Viele Menschen halten den eigenen Friedhof im Ortsteil für sehr wichtig. Vor allem die Kirchengemeinden haben aber große Probleme ihn zu finanzieren.

Bergkamen

, 18.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Wenn Klaus Kuhlmann danach gefragt wird, warum Rünthe einen eigenen Friedhof benötigt, fallen ihm auf der Stelle viele gute Gründe ein. Er ist der Vorsitzende des Friedhofsfördervereins in Rünthe und gleichzeitig der Ortsvorsteher des Stadtteils, der ganz im Nordosten von Bergkamen liegt. Damit ist auch schon einer der wichtigsten Gründe genannt: Der städtische Parkfriedhof, der im Süden von Weddingofen liegt und damit fast maximal weit weg von Rünthe, ist kaum zu erreichen und deshalb eigentlich keine Alternative, wenn Menschen aus Rünthe Angehörige bestatten müssen. „Mal eben nachmittags zum Grab gehen, um es zu pflegen oder im Sommer schnell die Blumen gießen, ist für Rünther auf dem Parkfriedhof nicht möglich“, sagt Kuhlmann. Vor allem für ältere Menschen, die kein Auto haben, ist der städtische Friedhof in Weddinghofen nur unter Schwierigkeiten zu erreichen.

Die Ortsteil-Friedhöfe sind wichtig – aber teuer

Der Friedhof ist auch ein Ort der Trauerbewältigung, auch weil sich Trauernde dort begegnen. Allerdings zeigt ein Blick, dass viele Flächen nicht mit Gräbern belegt sind. © Stefan Milk

Ort der Begegnung für Trauernde

Hinzu kommt, dass Kuhlmann den Friedhof auch als einen Ort der gemeinsamen Trauerbewältigung ansieht, auf dem sich Angehörige von Verstorbenen auch zufällig treffen, sich austauschen und sich auch gegenseitig Trost spenden. Unter anderem dafür hat die evangelische Kirchengemeinde neue Ruhebänke auf dem Friedhof aufgestellt, die vom rund 130 Mitglieder zählenden Friedhofsförderverein mit finanziert worden sind.

Die Ortsteil-Friedhöfe sind wichtig – aber teuer

Die Friedenskirchengemeinde stellte vor einigen Monaten ein neues Gräberfeld auf dem Friedhof Overberge vor. Die Begräbnisplätze sind kleiner und nicht so pflegeintensiv. © Borys Sarad

Preisgünstigere Bestattungsformen

Und trotzdem ist vor allem der Rünther Friedhof ein finanzielles Problem für die evangelische Martin-Luther-Kirchengemeinde. Bei den Bestattungen wählen immer mehr Angehörige preisgünstigere Lösungen als die herkömmliche Erdbestattung im Sarg für den Verstorbenen. Urnengräber, Rasengräber und andere moderne Bestattungsformen kosten zum Teil erheblich weniger und benötigen weniger Platz, als auf den Friedhöfen eingeplant ist. Die Kosten für die Pflege der Friedhofsfläche bleiben gleich, die Einnahmen aus den Gebühren verringern sich aber.

Die Ortsteil-Friedhöfe sind wichtig – aber teuer

Der Parkfriedhof in Weddinghofen war ursprünglich als Hauptfriedhof und damit als einzige Begräbnisstätte für die ganze Stadt gedacht. Er ist der einzige kommunale Friedhof, der noch betrieben wird. © Stefan Milk

Angst vor Konkurrenz

Das Problem ist mittlerweile so groß, dass in der jüngsten Sitzung des Stadtrats eine Diskussion losbrach, die eigentlich schon vor Jahren beendet schien. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Bernd Schäfer zweifelte öffentlich an, ob es wirklich sinnvoll war, die Bergkamener Stadtteilfriedhöfe nicht zu schließen, sondern einen Teil an die evangelischen Kirchengemeinden zu übergeben, die sie weiterhin betrieben. Seine These: Dadurch sei eine Konkurrenzsituation entstanden, die für keine Seite gut sei. „Der evangelische Kirchenkreis wird keine Friedhöfe hinnehmen, die auf Dauer defizitär sind“, mutmaßte er öffentlich. Jochen Wehmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, der gleichzeitig Mitglied im Presbyterium der Martin-Luther-Kirchengemeinde ist, drückte es noch drastischer aus: Das Presbyterium würde sicherlich nicht noch einmal entscheiden, Friedhöfe zu übernehmen. „Das treibt uns in die Haushaltssicherung.“

Die Ortsteil-Friedhöfe sind wichtig – aber teuer

Beim Tag des Friedhofs Rünthe im Sommer war der Friedhof belebt. Die Besucher kamen auf Einladung der Kirchengemeinde zusammen. © Marcel Drawe

Konzentrieren auf den Kernbereich

Artur Gallas, der Vorsitzende des Friedhofsauschusses der Martin-Luther-Kirchengemeinde, mag das allerdings nicht so drastisch sehen. Die Diskussion um die Übernahme der Friedhöfe hält er für überflüssig. „Ich halte nichts von nachträglichen Was-Wäre-Wenn-Überlegungen“, sagt Gallas. „Wir haben die Friedhöfe übernommen und wir stehen dazu.“ Stattdessen müsse die Kirchengemeinde die Kosten in den Griff bekommen, mahnt er. Das betrifft vor allem den Friedhof in Rünthe. Die Kirchengemeinde weist die Kosten für die Friedhöfe in Oberaden, Rünthe und für den kleinen Friedhof in Heil zwar in einem Haushalt aus. Gallas geht aber davon aus, dass die Pflegekosten für die Friedhöfe in Oberaden in Rünthe in etwa gleich sind – es in Oberaden aber etwa doppelt so viele Bestattungen wie in Rünthe gibt. Die Gemeinde will den Pflegeauftrag an ein anderes Unternehmen vergeben und sich künftig auf den Kernbereich des Friedhofs konzentrieren. Flächen im Randbereich – unter anderem in Richtung Bevermündung – sollen für Bestattungen aufgegeben und weniger intensiv gepflegt werden. Im kommenden Jahr soll der Friedhof nicht noch weiter in die roten Zahlen rutschen. Später soll er kostendeckend betrieben werden.

Außerdem redet die Gemeinde ständig mit Bestattern, welche neuen Bestattungsformen gefragt sind – auch um in Konkurrenz mit anderen Friedhöfen nicht den kürzeren zu ziehen.

Die Ortsteil-Friedhöfe sind wichtig – aber teuer

Die Karte zeigt, wie viele Friedhöfe es in Bergkamen gibt und wie viele immer noch betrieben werden. Einige Kommunalpolitiker befürchten ein zu große Konkurrenz.

Bürgermeister sieht Konkurrenz auch positiv

Bürgermeister Roland Schäfer kann sich noch daran erinnern, als der Stadtrat vor mehr als zehn Jahren den Beschluss fasste, nicht alle Stadtteilfriedhöfe stillzulegen, sondern diejenigen, die von den Kirchengemeinden übernommen wurden, weiter bestehen zu lassen. „Die Hauptamtlichen im evangelischen Kirchenkreis waren nicht begeistert“, sagt er. Letztlich hätten sich der Kirchenkreis und auch die Stadt dem politischen Druck gebeugt. Als der Zeitpunkt näher rückte, an dem die Stadtteilfriedhöfe geschlossen werden sollten, hätten immer mehr Menschen sich dafür eingesetzt, dass sie doch erhalten bleiben.

Die Konkurrenz zwischen den Friedhöfen in der Stadt findet er allerdings persönlich nicht so schlimm. „Konkurrenz hätten wir ohnehin“, sagt er – und meint damit auch die Konkurrenz zu Friedhöfen in umliegenden Städten. Es gebe auch Bergkamener, die Angehörige in Nachbarstädten bestatten lassen – weil sie den Friedhof dort schöner finden, weil jemand in der Nähe wohnt, der das Grab pflegen kann, aber auch, weil es dort kostengünstiger ist. Die Konkurrenz mit den kirchlichen Friedhöfen zwinge die Stadt immer wieder über den eigenen Friedhof und mögliche moderne, zurzeit beliebte Bestattungsformen nachzudenken.

Friedhöfe „klerikalisiert“

  • Bei der Stadtgründung 1966 übernahm die neue Stadt Bergkamen auch die Friedhöfe der bis dahin eigenständigen Gemeinden.
  • Der Stadtrat beschloss einige Zeit später, einen Hauptfriedhof für die ganze Stadt in Weddinghofen einzurichten – den heutigen Parkfriedhof - und die Stadtteilfriedhöfe in mehreren Schritten zu schließen.
  • Sie sollten ab 2011 komplett geschlossen sein. Vorher sollten ab einer bestimmten Frist nur noch Beibelegungen möglich sein.
  • Als dieser Zeitpunkt näher rückte, wuchs in den Stadtteilen der Widerstand gegen diese Regelung. Der Rat stimmte schließlich zu, Stadtteilfriedhöfe zu „klerikalisieren“, denn als Betreiber kommen laut Gesetz nur Kommunen oder Kirchengemeinden in Betracht.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Sommerakademie

Auf der Ökologie-Station entsteht Kunst und ein Gemeinschaftsgefühl der Künstler