Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern an der Töddinghauser Straße sind verzweifelt: Die Brandschutzsanierung wird teuer. Verkaufen wollen oder können die meisten trotzdem nicht.

Bergkamen

, 21.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Abende verlaufen für Rita und Günter Luft eigentlich immer gleich trostlos: Das Ehepaar hört Radio und unterhält sich anschließend. Das Thema ist seit Wochen immer das gleiche: Sie reden darüber, was aus der Wohnung wird, in der sie fast 30 Jahre lang gelebt haben – und in der sie auch bleiben wollten. „Eigentlich, bis sie uns mit den Beinen zuerst heraustragen“, sagt Günter Luft traurig. Das Ehepaar gehört zu denjenigen, die Eigentümer einer Wohnung in den beiden Häusern Töddinghauser Straße 135 und 137 sind. Die Stadt hatte die Häuser wegen Brandschutzmängeln innerhalb von wenigen Stunden geräumt.

Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern sind verzweifelt

Das Appartment, in dem das Ehepaar lebt hat nur etwa 20 Quadratmeter, einschließlich des Bades und der Küchenzeile. © Borys Sarad

Leben in der Notunterkunft

Seitdem lebt das Ehepaar in einem etwa 20 Quadratmeter großen Appartement einschließlich Bad und Küchenblock in der städtischen Notunterkunft an der Fritz-Husemann-Straße, Tür an Tür mit anderen Betroffenen. Gerade hat es sich einen Fernseher aus der alten Wohnung geholt, den ein Nachbar anschließen will. Er verspricht zumindest etwas mehr Ablenkung als das kleine Radio.

Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern sind verzweifelt

Günter Luft steht vor dem Eingang zur Notunterkunft. Das Ehepaar verfügt über kein Auto und vermisst die Einkaufsmöglichkeiten direkt vor der Haustür. © Borys Sarad

Verwalter informiert Eigentümer

Seit Dienstagabend fällt es dem Ehepaar besonders schwer, nachts in den Schlaf zu finden. An diesem Abend hatte Verwalter André Beckschulte die Eigentümergemeinschaft darüber informiert, wie groß der Sanierungsaufwand ist, damit die beiden Häuser wieder bewohnbar werden. Der ist nach Ansicht des Gutachters, den Beckschulte eingeschaltet hat, immens.

Maßnahmen vom Keller bis zur obersten Etage

Laut seinem Bericht müssen vom Keller bis unters Dach auf allen Etagen umfassende Maßnahmen ergriffen werden. Im Kellergeschoss beispielsweise weist der Verbindungsgang erhebliche Mängel auf. Zahlreiche Öffnungen für nachträgliche Installationen bieten Brandrauch ein Bahn. Schotts, die Rauch abhalten sollen, sind zerstört, Rohrleitungen nicht ausreichend abgedichtet und Brandschutztüren, die den Gang in Rauchabschnitte unterteilen müssen, fehlen ganz. So ähnlich ziehen sich die Mängel durchs ganze Haus. Abstellkammern auf den Etagen sind nicht ausreichend gegen Feuer gesichert, Teppichböden und Holzeinbauten in den Fluren müssen entfernt werden, Brandschutztüren eingebaut und Kabelschächte abgeschottet werden. Das geht weiter bis zu den Lüftungsschächten für die Küchen und die Bäder. Dort fehlen Brandschutzklappen und Deckenschotts auf allen Etagen.

Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern sind verzweifelt

Die geräumten Häuser liegen unmittelbar an der ehemaligen Bergkamener City. Ein Brand im leerstehenden Einkaufszentrum Turmarkaden hat zu der Räumung geführt. © Borys Sarad

Genaue Kosten sind immer noch unklar

Wie viel das alles kostet, ist zudem nicht klar – und ob es damit getan ist, auch nicht. Die Planungsunterlagen, die für die „weitergehende Beurteilung und Einschätzung“ der Brandschutzmängel erforderlich seien, lägen immer noch nicht vor, kritisiert der Gutachter in seinem Bericht. Warum sie immer noch fehlen, ist nicht klar. Die Stadtverwaltung verweist darauf, dass sie die mittlerweile 45 Jahre alten Baugenehmigungsunterlagen jederzeit zur Verfügung stellen würde, zumindest sofern sie noch im Archiv vorhanden sind. Verwalter André Beckschulte war an diesem Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Eigentümer fühlen sich zum Verkauf gedrängt

Die Folge: Ein genaue Einschätzung der Sanierungskosten gibt es nicht. Anfangs sei von etwa einer Million Euro die Rede gewesen, im Laufe des Abends von bis zu 2,5 Millionen, berichtet Günter Luft. Er hat den Eindruck, dass die Hausverwaltung die Eigentümer verunsichern wollte, um sie für einen Verkauf der Immobilie reif zu machen.

Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern sind verzweifelt

Die geräumten Häuser, die wie ein Block wirken (rechts, Bildmitte) grenzen direkt an die Turmarkaden. Zu den Wohnungen gehören eigentlich auch Stellplätze auf dem Parkdeck des Einkaufszentrums, das bald abgerissen werden soll. © Stefan Milk

Viele wollen ihre Wohnung behalten

Dazu sind viele aber wohl nicht bereit. Das Ehepaar Luft kann sich einen Verkauf nicht vorstellen, weil sie von einem möglichen Verkaufserlös wohl gerade einmal die Verbindlichkeiten, die noch auf der Wohnung liegen, bezahlen könnte. „Außerdem haben wir die Wohnung schon teilweise barrierefrei umgebaut“, sagt Rita Luft.

Ohne Erspartes in eine Mietwohnung

Wenn die Häuser verkauft werden, ständen sie ohne Mittel da und müssten sich auch noch nach einer geeigneten und bezahlbaren Mietwohnung umschauen. Die müsste auch noch einigermaßen zentral liegen. Die Lufts haben noch nie ein Auto gehabt und konnten an der Töddinghauser Straße alle wichtigen Einkäufe zentral erledigen. Der Verwalter müsse zumindest den Kostenvoranschlag eines Unternehmens vorlegen, um sich ein genaues Bild machen zu können, sagt Luft.

Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern sind verzweifelt

Auf dem Kalender in ihrem Zimmer hat das Ehepaar die Tage durchnummeriert, seit sie aus ihrer Wohnung mussten. Sie sind schon bei Tag 38 angekommen- © Borys Sarad

Wohnung erst aufwendig renoviert und umgebaut

Auch Mario Keller würde sich schwer damit tun, seine Wohnung zu verkaufen. Er hat sein 120 Quadratmeter großes Penthouse erst vor vier Jahren gekauft und viel Arbeit und Geld investiert, um es herzurichten. Entsprechend viel Geld hat er noch bei der Bank aufgenommen. Abbezahlen könnte er das vom mutmaßlichen Verkaufserlös wohl nur zu einem geringen Teil und würde zudem ohne Wohnung dastehen.

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Belastende Situation

Zurzeit wohnt Keller bei einer Freundin in Soest in ihrer 50 Quadratmeter großen Wohnung. Die Situation sei unglaublich belastend, sagt er. Er müsse weiter seiner Arbeit nachgehen, obwohl er nachts vor Sorgen kaum schlafen könne. Wie ihm geht es vielen, weiß er durch den Kontakt mit anderen Eigentümern. „Es gibt manche, die diese Situation nur noch mit Psychopharmaka überstehen.“

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