Vielen Bergkamenern fehlt das Verständnis für die schnelle Räumung von zwei Häusern mit 60 Wohneinheiten. Die Feuerwehr hat dort allerdings bestürzende Beobachtungen gemacht.

Bergkamen

, 23.05.2019, 17:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

Viele Bergkamener haben kein Verständnis dafür, dass die Stadt zwei Häuser an der Töddinghauser Straße für unbewohnbar erklärt und innerhalb weniger Stunden hat räumen lassen. Ein häufiges Argument: Auch in anderen Häusern in der Stadt sei es in der Vergangenheit häufiger zu einem Brand gekommen und die habe die Stadt nicht räumen lassen.

Brandrauch in kurzer Zeit im ganzen Haus

Die Beobachtungen der Bergkamener Feuerwehr beim Brand in den Turmarkaden am Freitag vor zwei Wochenlasen sprechen jedoch eine andere Sprache: Die Feuerwehr geht davon aus, dass alle Bewohner bei einem Brand in einem der Häuser in höchster Gefahr schweben. Sie hatte beide Häuser in kurzer Zeit evakuieren lassen, nachdem Brandrauch über den Keller von den Turmarkaden in die beiden Häuser eingedrungen war.

Das Gift, das durch die Lüftung kommt

Beim Einsatz wegen des Brandes in den Turmarkaden wurden in den beiden Häusern nach kurzer Zeit in vielen Wohnungen Rauchmelder ausgelöst. © Borys P. Sarad

Normalerweise sind Bewohner in ihrer Wohnung in Sicherheit

Bei Bränden im Keller, zu denen es auch bei anderen Häusern in der City schon gekommen ist, besteht immer die Gefahr, dass der giftige Brandrauch ins Treppenhaus zieht. Das übliche Vorgehen der Feuerwehr: Sie mahnt die Bewohner, in den – rauchfreien – Wohnungen zu bleiben. Sie sollen dort abwarten, entweder bis die Feuerwehr gelöscht und das Treppenhaus gelüftet hat oder bis sie sicher aus den Wohnungen gebracht werden können, notfalls mit der Drehleiter. In den beiden Häusern ist ein solches Vorgehen nach Ansicht von Stadtbrandmeister Dirk Kemke nicht möglich. Auch Wohnungen in allen acht Stockwerken seien nach kurzer Zeit verraucht gewesen, schildert er. Indiz dafür: In vielen Wohnungen wurden die Rauchmelder ausgelöst. Deshalb entschied sich die Feuerwehr, die Häuser schnell zu evakuieren.

Das Gift, das durch die Lüftung kommt

Mittlerweile gibt es CO-Melder, die ähnlich wie Rauchmelder bei einer erhöhten Kohlenmonoxid-Konzentration ausgelöst werden. © picture alliance / Franziska Gab

Hohe Konzentration von Kohlenmonoxid

Als die Feuerwehr in verschiedenen Wohnungen Messungen nach Kohlenmonoxid (CO) durchführte, war sie endgültig alarmiert. An vielen Stellen in den Häusern war die Konzentration hoch.

„Wir können in den Häusern definitiv keine Brandschutzabschnitte bilden.“
Stadtbrandmeister Dirk Kemke
So hoch, dass es schon nach wenigen Minuten zu gesundheitlichen Schäden kommen kann. Das Tückische: Das giftige Gas ist weder zu sehen noch zu spüren. „Wir können in den Häusern definitiv keine Brandabschnitte bilden“, sagte Kemke. Das bedeutet: Ein Brand und seine Folgen können nicht auf einen Teil der Häuser begrenzt werden, ohne dass die Bewohner anderer Bereiche nicht in Gefahr geraten. Nach der Bauvorschrift müssen größere Mehrfamilienhäuser so gebaut sein, dass sie in einzelne Abschnitte unterteilt sind, aus denen Feuer und Rauch frühestens nach Stunden in andere Bereiche überschlagen können.

Das Gift, das durch die Lüftung kommt

Feuerwehrleute tragen als Schutz vor dem giftigen Rauchgas und vor Kohlenmonoxid beim Einsatz am Brandort Atemschutzmasken und Sauerstoffflaschen. © Stephanie Tatenhorst

Feuerwehr nicht für die Räumung verantwortlich

Kemke betont, dass die Feuerwehr aber nicht für die Räumung der Häuser verantwortlich ist. Sie habe ihre Beobachtungen lediglich an die Bergkamener Bauordnung weitergemeldet, die sich daraufhin zusammen mit der Brandschutzdienststelle des Kreises Unna auf die Suche nach den Ursachen machte.

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Lüftungsschächte an vielen Stellen „perforiert“

Die Behördenmitarbeiter stießen bei ihren Untersuchungen auf diverse Umbauten, die von der ursprünglichen Baugenehmigung abweichen und den Brandschutz beeinträchtigen. Die Lüftungsschächte in den Häusern seien an vielen Stellen „perforiert“, sagte der Leiter der Bergkamener Bauordnung, Tim-Felix Heusner. Rauch und Kohlenmonoxid könnten völlig unkontrolliert in alle Bereiche der beiden Häuser ziehen.

Das Gift, das durch die Lüftung kommt

Feuerwehrleute im Einsatz tragen solche CO-Melder. Auch dadurch stellten sie fest, dass es fast überall in den beiden Häusern zu einer gesundheitsgefährdenden CO-Konzentration gekommen war. © picture alliance / Daniel Bockwo

Wahrscheinlich noch nicht alle Mängel entdeckt

Heusner geht davon aus, dass bei der Begehung in der vergangen Woche noch nicht einmal alle Brandschutzmängel entdeckt wurden. Der Gutachter, den die Hausverwaltung eingeschaltet hat, habe noch mehr Mängel entdeckt und die Situation noch düsterer gesehen. Er geht offenbar auch davon aus, dass noch gar nicht alle Mängel durch nicht genehmigte Umbauten entdeckt sind. „Es gibt wohl auch noch verdeckte Mängel, von denen wir noch gar nichts wissen“, sagte der Leiter der Bauordnung.

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Gespräch mit Gutachter muss verschoben werden

Deshalb kommt es auch zu Verzögerungen, bis er endgültig ein Gutachten und eine Abschätzung der notwendigen Sanierungsmaßnahmen vorlegt. Eigentlich war schon für Ende dieser Woche ein Gespräch geplant. Das ist jetzt auf den kommenden Dienstag verschoben. Heusner geht von einem langen Zeitraum aus, bis die Mängel beseitigt und die Häuser wieder bewohnbar sind.

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Bestandsschutz wahrscheinlich erloschen

Bitter für die Bewohner: Wegen der vielen nicht genehmigten Umbauten ist wahrscheinlich auch er Bestandsschutz erloschen. Das bedeutet, dass es nicht ausreichen könnte, den Ursprungszustand wieder herzustellen, sondern dass die Häuser an die derzeitigen, schärferen Brandschutzbestimmungen angepasst werden müssen.

Bauordnung sieht keinen Ermessensspielraum

Heusner steht zu der Entscheidung der Behörden. Es könne jederzeit ein Brand in einer der 60 Wohnungen ausbrechen – und die Ausbreitung von Rauch und Kohlenmonoxid in den gesamten Gebäude gehe dann rasend schnell. „Da gab es leider kein Ermessen mehr.“

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