Der vergessene Schmerz

dzAlkoholsucht

Alkoholsucht ist lange kein Randphänomen mehr. Betroffene erhalten Hilfe in Kliniken und werden von Beratungsstellen aufgefangen. Was jedoch oft vergessen wird: Das Schicksal und der Schmerz der Angehörigen.

von Alexandra Prokofev

Bergkamen

, 20.10.2018, 22:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist acht Uhr früh. Eine Mutter fährt ihre kleine Tochter zur Schule, betrunken. Auf der anderen Seite der Stadt klingelt das Telefon. Ein Kind hört am anderen Ende der Leitung die betrunkene Stimme seines Vaters: Bei Alkoholsucht leiden lange nicht nur die Betroffenen. Auch Eltern, Freunde und vor allem die Kinder der Süchtigen sind in allen Sphären des Lebens davon beeinflusst. Ob beim gemeinsamen Weihnachtsfest, beim Elternsprechtag in der Schule oder beim Abendessen.

Leben mit einem Süchtigen

„Wenn ein Süchtiger in die Klinik kommt wird er mit offenen Armen empfangen, was aus den Angehörigen wird, ist zweitrangig“, sagt Antje Totzek vom Blauen Kreuz. Aus diesem Grund führte sie Angehörige von Suchtkranken in einer Gesprächsgruppe zusammen, einem Ort, an dem alle Gefühle ausgesprochen werden können, vertraulich und sicher. „Ich hab mein Leben darauf ausgelegt, dass meine Mutter trinkt“, berichtet Gruppenmitglied Vanessa (26). Schon als Kind musste sie die „Mutter-Rolle“ selbst übernehmen und den Haushalt führen. Seit vielen Jahren ist sie Mitglied beim Blauen Kreuz und versteht, dass sie mit diesen Problemen nicht alleine ist. „Wenn ich von der Schule gekommen bin, habe ich mich sofort in mein Zimmer gelegt und zurückgezogen, ich wurde immer trauriger“, berichtet auch Mitglied Miriam (16). Soweit sie denken kann ist ihre Mutter alkoholkrank. „Ich rede mir ein, wenn mein Vater betrunken ist, dann ist er nicht mein Vater“, sagt Angehörige Jana (16). Sie alle teilen ein ähnliches, nicht seltenes Schicksal. Jede Person, denen sich die jungen Erwachsenen anvertrauen, haben Bekannte oder Freunde, denen es ähnlich geht.

„Ich hab mein Leben darauf ausgelegt, dass meine Mutter trinkt“ Vanessa, 26 Jahre

Umso erschreckender sei es, dass Alkoholsucht trotzdem ein Tabu-Thema ist. „Die Leute wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen, die Hemmschwelle ist groß“, weiß Vanessa. Gerade weil das Thema oft „vertuscht“ wird, steigen Klischees auf, die der Realität nicht gerecht werden. Aus dem Fernsehen kennen viele das Bild einer Hartz-IV-Familie, bei der der betrunkene Vater keuchend in der Ecke liegt und die Kinder ein ähnliches Schicksal erwartet. „So ist das nicht. Viele Alkoholsüchtige gehen zum Beispiel ganz normal arbeiten“, weiß Antje Totzek. Sie selbst war einmal alkoholkrank und ist Angehörige eines Süchtigen.

„Es ist, wie es ist.“ - ein Satz, an den sich die Angehörigen immer mehr orientieren.

In der Gruppe sind sie frei und können ihre Geschichte erzählen. Ohne Gefahr, ohne Verurteilung. „Meine erste Angst war, ich erkenne hier jemanden“, sagt Miriam. „Aber selbst dann weiß man, der anderen Person geht es auch so und sie wird nichts sagen“, weiß Vanessa. Die Namen und Geschichten der Gruppenmitglieder bleiben im Raum, weder das Jugendamt noch andere Einrichtungen werden eingeschaltet. „Es geht uns nur darum, über alles zu reden“, betont Antje Totzek. Oft sei nämlich genau das nötig. Wie groß das Redebedürfnis der Gruppenmitglieder ist, wird ganz schnell deutlich. Und sie selbst wissen es zu schätzen, dass sie hier ihre Geschichten loswerden können. Denn selbst wenn es nicht immer eine Lösung gibt, hilft oft schon das „überhaupt erst einmal drüber reden.“

„Selbst wenn man Freunde hat, mit denen man reden kann, würde ich empfehlen eine Gruppe oder Beratungsstelle zu suchen“, rät Vanessa. Denn nur dort erhalte man konstruktive Ratschläge und ehrliche Antworten, die einen weiterbringen. „Früher habe ich mich um die Sucht meiner Mutter gekümmert, heute nicht mehr so stark“, sagt Miriam. „Ich weiß jetzt, ich habe mein eigenes Leben, das ich nicht vernachlässigen darf“. Das haben sie nun schon so oft miteinander besprochen, und die Jugendlichen nehmen es an, sie wollen ihren eigenen Weg gehen. Natürlich nicht, ohne die Familie oder Betroffenen hinter sich zu lassen. Es ist nur jetzt ihr eigener und anderer Weg.

Mehr als nur Tränen

Auch wenn die Gruppenmitglieder ein trauriges Thema verbindet, fallen die Treffen laut Totzek „bunt“ aus: „Natürlich wird viel geweint, aber genauso viel wird gelacht“, weiß sie. „Wir reden auch nicht nur über die Sucht unserer Angehörigen, wir erzählen auch aus unserem sonstigen Privatleben“, sagt Jana. Aussprechen, Loswerden und Hoffnung schöpfen – darum soll es gehen. „Ich will bei meinen Kindern später alles anders machen, schöne Geburtstage feiern und über alles reden können“, sagt Vanessa. „Man kann nicht den Trinkenden zuhause verändern, aber man kann sich verändern“, weiß Antje.

Mit der „Jungen Selbsthilfe“ hat das Blaue Kreuz in Bergkamen das Angebot für Menschen, die Hilfe suchen, erweitert. Sie bietet nun auch den Jugendlichen einen besonderen Schutzraum, in dem sie sich regelmäßig treffen und austauschen können, ohne dass sie Angst haben müssen, dass ihre Gefühle oder ihre Geschichten nach außen getragen werden.

In einigen Bereichen ähneln ihre Themen denen der erwachsenen Angehörigen, deren Familien mit einem Alkoholkranken leben. Doch auf der anderen Seite haben Jugendliche ihre ganz eigenen und individuellen Erlebnisse und Erfahrungen, die denen der Erwachsenen in keiner Weise gleichen. Und die sie eben am besten mit Gleichaltrigen beziehungsweise Töchtern und Söhnen teilen. Das Blaue Kreuz der evangelischen Kirche hat mit seinem Angebot für sie in Bergkamen eine Nische geschaffen. Und sie haben sie angenommen und nutzen sie.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Weltkindertag im Wasserpark

„Die komplette Palette Bergkamener Jugendarbeit kommt heute hier beisammen“

Meistgelesen