Das kleine Dorf, um das Bergbau scheinbar einen Bogen gemacht hat

dzOrtsgeschichte Heil

Ganz Bergkamen ist entscheidend vom Bergbau geprägt. Ganz Bergkamen? Nein, in dem kleinen Dorf Heil hat die Montangeschichte kaum Spuren hinterlassen. Zumindest auf den ersten Blick.

Heil

, 18.11.2019, 15:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer sich Bergkamen aus Richtung des Cappenberger Schlosses nähert, merkt erst einmal nicht, dass er Europas ehemals größte Bergbaustadt erreicht. Er kommt durch Heil. Und dort ist weder etwas von Bergbau noch von Stadt zu sehen. Bergkamens kleinster Stadtteil hat seine dörfliche Struktur weitgehend erhalten. Auch der Bergbau hat den Ort, der zum ersten Mal 1120/21 urkundlich erwähnt wurde, auf den ersten Blick kaum verändert.

Unter Heil liegt ein großes Grubenfeld

Zumindest an der Oberfläche. „Das Grubenfeld von Haus Aden befindet sich zu 90 Prozent unter Heiler Gebiet“, sagt Stadtarchivar Martin Litzinger, der gerade an einer Chronik über den Stadtteil arbeitet. Der Förderturm von Haus Aden, der auf der Südseite des Kanals steht, ist von Heil aus dann auch gut zu sehen. „Letztlich ist es Zufall, dass die Übertagegebäude auf Oberadener Gebiet errichtet wurden“, meint Litzinger.

Das kleine Dorf, um das Bergbau scheinbar einen Bogen gemacht hat

Der Förderturm von Haus Aden entstand auf einer Fläche, die einst Heiler Bauern gehörte. Weil es sich um Sumpfland handelte, konnten sie nicht allzu viel damit anfangen. © Marcel Drawe

Denn die Fläche, die die „Gewerkschaft Ewald“ 1902 gekauft hat, gehörte vorher Heiler und Oberadener Bauern. Allzu viel landwirtschaftlichen Wert hatte sie wohl nicht. „Es handelte sich um feuchtes Sumpfland“, sagt Litzinger. Das spiegelte sich vermutlich auch im Preis wider. Und das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die künftigen Zechenbetreiber sich für diesen Standort entschieden.

Stadtarchivar


Die Heiler Chronik ist in Arbeit

  • Heil ist der einzige Bergkamener Stadtteil, über den Stadtarchivar Martin Litzinger noch keine Chronik veröffentlicht hat. Das Werk ist aber in Arbeit und soll im ersten Quartal des nächsten Jahres erscheinen.
  • Litzingers Chroniken „Rünthe - Gemeinde zwischen Lippe und Bever“ von 2005 und „Overberge - Ein Dorf und seine Geschichte“ von 2011 sowie „Weddinghofen - Die ,Kuckuck‘-Gemeinde in alter und neuer Zeit“ von 2017 gibt es für jeweils 11,80 Euro im Bürgerbüro im Rathaus und im Stadtmuseum in Oberaden.
  • Die Bände „Bergkamen - vom Bauerndorf zum Industrieort“ von 2003 sowie „Oberaden - Die ,Römerberg‘-Gemeinde im Wandel der Zeit“ von 2007 sind vergriffen.

Auch Heiler wurden Bergleute

Bis dann wirklich Steinkohle unter Heil abgebaut wurde, dauerte es noch einige Jahrzehnte. Die Abteufarbeiten begannen 1938, die Zeche nahm ihren Betrieb 1941 auf – mitten im Zweiten Weltkrieg.

Das kleine Dorf, um das Bergbau scheinbar einen Bogen gemacht hat

In Heil leben etwas mehr als 500 Menschen. © Marcel Drawe

Der Bergbau hatte da schon längst Einzug gehalten in der Heiler Nachbarschaft. Die Zeche Monopol wurde 1890 abgetäuft, neun Jahre später folgte die Zeche Werne. Und die brauchten Personal. Die Zechenbetreiber rekrutierten ihre Mitarbeiter zwar aus den Kreisen von Zuwanderern, die zum Beispiel aus Schlesien nach Westfalen kamen.

Bergleute, die auch Landwirtschaft betreiben

Aber auch Einheimische gingen zur Arbeit auf der Zeche: „Die ersten Bergleute in Heil gab es in den 1890er Jahren“, sagt Litzinger. Ihre Zahl blieb aber überschaubar. Zudem unterschieden sie sich von den anderen Kumpeln. Und nicht nur darin, dass sie schon sesshaft waren und keine Zechensiedlungen benötigten: Die Heiler, die ihr Geld im Bergbau verdienten, gaben die Landwirtschaft nicht auf, sondern blieben als Teilzeitbauern aktiv. Das sieht man dem Dorf auch heute noch an.

Das kleine Dorf, um das Bergbau scheinbar einen Bogen gemacht hat

Auch das Kraftwerk Heil ist ein Zeugnis des Bergbaus. Allerdings ging es erst 1981 in Betrieb und liegt fern ab des eigentlichen Dorfes. © Stefan Milk

Nur an der Königslandwehr hat der Bergbau Spuren hinterlassen: Dort stehen das Vereinsheim der Grubenwehr und das Funkerheim. Am Standort des letzteren befand sich früher ein Wetterschacht. Das Kraftwerk am Westenhellweg erinnert ebenfalls an den Bergbau, liegt aber vom eigentlichen Dorf relativ weit entfernt.

Von 1904 bis 2009 gab es einen Knappenverein

Auch die Selbstorganisation und Solidarität der Bergleute ging nicht spurlos an Heil vorbei. 1904 gründete sich die Unterstützungskasse „Glück Auf Viktoria Heil“, aus der später der Knappenverein hervorging. „Die Gründung erfolgten relativ spät, war aber für ein Dorf wie Heil auch eher ungewöhnlich“, sagt Litzinger.

Das kleine Dorf, um das Bergbau scheinbar einen Bogen gemacht hat

Der Heiler Knappenverein wurde 1904 gegründet und löste sich 2009 auf. Im Jahr 2010 hängten die ehemaligen Mitglieder die Knappenfahne im Jugend- und Vereinsheim auf. © Stefan Milk

Ursprünglicher Vereinszweck war die Unterstützung erkrankter Mitglieder. Ab 1973 durften dann auch Nichtbergleute dem Knappenverein beitreten, dem es auch immer stärker um die Pflege der bergmännischen Tradition ging. Allerdings hatte auch die in Heil irgendwann ein Ende: Vor zehn Jahren löste sich der Kanppenverein wegen Überalterung auf.

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