erlebt in seinem Arbeitsalltag, dass es in Bergkamen nicht anders zugeht als in anderen Orten auch.

Alleine bis Ende Oktober diesen Jahres gingen 190 Meldungen im Jugendamt ein. Das ist bei rund 250 Arbeitstagen im Jahr fast ein Fall pro Tag. Dass sich jemand bei der Behörde meldet, muss aber freilich nicht heißen, dass tatsächlich auch ein Fall von Kindeswohlgefährdungen vorliegt. „Wir gehen allen Hinweisen nach“, erklärt Beckmann.

Kinder leiden nicht immer sichtbar

Hinweise können etwa von Erzieherinnen, Lehrern, Ärzten – aber auch von Bekannten oder Verwandten kommen. Ob und welches Problem tatsächlich vorliegt, erörtern Beckmann und seine Mitarbeiter dann. Doch nicht alle Kindesleiden sind offensichtlich und leicht aufzuspüren. Tatsächlich gibt es eine Art der Vernachlässigung, die besonders schwierig wahrgenommen wird: die emotionale Vernachlässigung.

Das Erkennen dieser Vernachlässigung bei Kindern ist schwierig, „da man die Spuren dieser Form der Vernachlässigung oft nur schwer fassen kann“, sagt Stefanie Vorac, Mitarbeiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst. Während blaue Flecken oder abgefaulte Zähne offensichtlich sind, gibt es keine konkreten Indizien für emotionale Vernachlässigung.

Wenn Kinder keine blauen Flecken haben, aber trotzdem leiden

Anja Gräwe ist die Leiterin der Kita Eichendorff. Sie setzt auf einen engen Austausch mit Familien und auf vertrauensvollen Umgang miteinander, damit emotionale Vernachlässigung aufgedeckt und behandelt werden kann. © Marcel Drawe

Umso wichtiger ist es, dass etwa die Erzieherinnen in den Kitas ein genaues Auge auf ihre Schützlinge werfen. „Wir beobachten unsere Kinder in ihrem Spiel und in der Entwicklung regelmäßig und tauschen uns in Teamsitzungen aus, sodass wir hier nah am Kind sind. Diese Beobachtungen werden schriftlich festgehalten“, sagt Anja Gräwe, Einrichtungsleiterin der Johanniter Kita Eichendorff.

Ein bis zweimal jährlich finden zudem Entwicklungsgespräche gemeinsam mit den Eltern statt, um diese auf den Laufenden zu halten. „Durch diese Beobachtungen können wir frühzeitig die ersten Anzeichen einer Vernachlässigung erkennen und reagieren.“ An die Hand bekommen haben die Bergkamener Erzieherinnen zudem einen Bogen zum Ausfüllen.

Die Eltern vernachlässigen ihre Kinder nicht unbedingt bewusst

Entwickelt haben ihn die hiesigen Kinderschutzfachkräfte in ihrem Arbeitskreis. Doch auch mit dem Bogen ist das Erkennen freilich noch lange kein Kinderspiel. „Das ist kein Ankreuzbogen, sondern ein Reflexionsbogen“, erklärt Anja Wagner, Einrichtungsleiterin der Awo-Kita „Villa Kunterbunt“. Auch ihre Erzieherinnen arbeiten mit dem Bogen und auch in ihrer Kita ist das Erkennen emotionaler Vernachlässigung ein großes Thema.

Dass Eltern ihre Kinder nicht unbedingt absichtlich vernachlässigen, weiß Stefanie Vorac. „Ich kann auch verstehen, wenn eine alleinerziehende Mutter gestresst ist“, sagt sie. In so einem Fall könnte schon eine längere Betreuungszeit das Problem lösen. Wichtig ist nur, dass das Problem erkannt und der Ursache auf den Grund gegangen wird.

Das können Eltern tun

Während es für Fachkräfte schon schwierig ist, die Anzeichen zu erkennen, ist es für Eltern noch schwieriger.

Definition

Emotionale Vernachlässigung

  • Emotionale Vernachlässigung ist die nicht angemessene oder fehlende Fürsorge bzw. Zuwendung von Eltern, Erziehungsbereichtigten oder Dritten einem Kind gegenüber.
  • Meist tritt sie im Zusammenhang mit einem nicht hinreichenden, ständig wechselnden und dadurch nicht sicheren Beziehungsangebot auf. (Nach Hans Leitner, Fachstelle Kinderschutz in Brandenburg)
  • In Bergkamen gibt es einen Arbeitskreis der Kinderfachschutzkräfte. Er gründete sich im Jahr 2013 und trifft sich regelmäßig zum Austausch.
  • Die Fachschutzkräfte werden von den Trägern der Kitas entsandt und beraten extern. Jeder Erzieher kennt eine Fachkraft, an die er sich wenden kann.
  • Der Arbeitskreis entwickelt Arbeitshilfen für die Einrichtungen und diskutiert aktuelle Themen des Kinderschutzes.
  • Er traf sich kürzlich zu einem Fachtag, bei dem es um das Thema „emotionale Vernachlässigung“ ging. Experten haben die Fachkräfte aufgeklärt.

Anja Wagner kann ihnen aber zumindest ein paar Tipps mit an die Hand geben, damit es gar nicht erst dazu kommt. Und schon kleine Maßnahmen können helfen: „Das Handy weglegen und das Kind beim Spielen angucken“, sagt Wagner. Eltern sollten ihre Kinder ernst nehmen und sie das auch spüren lassen.

Auch Liebe und Zuwendung sind laut Wagner wichtige Bestandteile einer stabilen Beziehung. „Und ein geregelter Tagesablauf gibt den Kindern Sicherheit und emotionale Vernachlässigung.“ Besonders ein zerrüttetes Familienverhältnis ist laut Wagner ein Risikofaktor. Das könne die Bindung zu den Kindern verschlechtern, „aber das muss nicht so sein“, betont sie. Zieht das Kind doch zurück, sollten sich Eltern an die Erziehungsberatungsstelle im Rathaus wenden.

Wer sich unsicher ist, kann sich jederzeit an das Jugendamt wenden. Dort haben sich in diesem Jahr schon mehr Leute mit Hinweisen gemeldet als im vergangenen Jahr. Laut Beckmann waren es 2018 rund 150 Hinweise. Ein schlechtes Zeichen muss das aber nicht sein. „Die Menschen sind sensibler geworden“, sagt Beckmann. Und das findet er gut. „Wir sind für jeden Hinweis dankbar.“

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