Einkaufszentrum für Bergkamen: Statt Shopping bei H&M oder Saturn nur Einkauf beim Discounter

dzPolitik enttäuscht

Viele Bergkamener fragen sich, warum die Ratsmehrheit das Einkaufszentrum plötzlich ablehnt, das anstelle der Turmarkaden entstehen soll. Die Politik jedoch sieht sich von den Investoren getäuscht.

Bergkamen

, 04.06.2020, 17:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es gibt Bergkamener, die sind sauer auf die Kommunalpolitik. Sie haben das Gefühl, dass die Ratsmehrheit ihnen ein Shopping-Erlebnis vor der Haustür vorenthalten will, weil sie das neue Einkaufszentrum anstelle der Turmarkaden ausbremsen will. Zumindest SPD und Grüne sehen das ganz anders: Nach ihrer Ansicht kann von einem Shopping-Erlebnis keine Rede sein.

Die ehemaligen Turmarkaden sind nur noch Trümmer – das Verhältnis zwischen Investoren auf der einen sowie Stadtverwaltung und Kommunalpolitik auf der anderen Seite offenbar auch.

Die ehemaligen Turmarkaden sind nur noch Trümmer – das Verhältnis zwischen Investoren auf der einen sowie Stadtverwaltung und Kommunalpolitik auf der anderen Seite offenbar auch. © Michael Dörlemann

„Wellblechhütte statt schickem Haus mit allem Luxus“

Der Ärger ist Jochen Wehmann, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen immer noch anzumerken, wenn die Rede auf die Pläne kommt, die von den Investoren Ende März präsentiert wurden.

Jetzt lesen

Ins Detail will er nicht gehen, mit Hinweis darauf, dass die Pläne für eine Bauvoranfrage in nichtöffentlicher Sitzung vorgestellt worden. „Aber das ist etwa so, als wenn einem jemand ein schickes Haus im Bauhaus-Stil verkauft mit allem erdenklichen Luxus. Und dann bekommt man eine Holzständerkontruktion mit Wellblech“, ärgert sich Wehmann.

So sollte der Eingang zum neuen Einkaufszentrum an der Töddinghauser Straße noch in den ersten Entwürfen von 2018 aussehen. Geblieben ist davon nach Angaben der Kommunalpolitik nichts – auch nicht das Glasdach.

So sollte der Eingang zum neuen Einkaufszentrum an der Töddinghauser Straße noch in den ersten Entwürfen von 2018 aussehen. Geblieben ist davon nach Angaben der Kommunalpolitik nichts – auch nicht das Glasdach. © 3dpixel

Vom ersten Entwurf sei fast nicht übrig, sagt die Politik

Von schönen, repräsentativen Fassaden, attraktiven Geschäften wie H&M, Saturn oder Media Markt und einem Gastro-Bereich mit Restaurants und Cafés sei keine Rede mehr gewesen.

Das, was die Investoren präsentiert hätten, sei ein reines Discounter-Center gewesen, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Bernd Schäfer – mit dem Schwerpunkt auf Lebensmittel, Getränke und Drogerieartikel. Die Gestaltung sei entsprechend. Schäfer redet von einem „Nordbergcenter 2“ – nur größer.

Nach Angaben der Kommunalpolitik würde das neue Einkaufszentrum wie das Nordbergcenter, nur größer. Sie wirft den Investoren vor, dort auch Mieter abzuwerben.

Nach Angaben der Kommunalpolitik würde das neue Einkaufszentrum wie das Nordbergcenter, nur größer. Sie wirft den Investoren vor, dort auch Mieter abzuwerben. © Marcel Drawe (Archiv)

Abwerbeversuche im Nordbergcenter

Was der Politik besonders sauer aufgestoßen ist: Die Investoren sollen versucht haben, Geschäfte aus dem Nordbergcenter abzuwerben, vom Lidl ist die Rede und von anderen. „Wir hätten im Nordbergcenter dann ein massives Leerstandsproblem“, ärgert sich Wehmann.

Jetzt lesen

Wer mehr Details zum von den Investoren geplanten „Hybrid-Center“ erfahren will, wird in der Vorlage der Stadtverwaltung für den Haupt- und Finanzausschuss fündig, zumindest wenn man ein wenig zwischen den Zeilen liest. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass die Ansiedlung von Geschäften mit einem Sortiment, das für Stadtzentren typisch ist – wie Bekleidung oder Haushaltswaren – in Bergkamen gar nicht möglich ist. Mit anderen Worten: Die soll es auch nicht geben.

Kein Interesse am Shoppen in Bergkamen

Ein beträchtlicher Teil der Vorlage liefert die Begründung, warum auch die Investoren darauf verfallen sein könnten, statt einer neuen Stadtmitte ein Discounter-Center zu planen.

Jetzt lesen

Da ist davon die Rede, dass der Handel auch in gewachsenen Innenstädten dabei ist, seine Bedeutung zu verlieren. Außerdem zeige die Erfahrung, dass weder die Bergkamener selbst noch Kunden aus Nachbarstädten kommen würden, um in Bergkamen ein „Shopping-Erlebnis“ zu haben. Mit anderen Worten: Etwas anderes als Discounter würden kaum laufen.

Die ehemals geräumten Häuser an der Töddinghauser Straße würden durch den Bebauungsplan geschützt. Ihre Fläche soll als „Allgemeines Wohngebiet“ ausgewiesen werden.

Die ehemals geräumten Häuser an der Töddinghauser Straße würden durch den Bebauungsplan geschützt. Ihre Fläche soll als „Allgemeines Wohngebiet“ ausgewiesen werden. © Michael Dörlemann

Schutz für die Häuser an der Töddinghauser Straße

Der Ausschuss soll in der Sitzung den Beschluss fassen, ein Bebauungsplanverfahren einzuleiten und eine Veränderungssperre zu erlassen.

Einkaufszentrum

Viele Versuche, aber bisher kein Erfolg

  • Das geplante Hybrid-Center ist ein weiterer Versuch, ein Einzelhandelszentrum an dieser Stelle zu schaffen.
  • Alle anderen Versuche scheiterten bisher.
  • Die sogenannte Bergkamener City mit Karstadt als Ankermieter wurde nach der Stadtgründung 1966 geplant und 1974 eröffnet.
  • Auf Karstadt, das Anfang der 80er-Jahre auszog, folgten Plaza und Allkauf.
  • Zwischen 1999 und 2002 wurde ein großer Teil abgerissen und als „Turmarkaden“ neu gebaut – als eine Art Mall mit Wal Mart als Ankermieter.
  • Nach dem Auszug von Wal Mart 2007 leerte sich das Center. 2016 stand es komplett leer und verfiel seitdem.

Ziele für den Bebauungsplan, wie sie sich ihn vorstellt, hat die Verwaltung auch schon formuliert. Die Fläche der Wohnhäuser an der Töddinghauser Straße soll als „Allgemeines Wohngebiet“ ausgewiesen werden, ebenso der gesamte Bereich entlang der Gedächtnisstraße.

Der gesamte Rest soll ein „urbanes Gebiet“ mit „Gewerbebetrieben, sozialen, kulturellen und anderen Einrichtungen“ werden. Von Einzelhandel ist mit keinem Wort die Rede.

Das geht dem einen oder anderen Kommunalpolitiker aber denn doch wohl zu weit. Er könne sich vorstellen, dass dort auch ein Edeka-Markt oder ähnliches für die Nahversorgung entstehe, sagt Bernd Schäfer, aber kein großes Center.

SPD und Grüne haben keine Angst vor einem Rechtsstreit

Anders als die CDU haben weder Schäfer noch Wehmann Angst vor einer juristischen Auseinandersetzung. Die Investoren haben schon mit einer Schadenersatzklage gedroht.

Dieses Risiko müsse die Stadt eingehen, meint Schäfer. Sie habe damit ja auch schon Erfahrung. Vor einigen Jahren verhinderte sie den Bau eines weiteren Discounters auf einem ehemaligen Gärtnereigelände an der Jahnstraße in Oberaden – auch mit einem Bebauungsplanverfahren und der damit verbundenen Veränderungssperre.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Bildungszentrum am Kleiweg
In die leere Technikhalle auf dem Fakt-Campus könnte bald neues Leben einziehen
Hellweger Anzeiger Bummansburg
„Zeitzeugen“ aus dem Mittelalter nehmen an der Bummansburg neue Schilder in Augenschein
Meistgelesen