Das Beverseegebiet wird vom verspotteten „Mückenloch“ zum wertvollen Naturschutzgebiet. Seine Existenz hat es in doppelter Hinsicht dem Bergbau zu verdanken.

Bergkamen

, 14.11.2018, 14:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gleich links neben der B 233 (Werner Straße) zwischen Datteln-Hamm-Kanal und Hamm-Osterfelder Bahn liegt eines der größten Kleinode der Natur im Kreis Unna: das Beverseegebiet. Im und am See gibt es eine große Vielfalt von Vögeln, die dort leben oder zumindest auf der Reise dort Station machen. Allein auf der großen Wiese zwischen Wanderparkplatz und Beversee gibt es 180 verschiedene Pflanzenarten, es gibt Amphibien im See und in kleinen Tümpeln und einen Wald, in dem nur heimische, standortgerechte Bäume wachsen. Dass rund 100 Hektar große Naturschutzgebiet ist nicht etwa bei der Industrialisierung in Bergkamen übrig geblieben, sondern ist so etwas wie Natur aus zweiter Hand. Es hat seine Existenz dem Bergbau zu verdanken – und das gleich in doppelter Hinsicht.

Der Bergbau schafft unberührte Natur aus zweiter Hand

Das Beverseegebiet liegt zwischen der B 233 (l.), dem Datteln-Hamm-Kanal (oben) und der Hamm-Osterfelder Bahn und dem Bayer-Werksgelände (unten). Der etwa neun Hektar große See entstand durch eine Bergsenkung und ist nur im Süden (unten) an einer Stelle direkt zugänglich.

Bergsenkungen in den 40er Jahren

Ursprünglich war der Bereich um den Beverbach ein Bestandteil des „Großen Holzes“ – einst das größte Waldgebiet im Altkreis Unna. Anfang der 40er Jahre senkte sich durch den Kohleabbau die Erde am Beverbach. Die Senkung lief voll Wasser und bildete einen kleinen Waldsee. Dass sich dieser Bereich in den folgenden Jahrzehnten fast unberührt von Menschenhand entwickeln konnte, liegt indirekt auch am Bergbau. Die Bremer Klöckner AG, der damals die Zeche Werne gehörte, kaufte den Bereich. Stadtarchivar Martin Litzinger geht davon aus, dass das im Zusammenhang mit dem Bau des Kohleverladehafens am Datteln-Hamm-Kanal stand – der heutigen Marina Rünthe. Klöckner zäunte den Waldbereich ein und verwehrte Unbefugten den Zutritt. „Es gab sogar einen Waldaufseher, der darauf geachtet hat“, erläutert Litzinger. Da Klöckner den Bereich kaum nutzte, konnte sich die Natur dort völlig ungestört entwickeln.

Der Bergbau schafft unberührte Natur aus zweiter Hand

Der Beversee kann auch romantisch sein – zum Beispiel im Mondschein mit der Silhouette des Kraftwerks Heil im Hintergrund. © Michael Dörlemann

Kampf um das „Mückenloch“

Bis der Wert des Bereichs erkannt war und er unter Naturschutz gestellt wurde, dauerte es allerdings noch einige Zeit. Die Entwicklung, bis es dazu kam, war durchaus dramatisch: Die Stadt Bergkamen hatte in den 60er Jahren, als Natur- und Umweltschutz noch keine große Rolle spielten, ganz andere Pläne mit dem Gelände – das ein prominenter Kreispolitiker als „verunstaltetes Schlammloch, das längst beseitigt sein müsste“ bezeichnete. Es gab Überlegungen, das Brachgelände als Mülldeponie zu nutzen. Schließlich überlegte sich die Kommunalpolitik das „Mückenloch“, wie es spöttisch genannt wurde, zuzuschütten und dort ein Großkraftwerk zu errichten. Es kam anders und das ist vor allem zwei Männern zu verdanken: Herbert Reiss, der bis 1971 Kreisdirektor beim Kreis Unna war und dem Bergkamener Lehrer Helmut July. July hatte schon früh den Wert des Gebiets erkannt, sich für den Naturschutz eingesetzt und sich dafür viele Anfeindungen aus der Bergkamener Kommunalpolitik gefallen lassen. Offene Ohren fand er bei Herbert Reiss, zu dessen Amtsbereich beim Kreis auch die 1949 gegründete Kreisstelle für Naturschutz und Landschaftspflege gehörte. Eine Funktion, die er sehr ernst nahm, wie sich einer seiner Mitarbeiter Jahre später erinnerte. „Er hat um jeden Baum im Kreis Unna gekämpft.“

Der Bergbau schafft unberührte Natur aus zweiter Hand

In den Teichen um den Beversee leben viele Amphibien – wie dieses Bergmolchweibchen. © Michael Dörlemann

Naturschutz seit 1985

Sein Kampf um die vielen Bäume am Beversee hatte jedenfalls Erfolg. Er fand den Alternativstandort für das Kraftwerk auf der anderen Kanalseite, wo es ab Ende der 70er Jahre tatsächlich gebaut wurde. Den Ausschlag gab übrigens ein Besuch des damaligen Landesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Diether Deneke (SPD), 1973 in Bergkamen. Er erklärte, dass der Bereich um den Beversee unter Naturschutz gestellt werden sollte.

Das Minister-Wort aus Düsseldorf überzeugte offenbar auch den SPD-dominierten Bergkamener Stadtrat. Er beantragte 1978, das Beverseegebiet unter Naturschutz zu stellen. 1979 stellte es die Bezirksregierung vorläufig unter Schutz, seit 1985 ist es Naturschutzgebiet – und mittlerweile sind alle Bergkamener stolz auf ihr Stückchen unberührter Natur im Schatten des Kraftwerks.

Der Bergbau schafft unberührte Natur aus zweiter Hand

Auf dem Beversee sind auch Kormorane (Phalacrocorax carbo) zu sehen. Für Spaziergänger lohnt es sich, ein Fernglas mitzunehmen. © Marcel Drawe

Naturvielfalt als Folge des Bergbaus

Das Beverseegebiet ist übrigens nicht das einzige Naturschutzgebiet in Bergkamen, das durch den Bergbau entstanden ist. Durch die Bergsenkungen sind vernässte Bereiche entstanden, sodass die Flächen für die Landwirtschaft uninteressant geworden sind und mittlerweile Lebensraum für seltene Arten bieten. In Heil beispielsweise gibt es in der Nähe des Datteln-Hamm-Kanals einen Feuchtwiesenkomplex, auf dem sogar Orchideen wie das breitblättrige Knabenkraut wachsen.

Die Halde Großes Holz, einst nur ein großer Steinhaufen, steht zwar nicht unter Naturschutz. Sie ist aber ein Rückzugsgebiet für viele Tier- und Pflanzenarten geworden, die in landwirtschaftlich genutzten Bereichen nicht mehr vorkommen.

Mittlerweile hat sogar die EU anerkannt, wie wertvoll die Natur ist, die durch den Bergbau in Bergkamen entstanden ist. Das Beverseegebiet ist zusammen mit den Lippeauen und dem Cappenberger Wald seit 2007 als Flora-Fauna-Habitat (FFH-Gebiet) von europäischem Rang eingestuft.

Führung durch das Beverseegebiet

  • Der Naturschutzbund Nabu bietet zu Weihnachten wieder eine geführte Tour durch das Beverseegebiet an.
  • Die Tour unter der Leitung von Karl-Heinz Kühnapfel startet am Zweiten Weihnachtstag, 26. Dezember, um 10 Uhr auf dem Wanderparkplatz Beversee an der Werner Straße.
  • Die Teilnahme an der etwa zweistündigen Tour kostet zwei Euro.
  • Für Nabu-Mitglieder ist sie kostenlos.
  • Darüber hinaus bieten die Biologische Station Kreis Unna und der Regionalverband Ruhr (RVR) regelmäßig Touren an – unter anderem eine Fledermaustour.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Steigerlied

Steigerlied soll Weltkulturerbe werden: Selmer zeigen, wie gut sie das Lied singen können

Hellweger Anzeiger Sprachprojekt in der Grundschule

Warum auch deutsche Eltern am Rucksack-Projekt für den Spracherwerb teilnehmen

Meistgelesen