Vor 100 Jahren verselbstständigte sich der Widerstand gegen den Kapp-Putsch zum „Märzaufstand“ im Ruhrgebiet. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Auch in Bergkamen gab es viele Opfer.

Bergkamen

, 21.03.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In diesen Tagen vor genau 100 Jahren erschütterte ein Ereignis Bergkamen, das bei den meisten in Vergessenheit geraten ist. Es kam zum Kapp-Putsch und anschließend zum sogenannten „Märzaufstand“ im Ruhrgebiet. Als er von Truppen der Reichswehr und Freikorps blutig niedergeschlagen wurde, kamen auch mehrere Bergkamener ums Leben.

Wie viele Tote es unter der Bevölkerung der heutigen Stadt Bergkamen gegeben hat, lässt sich kaum noch ermitteln, sagt Mark Schrader, der Leiter des Bergkamener Stadtmuseums. Er hat eine kleine Ausstellung zusammengestellt, die im Foyer des Stadtmuseums aufgebaut ist und hauptsächlich auf Erkenntnissen von Stadtarchivar Martin Litzinger beruht. Sie ist wegen der Coronakrise zurzeit nicht zugänglich.

Einen Namen von Opfern auf einem Ehrenmal

Die Namen einiger der Opfer sind auf einem kleinen Denkmal verewigt, das mittlerweile im Ehrenhain am Übergang vom ehemaligen Friedhof in Bergkamen-Mitte in den Zechenpark steht. Dort sind die Namen von mehreren Männern eingemeißelt, die den vorrückenden Reichswehr- und Freikorps-Truppen nach der „Schlacht von Pelkum“ am 1. April 1920 zum Opfer fielen.

Die Anzahl der Opfer dürfte jedoch wesentlich höher gewesen sein, als die sechs Männer, deren Namen auf dem Gedenkstein veröffentlicht sind. Auch unter den Toten in Pelkum waren vermutlich Bergkamener Bergleute und auch in den anderen Stadtteilen wurden vermutlich Menschen erschossen.

Das Ehrenmal im Ehrenhain am Übergang zwischen dem alten Bergkamener Friedhof und dem Zechenpark erinnert an einige der Bergkamener Opfer der Ereignisse im Jahr 1920. Wahrscheinlich gab es wesentlich mehr. Es gibt eine große Dunkelziffer.

Das Ehrenmal im Ehrenhain am Übergang zwischen dem alten Bergkamener Friedhof und dem Zechenpark erinnert an einige der Bergkamener Opfer der Ereignisse im Jahr 1920. Wahrscheinlich gab es wesentlich mehr. Es gibt eine große Dunkelziffer. © Stefan Milk

Auslöser war der „Kapp-Putsch“ von rechtsgerichteten Militärs

Zum Märzaufstand im Ruhrgebiet war es nach dem sogenannten Kapp-Putsch gekommen. Am 13. März 1920 versuchten rechtsgerichtete Militärs unter Führung des Generals Walther von Lüttwitz die Macht zu übernehmen und die demokratische Weimarer Republik zu beseitigen. Sie setzten den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp als Reichskanzler ein. Die Reichsregierung musste aus Berlin fliehen und rief den Generalstreik aus, den größten in der deutschen Geschichte. Es lag vor allem an diesem Streik, dass der Putsch schon nach 100 Stunden scheiterte, am 17. März 1920.

Im Ruhrgebiet übernahm die „Rote Ruhrarmee“ die Kontrolle

Im Ruhrgebiet waren die Streiks danach aber noch nicht beendet. Vor allem viele Bergleute demonstrierten wegen ihrer schlechten Arbeitsbedingungen weiter. Sie wollten besseren Lohn, geringere Arbeitszeiten und oft auch eine Verstaatlichung (Sozialisierung) der Zechen.

Viele Arbeiter bewaffneten sich. Sie bildeten die „Rote Ruhrarmee“, die in den folgenden Tagen fast im kompletten Ruhrgebiet die Macht übernahm. Dabei kam es auch zu Grausamkeiten und Plünderungen, die allerdings von ihren Gegnern später weit übertroffen wurden.

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Schrader geht davon aus, dass sich auch große Teile der Bergkamener Bergarbeiterschaft an dem März- oder Ruhraufstand beteiligten. Gastwirte und Geschäftsleute und wohl auch die gemäßigten SPD-Anhänger hielten sich heraus.

Die meisten Verbände der Roten Ruhrarmee waren aber nach Verhandlungen mit der SPD-geführten Reichsregierung bereit, die Waffen niederzulegen. Das sogenannte „Bielefelder Abkommen“ wurde nach Ansicht von Historikern von Teilen der Reichswehr-Führung hintertrieben. Sie setzten so kurze Fristen, dass es den Arbeiterverbänden nicht möglich war, so schnell ihre Waffen abzugeben.

Schließlich setzen sich Verbände der Reichswehr und Freikorps aus Münster und Paderborn in Richtung Ruhrgebiet in Bewegung. Sie wurden unterstützt durch Bürgerwehren, die sich unter anderem in Hamm gebildet hatten.

Die damals noch selbstständige Gemeinde Bergkamen gab das Ehrenmal 1921 beim Kamener Steinmetzbetrieb Determann in Auftrag. Wer es geschaffen hat, ist nicht mehr bekannt.

Die damals noch selbstständige Gemeinde Bergkamen gab das Ehrenmal 1921 beim Kamener Steinmetzbetrieb Determann in Auftrag. Wer es geschaffen hat, ist nicht mehr bekannt. Auf dem Foto sind unter anderem Firmeninhaberin Ida Wallmeier (r.) und ihr Neffe Heinrich Determann (2.v.r.) zu sehen. © Archiv

Viele Opfer bei der „Schlacht von Pelkum“

In Pelkum kam es am 1. April 1920 zu einer militärischen Auseinandersetzung, der sogenannten „Schlacht von Pelkum“. Die Rote Ruhrarmee hatten gegen die militärisch ausgebildeten und besser bewaffneten Einheiten keine Chance. Nach einigen Quellen verloren 79 von ihnen ihr Leben. Viele wurden standrechtlich erschossen.

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Am nächsten Tag rückten die Reichswehr und Freikorps weiter in Richtung Dortmund vor und besetzten den Raum Bergkamen. Die Rote Ruhrarmee war zuvor durch Bergkamen abgezogen. Dabei kam es wohl auch zu Plünderungen.

Die Sieger aber gingen weitaus grausamer vor. In Bergkamen war wahrscheinlich das Freikorps des Ritters von Epp im Einsatz, das zuvor noch auf der Seite der rechten Putschisten gestanden hatte und mit unglaublicher Grausamkeit vorging.

Auf der Halde hingerichtet

In den folgenden Tagen gab es mehrere standrechtliche Hinrichtungen. Vor einer Scheune in Rünthe wurde eine Frau erschossen, die sich als sogenannte Arbeitersamariterin um einen Verwundeten gekümmert hatte.

Ein Bergmann aus der Kolonie Schönhausen wurde auf der Halde hingerichtet, weil er an der Sprengung von Schienen beteiligt gewesen sein soll. Sein Schwiegersohn wurde an der heutigen Jahnstraße in Oberaden standrechtlich erschossen, weil er im Besitz eines beschlagnahmten Wagens gewesen sein soll.

Das letzte auf dem Ehrenmal aufgeführte Opfer aus Bergkamen starb noch am 23. April 1920. Er wurde „auf der Flucht erschossen“ wie es damals hieß. Die Reichsregierung hatte erst nach Tagen Standgerichte verboten.

Der Bergkamener Steimmetzbetrieb Kerak restaurierte das Ehrenmal vor einigen Jahren. Seitdem steht es im Ehrenhain.

Der Bergkamener Steimmetzbetrieb Kerak restaurierte das Ehrenmal vor einigen Jahren. Seitdem steht es im Ehrenhain. © Stefan Milk (Archiv)

Gemeinde Bergkamen gab Ehrenmal in Auftrag

Die damals noch selbstständige Gemeinde Bergkamen gab das Ehrenmal für die Getöteten 1921 beim Steinmetz-Betrieb Determann in Kamen in Auftrag. Litzinger und Schrader gehen allerdings davon aus, dass längst nicht alle Namen von Opfern dort aufgeführt sind. „Es gibt wohl eine große Dunkelziffer“, sagt Schrader.

Das Ehrenmal stand lange auf dem ehemaligen Friedhof in Bergkamen-Mitte in der Nähe der schon vor Jahren abgerissenen Trauerhalle und verrottet mehr und mehr. Die Stadt Bergkamen gab 2012 dem Bergkamener Steinmetz Wolfgang Kerak den Auftrag, es zu restaurieren. Seitdem steht es an seinem jetzigen Standort im Ehrenhain.

Schrader hat sich vorgenommen, auch diesen dunklen Teil der Bergkamener Stadtgeschichte näher zu erforschen. Das Ergebnis soll als Teil der Ausstellung zur Bergkamener Stadtgeschichte nach dem Umbau des Stadtmuseums zu sehen sein.

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