Die Natur am Ackerrand hilft – reicht aber nicht für alle Insekten

dzBlühstreifen

Immer mehr Landwirte entschließen sich dazu, mit Blühstreifen am Ackerrand etwas für die Natur zu tun. Das allein reicht Experten nicht aus – und gefällt nicht immer den Nachbarn.

Bergkamen

, 22.08.2019, 14:03 Uhr / Lesedauer: 2 min

Heinz-Wilhelm Büscher vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) in Unna bekommt immer wieder einmal Fotos von Landwirten zugeschickt, die mit der eigentlichen Landwirtschaft wenig zu tun haben. Es sind Fotos von den Blühstreifen, die Landwirte am Rand ihrer Äcker eingesät haben, um Insekten Nahrung zu bieten. Mit Erfolg, wie es scheint: „Da summt und brummt es ganz gewaltig“, sagt Heinz-Wilhelm Büscher.

Der Geschäftsführer des WLV-Kreisverbandes Ruhr-Lippe ist stolz darauf, wie viele Landwirte sich an der Aktion beteiligen. „Zwischen Schwelm und Selm waren in diesem Jahr rund 500 Kilometer Blühstreifen eingesät“, sagt Büscher. Allein im Kreis Unna rund 200 Kilometer – und auch in Bergkamen beteiligten sich viele Landwirte und säten etliche Kilometer mit der Samenmischung ein, die Pflanzen hervorbringt, in denen Insekten Nahrung finden.

Lob für die Landwirte

Auch Anke Bienengräber von der Biologischen Station auf der Ökostation in Heil lobt die Initiative der Landwirte. Immerhin verzichten sie auf einen Teil der Ernte, um etwas für den Naturschutz zu tun. Sie macht aber auch deutlich, dass die Blühstreifen nur einem bestimmten Teil der Insekten nutzen. Nicht alle finden dort Nahrung.

Die Natur am Ackerrand hilft – reicht aber nicht für alle Insekten

Auf einem Sack mit Samen sind die unterschiedlichen Arten aufgeführt, die ausgesät werden. © Borys Sarad

Keine Wildpflanzen in der Samenmischung

Das liegt unter anderem daran, dass es sich bei Pflanzen aus der Mischung wie Buchweizen, Fenchel, Koriander oder Sonnenblumen auch um Kulturpflanzen handelt, auf denen nicht alle Insekten Nahrung finden, wie die Diplom-Biologin sagt. „Es gibt auch Insekten, die sich seit Jahrhunderten an bestimmte Wildpflanzen gewöhnt haben – aber für die gibt es mittlerweile kaum noch Platz“, erläutert Bienengräber. Praktisch die ganze Landschaft werde bewirtschaftet und gepflegt. Waldränder und andere Flächen, die einfach sich selbst überlassen bleiben, gebe es kaum noch.

Eine Lösung dafür wären Vertragsflächen, die Landwirte der Natur überlassen und dafür Geld bekommen. Solche Flächen richtet aber kaum ein Landwirt gern ein und dafür hat sogar Bienengräber Verständnis. Das Anlegen solcher Flächen ist mit viel Bürokratie, jeder Menge Auflagen und einer strikten Überwachung verbunden.

Die Natur am Ackerrand hilft – reicht aber nicht für alle Insekten

Die Saatmischung besteht vor allem aus Kulturpflanzen, auch wenn sie so normalerweise nicht auf dem Feld wachsen. © Borys Sarad

Genaue Kontrollen schrecken ab

Unter anderem wird auf den Quadratmeter genau kontrolliert, ob die Flächenmaße stimmen – auch aus der Luft. Außerdem dürfen die Flächen weder befahren, noch begangen, noch beritten werden. „Wenn ein Mountainbiker über die Fläche fährt und man die Spuren sieht, wird der Landwirt schon angemahnt“, sagt Büscher. Die Abzüge bei der Prämie sind zwar oft nur geringfügig.

„Ich kann aber schon verstehen, dass die Landwirte nicht dauernd Lust haben, Schreiben zu bekommen und sich damit auseinandersetzen zu müssen“, sagt auch die Diplom-Biologin. Hinzu kommt, dass solche Bereiche für manche Bürger offenbar eine Einladung sind, dort ihre Gartenabfälle zu entsorgen – oder die gleich als wilde Mülldeponie zu nutzen.

Die Blühstreifen sind ein unbürokratischer Weg, etwas für die Natur zu tun – und deshalb gehen ihn Landwirte gerne, auch wenn Naturschützer und Fachleute ihn allein für nicht ausreichend halten.

Gelegentlich bekommen sie wegen der Streifen sogar Ärger mit der Nachbarschaft. Es habe schon Anrufe bei Landwirten gegeben, dass sie doch gefälligst für Ordnung auf ihren Feldern sorgen sollten – bevor der Wildwuchs sich in den Nachbargärten breitmacht. Büscher: „Offenbar sind viele für Naturschutz, aber nicht unbedingt im eigenen Garten.“

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