Günter Brossat hat beim Grubenunglück 1946 auf Grimberg 3/4 drei seiner Brüder verloren. Auch er selbst ging zum Bergbau – bis ihm die Musik den Weg in ein anderes Leben ermöglichte.

Bergkamen

, 05.11.2018, 15:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Günter Brossat zu einem Spiel seines Lieblingsvereins Schalke 04 geht und vor dem Anpfiff das Steigerlied gespielt wird, dann hat er manchmal Tränen in den Augen. Es erinnert ihn an den letzten Abend mit seinen Brüdern Karl, Erwin und Herbert am 19. Februar 1946. „Die Brossats sind alle gute Musiker“, sagt der 76-Jährige. Auch an diesem Abend saß die Familie zusammen und machte Musik.

Der Musiker Günter Brossat trauert bis heute um seine drei Brüder

Die Overberger Familie Brossat hat eine große musikalische Begabung. Schon früh machten die Geschwister Musik. © UDO HENNES

Das letzte Lied


Das Steigerlied gehörte zu den Stücken, die gespielt wurden. Den Abschluss bildete ausgerechnet das Lied „Zum Abschied reich´ ich Dir die Hände“, bevor der Vater der Brüder den Abend beendete. Alle drei mussten am nächsten Morgen, einem Mittwoch, zur Frühschicht auf die Zeche Grimberg 3/4 in Weddinghofen – von der sie nie wieder zurückkehren würden.

Die drei Brüder Brossat, damals gerade einmal 22, 19 und 17 Jahre alt, gehörten zu den 405 Menschen, die bei dem Grubenunglück auf der Zeche Grimberg 3/4 am 20. Februar 1946 ums Leben kamen. Für viele Bergkamener Familien war das Unglück eine Katastrophe, nicht nur für die Familien Brossat. Allein in dem Haus in Overberge, in dem seine Familie damals zusammen mit zwei anderen Familien wohnte, sind fünf Bergleute an diesem Tag ums Leben gekommen, erinnert sich Günter Brossat. Für seine Familie war das bereits der zweite Schicksalsschlag in wenigen Jahren. Ein älterer Bruder war als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront gefallen.

Bei allem Unglück hatte seine Familie sogar noch etwas Glück, denn auch sein Vater arbeitete damals als Bergmann auf Grimberg 3/4. „Mein Vater hatte Mittagsschicht. Er war noch nicht auf der Zeche und hat deshalb überlebt“, sagt Brossat. Er selbst war damals noch so klein, dass er noch nicht einmal zur Schule ging – ein Nachzügler unter den Geschwistern. Dennoch kann er sich erinnern, dass er zusammen mit seinem Vater mit dem Bollerwagen zur Zeche gegangen ist, um die Alltagskleidung seiner Brüder abzuholen. Sie hing noch in der Kaue.

Der Musiker Günter Brossat trauert bis heute um seine drei Brüder

Alle Mitglieder der Familie Brossat machen Musik – oft auch gemeinsam. © UDO HENNES

Erst zum Bergbau


Trotz dieser Erfahrungen gab es damals für junge Bergkamener wenig andere Möglichkeiten, als beim Bergbau zu arbeiten. Als er 14 Jahre alt war und die Schule beendet hatte, machte er selbst eine Ausbildung zum Bergmann. Ab seinem 16. Lebensjahr arbeitete auch er unter Tage. „Als ich zum ersten Mal dort unten war, hat mich das Glänzen der Kohle fasziniert“, erinnert er sich. Neun Jahre lang blieb er auf der Zeche, schuftete in bis zu 1100 Metern Tiefe teilweise in Flözen, die nur 70 Zentimeter hoch waren  – eine Arbeit, die ihre Spuren hinterlassen hat. Er hat überall am Körper noch Narben. Er machte den Knappen- und später auch den Hauerbrief.

Der Musiker Günter Brossat trauert bis heute um seine drei Brüder

Günter Brossat spielte vor allem in Tanzkapellen und wurde ein erfolgreicher Musiker. © UDO HENNES

Musik als Beruf

Die Arbeit im Bergbau endete für Günter Brossat nach neun Jahren, weil auch er das musikalische Talent seiner Familie geerbt hat. Schon in seiner Zeit als Bergmann trat er nebenberuflich als Musiker auf. Im Jahr 1969 hatte er die Chance, auch hauptberuflich Musiker zu werden und ergriff sie. „Ich habe damals Glück gehabt und eine Marktlücke erkannt“, sagt er. Brossat macht vor allem Tanzmusik und spielt Gitarre und Keyboard. Auch jetzt im Rentenalter tritt er noch gelegentlich bei Tanztees und ähnlichen Veranstaltungen auf.

Er verabschiedete sich mit der Zeit nicht nur vom Bergbau, sondern auch von Bergkamen. Er lebt seit vielen Jahren weit weg von den Zechen in Unna-Mühlhausen. „Das ist einfach verkehrsgünstig für meine Auftritte“, sagt er. Die Rente bekommt er nicht von der Knappschaft, sondern von der Künstlersozialkasse.

Der Musiker Günter Brossat trauert bis heute um seine drei Brüder

Auf der Rückseite des Ehrenmals auf dem Friedhof am Südhang sind die Namen von allen Opfern eingemeißelt – auch von Karl, Erwin und Herbert Brossat. © Marcel Drawe

Gedenkfeier

Seine Heimat in Overberge und seine Brüder hat der Musiker aber nicht vergessen. Wenn er es schafft, nimmt er an der Gedenkfeier am 20. Februar am Ehrenmal für die Opfer des Grubenunglücks in Weddinghofen teil. Nicht nur bei dieser Gelegenheit denkt er an seine drei Brüder. „Sie sind zusammengerechnet noch nicht einmal so alt geworden wie ich heute bin“, sagt der Musiker, „das macht mich immer wieder traurig, wenn ich daran denke.“

405 Opfer auf Grimberg 3/4

  • Am 20. Februar 1946 kamen 405 Bergleute, darunter der Betriebsleiter und drei britische Offiziere der North German Coal Control, bei einer Explosion in 930 m Tiefe auf dem Bergwerk Grimberg 3/4 ums Leben.
  • Nur 64 Bergleute überlebten das verheerende Unglück. Die Druckwelle der Explosion unter Tage war so stark, dass es sogar über Tage zu Opfern kam. Die meisten Toten, die in der Grube um Leben kamen, konnten nicht geborgen werden und blieben unter Tage.
  • An die Opfer des Grubenunglücks erinnert ein Ehrenmal mit allen Namen auf dem Friedhof am Südhang.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Steigerlied

Steigerlied soll Weltkulturerbe werden: Selmer zeigen, wie gut sie das Lied singen können

Hellweger Anzeiger Sprachprojekt in der Grundschule

Warum auch deutsche Eltern am Rucksack-Projekt für den Spracherwerb teilnehmen

Meistgelesen