Josef Cikvari lebt in Bergkamen. Doch bevor er dort landete, erlebte er Abenteuer in Italien, Frankreich und sogar Vietnam. Cikvari war ständig auf der Flucht – unter anderem vor zu viel Pasta, wie er sagt.

Bergkamen

, 11.09.2019, 13:39 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Ich weiß noch genau, wie eine Bombe ein Haus entzweiriss. Und da saß eine Frau am Flügel, in einem Zimmer, das plötzlich keine Wände oder Fenster mehr hatte“, erzählt Josef Cikvari. Dieses Erlebnis ist nicht das einzige, an das sich der heute 85-Jährige Bergkamener noch so genau erinnert, als wäre es gestern gewesen.

Kindheit im Königreich Jugoslawien

Cikvari blickt auf ein turbulentes Leben zurück. Einem Leben, in dem er ständig vor irgendetwas oder irgendwem geflohen war, bis er schließlich in Bergkamen landete und einem stinknormalen Beruf nachging. Er war bis zur Rente in der Postabteilung der Stadtverwaltung tätig.

Die Zeit in Bergkamen ist ein krasser Gegensatz zu seinem alten Leben, das im ehemaligen Königreich Jugoslawien begann. Dort erblickte Cikvari im Oktober 1933 das Licht der Welt – sicherlich nicht ahnend, dass vor ihm eine turbulente Reise lag, die ihn nach Italien, Frankreich, Vietnam und schließlich nach Bergkamen führen sollte.

Das Abenteuer begann damit, dass Cikvaris Vater 1939 einberufen wurde. „Das war kurz vor dem Krieg. Meine Mutter und ich sind ihm dann nachgezogen“, erzählt Civari, der damals gerade einmal sechs Jahre alt war. Die beiden kamen bis nach Serbien, wo sie sich niederließen. „Wir Kinder haben in einem Bach geplanscht, in den Soldaten Bajonette geworfen hatten. Die Narbe am Fuß habe ich immer noch.“ Auch an den Einmarsch der Deutschen erinnert sich Civari noch lebhaft. „Da kam ein Motorradfahrer mit Beiwagen. Darin saß ein Soldat mit Maschinenwehr. Am Ende der Straße stand der Dorfdepp – den hat er einfach erschossen.“

Cikvari floh mit seiner Mutter nach Belgrad. „Dort haben wir aufgegeben zu suchen und uns einquartiert.“ Eine schöne Zeit haben sie dort ob des tobenden Krieges nicht verbracht. Bomben und tagelange Aufenthalte in Bunkern standen an der Tagesordnung. Cikvari und seine Mutter lebten in der Nähe des Verkehrsministeriums, an dem schwere Gefechte bei der Befreiung Belgrads im Zweiten Weltkrieg ausgetragen wurden. „Ich habe gesehen, wie tote Deutsche aus dem Fenster geworfen wurden.“

Wie Josef Cikvari vor Krieg und zu viel Pasta floh

In jungen Jahren war Josef Cikvari ständig auf der Flucht. © Stefan Milk

Zu viel Pasta im italienischen Triest

Im Oktober 1944 war Belgrad befreit, die Deutschen zogen sich zurück. Für Civarki begann ein normales Leben, doch das sollte nicht lange währen. Er fing zwei Ausbildungen an, brach sie aber nach zwei Jahren ab. „Ich wollte Automechaniker werden, aber es gab keine Autos.“ Und so begab sich Cikvari erneut auf die Flucht. Dieses Mal alleine. Bis 1950 war er Bergmann in Istrien – darauf war er durch eine Zeitungsannonce gestoßen. „Dann hatte die Nase voll und da fing das Abenteuer an“, sagt Cikvari.

Mit einem Freund machte er sich auf ins italienische Triest. Unterwegs haben sie einer Frau geholfen, die die ausgehungerten Jungen versorgte. „Ein Kalb war in einen ausgetrockneten Brunnen gefallen. Wir haben geholfen, es herauszuziehen“, so Cikvari. In Triest angekommen wurden sie von einem Polizisten aufgegabelt, der sie in ein Auffanglager schickte. Danach kamen sie in einem Kloster. „Sie haben uns gut verpflegt, aber es gab jeden Tag nur Pasta.“

Als Cikvari nach einem Jahr keine Pasta und Stockbetten mehr ertragen konnte, wie er sagt, floh er wieder. Nach einer ersten missglückten Flucht, zwei Wochen Ausgangssperre, fuhr Cikvari als blinder Passagier in einem Zug bis nach Paris. Dort kam er in einem Lager des Roten Kreuzes unter und bekam Arbeit in einer Eisenfabrik in Elsaß-Lotringen. Nach 20 Tagen gab es für Cikvari den ersten Lohn – und damit die Eintrittskarte ins nächste Abenteuer.

„Wir sind in die Stadt Metz gefahren und haben unser ganzes Geld ausgegeben.“ Ein Zurück gab es für ihn also nicht und ein Freund überredete ihn, sich bei der Fremdenlegion zu bewerben. Heute weiß Cikvari: „Er hat mich verkauft.“

In der Fremdenlegion, die Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg dafür einsetzen wollte, seine Kolonie Indochina in Vietnam zu verteidigen, überschlugen sich die Ereignisse.

Wie Josef Cikvari vor Krieg und zu viel Pasta floh

Josef Cikvari reiste mit der Fremdenlegion nach Vietnam. Doch vorher wurde er in Marokko ausgebildet: „Da lag sogar Schnee!“ © Stefan Milk

Vorbereitung auf den Krieg in Afrika und Vietnam

Nach einem Aufenthalt in Straßburg, wo Cikvari seine Uniform erhielt, ging es nach Marokko. Dort wurden er zum Kämpfer ausgebildet – aber natürlich nicht ohne Unterbrechungen. „Es gefiel mir nicht, ich bin nach drei, vier Monaten ausgebrochen“, sagt er. Doch mit der französischen Karte, die er nicht lesen konnte und ohne Proviant kam er nicht weit. Er wurde wieder „einkassiert“ und musste sich weiter demütigen lassen. „Uns wurde der Kopf kahl geschoren. Eher gesagt wurden unsere Haare herausgerissen“, erinnert sich der Bergkamener. „Und als das Wasser leer war, gab es Wein. Wir waren ständig durstig oder besoffen.“

Zeit, noch einmal zu fliehen, hatte Cikvari nicht. Denn nach wenigen Monaten ging es für ihn schon weiter: 24 Tage lang reiste die Truppe auf einem Schiff nach Indochina. „In Saigon war die schönste Zeit. Wir durften ausgehen, uns vergnügen und es gab reichlich Essen.“

Ans Fliehen dachte Cikvari da freilich nicht. Und doch durfte er nicht bleiben. Die Legion brach auf und Cikvari mit ihr – zumindest vorerst. „Auf einer Brücke inmitten von Reisfeldern bin ich abgehauen. Wir wollten nach Thailand.“ Dort sollten Cikvari und sein Freund aber erst landen, als der Krieg schon vorbei war.

Wie Josef Cikvari vor Krieg und zu viel Pasta floh

Das Bild mit Bürgermeister Roland Schäfer hängt im Wohnzimmer des Rentners. Die Poststelle der Stadt Bergkamen war seine letzte Station. © Stefan Milk

Zurück nach Frankreich und von da aus nach Deutschland

In Thailand sollten sich die Soldaten erholen, bevor es zurück nach Frankreich ging. „Dort kam ich als Flüchtling ins Gefängnis“, sagt Cikvari. Der damals 25-Jährige erhielt schließlich ein Zugticket nach Jugoslawien. Doch Cikvari wäre nicht Cikvari, wenn er artig in seine Heimat gefahren wäre.

Stattdessen überredete ihn ein Freund, mit nach Deutschland zu fahren – wo er letzendlich auch blieb. Cikvari arbeitete unter anderem als Sicherheitskraft und bewachte militärische Einrichtungen, wie ein Munitionslager in Werl. Es folgten unterschiedliche Beschäftigungen und Wohnorte – unter anderem arbeitete er als Bergmann in Bergkamen. Erst vier Jahre bevor er pensioniert wurde, begann Cikvari, in der Poststelle der Stadt Bergkamen zu arbeiten. Und danach wollte er nicht mehr fliehen. Er blieb. Und daran, dass ihm seine letzte Station wohl gut gefallen hat, erinnert ein Foto von ihm und Bürgermeister Roland Schäfer, das heute an der Wohnzimmerwand hängt. Cikvari ist endlich angekommen.

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