Mehrere Gebäude der LEG und einige Privathäuser in Bergkamen sind von so starken Rissen betroffen, dass ein Gutachter die Ursache klären soll. Ein Sachverständiger hat schon eine eindeutige Meinung.

Bergkamen

, 26.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Mehrfamilienhaus an der Ernst-Reuter-Straße 1, das die LEG am Wochenende Hals über Kopf geräumt hat, ist nicht das einzige in Bergkamen, das von starken Rissen betroffen ist. Auch ein Nachbarhaus an der Hubert-Biernat-Straße, das ebenfalls der LEG gehört, ist erheblich beschädigt.

Risse gibt es auch an einigen Häusern im IBA-Projekt „Einfach und selbst bauen“. Die Häuser wurden erst nach dem Ende des Bergbau in diesem Bereich errichtet.

Risse gibt es auch an einigen Häusern im IBA-Projekt „Einfach und selbst bauen“. Die Häuser wurden erst nach dem Ende des Bergbau in diesem Bereich errichtet. © Borys Sarad

Risse auch bei Häusern von „Einfach und selber bauen“

Das Problem beschränkt sich jedoch nicht auf diesen kleinen Bereich: Auf der anderen Straßenseite der Hubert-Biernat-Straße weisen fast alle Häuser einer Reihe große Risse auf. Die Häuser, die als Projekt der Internationalen Bauausstellung entstanden, sind noch keine 25 Jahre alt. „Dort ist die Situation zum Teil so schlimm, dass die Eigentümer noch nicht einmal die Fenster öffnen können“. sagt Dr. Karl-Heinz Seemann.

Mindestens eine Wohnung in dem Mehrfamilienhaus steht schon leer.

Mindestens eine Wohnung in dem Mehrfamilienhaus steht schon leer. © Stefan Milk

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Gutachter soll Ursache für Risse finden

Der Bausachverständige aus Overberge betreut Eigentümer dort und war bis vor wenigen Tagen noch von der LEG engagiert. Jetzt hat die Wohnungsgesellschaft ein Gutachterbüro aus Düsseldorf bestellt, das die Ursache für die plötzliche Rissbildung klären soll.

Massive Rissschäden gibt es auch an älteren Häusern an der Lasalle- und der Stresemannstraße. Die Gebäude sind zu einem großen Teil nicht mehr bewohnt.

Massive Rissschäden gibt es auch an älteren Häusern an der Lasalle- und der Stresemannstraße. Die Gebäude sind zu einem großen Teil nicht mehr bewohnt. © Borys Sarad

Nach Angaben der Stadt geht es dabei nicht nur um die beiden Häuser im Bereich Ernst-Reuter-Straße. Auch mehrere ältere Wohnhäuser der LEG an der Lasallestraße und der Stresemannstraße direkt an der Bergkamener LEG-Verwaltung sind betroffen. Die Schäden dort sind nicht zu übersehen.

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Die meisten Wohnungen sind nicht mehr bewohnt. Breite Risse durchziehen die Häuser, auf denen Messpunkte aus Gips angebracht sind. Sie dienen der Kontrolle, wie sich die Risse verändern, erklärt Seemann, der die Punkte nach eigenen Angaben angebracht hat.

Der Riss zieht sich um einen großen Teil des Hauses herum. Er tritt auch auf der Rückseite auf.

Der Riss zieht sich um einen großen Teil des Hauses herum. Er tritt auch auf der Rückseite auf. © Stefan Milk

Häuser im Bereich des „Königsborner Sprungs“

Die Häuser dort liegen im Bereich des sogenannten „Königsborner Sprungs“, einer geologischen Störung, die sich von Unna-Königsborn, wo sie entdeckt wurde, bis ins Münsterland zieht.

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Im Bereich Bebauungsplan „Heinrichstraße Ost“, den die Stadt in den 90er Jahren aufgestellt hat, ist der Bereich des „Königsborner Sprungs“ sogar von der Bebauung ausgespart und als Grünfläche vorgesehen. In der Begründung zum Bebauungsplan „Büscherstraße/Himmeldieck“ mahnt die Stadt, dass wegen der geologischen Störung besondere Sicherungsmaßnahmen an den Gebäuden notwendig sind.

An den Rissen sind solche Markierungen angebracht, die Erkenntnisse bringen sollen, ob sich die Rissbildung fortsetzt. Diese Markierung ist auch schon gerissen.

An den Rissen sind solche Markierungen angebracht, die Erkenntnisse bringen sollen, ob sich die Rissbildung fortsetzt. Diese Markierung ist auch schon gerissen. © Borys Sarad

Seemann hält solche geologischen Störungen auch für die aktuellen Rissbildungen an Gebäuden für verantwortlich. Im Bereich der Ernst-Reuter-Straße verlaufe der „Grimberger Sprung“. „Bergkamen ist von mehreren solcher Störungen durchzogen“, sagt er. Der Bergbau habe die Störungen beim Abbau „angeschnitten“, sagt der Ingenieur. Jetzt sei die Erde deshalb wieder in Bewegung geraten.

Ein Gutachter soll ermitteln, warum sich die Risse an den Gebäuden, wie hier an der Stresemannstraße gebildet haben. Er soll wohl auch klären, ob der Bergbau Ursache sein könnte. Die RAG bestreitet das.

Ein Gutachter soll ermitteln, warum sich die Risse an den Gebäuden, wie hier an der Stresemannstraße gebildet haben. Er soll wohl auch klären, ob der Bergbau Ursache sein könnte. Die RAG bestreitet das. © Borys Sarad

Dafür spricht die Beobachtung eines ehemaligen Mieters aus dem Haus Ernst-Reuter-Straße 1. So weit er gesehen habe, hätten sich die Risse erst in den vergangenen zwei Jahren gebildet, sagt er.

Dezernent hält Ursache nicht für eindeutig

Für den amtierenden Bergkamener Baudezernenten Marc Alexander Ulrich steht die Ursache nicht so eindeutig fest wie für Seemann. Er weist darauf hin, dass auch das Gebäude der Stadtbibliothek auf dem Königsborner Sprung steht und keine Schäden aufweise.

Größter Vermeter
Der Weg von Veba Wohnen bis zur LEG

Die LEG hat die Häuser erst im Jahr 2016 von der Viterra übernommen. Der einstmals größte Vermieter der Stadt hatte seinen kompletten Wohnungsbestand damals an die einstige Landestochter LEG verkauft. Die Viterra firmierte im Laufe der Jahrzehnte unter unterschiedlichen Namen. Ursprünglich hieß die Gesellschaft mit Sitz in Bochum „Veba Wohnen“ beziehungsweise „Veba Immobilien“ und war eine Tochter des größten deutschen Energieversorgers e.on. Es entstand 1974 durch den Zusammenschluss mehrer Wohnungsgesellschaften. Ab 1998 hieß es „Viterra AG“. im Jahr 2005 wurde es von der „Deutschen Annington“ übernommen. Nach dem Zusammenschluss mit der Gagfah 2015 benannte sich das Unternehmen in Vonovia um.

Er sieht auch andere mögliche Ursachen für die Rissbildung - zum Beispiel die beiden extrem trockenen vergangenen Sommer in Verbindung mit der Geologie an den Standorten. Der Gutachter werde aber auch untersuchen, ob es einen Zusammenhang mit den geologischen Störungen und dem Bergbau gebe, vermutete er.

RAG bestreitet Zusammenhang mit Kohleabbau

Auch die RAG bestreitet einen Zusammenhang mit dem Kohleabbau unter Bergkamen. Sie weist darauf hin, dass der Abbau im Baufeld „Monopol“ das unter den Häusern liegt, schon 1993 beendet worden ist. „Nach gängiger Meinung von Fachleuten sind bergbaulich bedingte Bodenbewegungen spätestens nach rund fünf Jahren auf für Gebäude nicht mehr schädliche Maße abgeklungen“, teilt RAG-Sprecher Christof Beike mit. Diese Auffassung vertrat auch der „Verband bergbaugeschädigter Haus- und Grundeigentümer“ (VBHG) vor einigen Tagen. Auch er wies darauf hin, dass der Abbau schon seit etwa 27 Jahren beendet ist und dass eigentlich keine neuen Schäden auftreten dürften.

Seemann dagegen fürchtet, dass es in den nächsten Jahren zu weiteren Gebäudeschäden in den Störungszonen kommt.

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