Rüdiger Klos-Neumann leidet an einer seltenen Krankheit. Nur Cannabis macht seine Schmerzen erträglich. Der Bergkamener plant jetzt, ein Cannabis-Geschäft in Bergkamen zu eröffnen. Spätestens im April.

Bergkamen

, 10.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Um Punkt 1 Uhr nachts saß ich senkrecht im Bett und dachte, mir wird der Kopf gespalten.“ Der Bergkamener Rüdiger Klos-Neumann erinnert sich noch ganz genau an den Moment, der vor 25 Jahren sein Leben auf eine grausame Weise umkrempelte.

Nicht einmal Frauen, die ein Kind auf die Welt gebracht haben, können den Schmerz nachempfinden, den Klos-Neumann erlebt, wenn er gerade einen Cluster-Kopfschmerz erleidet: Der Schmerz bei einer Geburt liege auf einer Skala von eins bis zehn bei sechs. Wenn er einen Anfall habe, dann liege sein Schmerzempfinden im Bereich acht bis neun, erklärt Klos-Neumann.

Hanf bewahrt ihn vor Höllenqualen: Bergkamener eröffnet Cannabis-Geschäft in der City

Auch nikotinfreien Rauchersatz will Rüdiger Klos-Neumann anbieten. Die E-Zigarette enthält zwar Hanf, hat aber keine berauschende Wirkung. Eher im Gegenteil: Sie soll das Verlangen nach Zigaretten oder Alkohol mindern. © Stefan Milk

Die sogenannten Cluster-Kopfschmerzen, die von einem Gendefekt im Hypothalamus herrühren, über die aber sonst nicht viel bekannt ist, schränkten Klos-Neumann jahrelang extrem ein, machten ihm das Leben zur Hölle.

Trat der Schmerz in den ersten Jahren nur innerhalb von Episoden auf, kam er irgendwann in kürzeren Abständen wieder.

Jederzeit könnte er Klos-Neumann außer Gefecht setzen. Der Bergkamener würde auch heute noch zwölf Stunden am Tag auf dem Boden liegend verbringen „und um mein Leben kämpfen“ – wenn er nicht eine Medizin entdeckt hätte, die ihm das Leben erträglich macht.

Cannabis-Medizin macht sein Leben erträglich – und teuer

Nachdem verschiedenste Medikamente, Therapien und Operationen nicht anschlugen und er als therapieresistent eingestuft worden war, erhielt Klos-Neumann im Jahr 2015 die Genehmigung, sich Cannabis verschreiben zu lassen. Seitdem kann der Familienvater wieder ein geregeltes Leben führen und auch wieder arbeiten gehen.

Der Familienvater trinkt präventiv Cannabis-Tee. Sobald er spürt, dass der Kopfschmerz ihn im nächsten Moment außer Gefecht setzen könnte, atmet er die Öle und die Wirkstoffe mit einem Dampf-Gerät, einem Vaporisator, ein. Der so eingeatmete Wirkstoff dämmt den Schmerz ein, Klos-Neumann spürt ihn dann zwar noch hinter seinem Auge pulsieren, doch er bricht nicht aus. Der Schmerz liege dann etwa bei dem Wert zwei, sagt er.

Meldet sich der Schmerz an, ist allerdings Eile geboten. Innerhalb von 90 Sekunden erwärmt der Vaporisator die Cannabisblüten auf 180 Grad. „Wenn der Cluster einmal da ist, dann ist es vorbei. Dann muss ich da durch“.

Doch obwohl es Klos-Neumann etwas besser geht, ist er noch nicht zufrieden. Noch lange nicht. Denn nachdem im März 2017 das „Cannabis als Medizin“-Gesetz in Kraft getreten war, zahlte die Krankenkasse zunächst für Klos-Neumanns Medikamente. Allerdings nur zeitlich begrenzt.

„Im Dezember 2019 hat die Krankenkasse die Kostenübernahme eingestellt. Der Monat war ganz schlimm für mich“, erinnert sich Klos-Neumann. Als Grund soll die Krankenkasse fehlende Studien angegeben haben, sagt Klos-Neumann. Er zahlt seitdem etwa 5500 Euro pro Monat für die Medikamente. „Ich bin mittlerweile sicher schon im sechsstelligen Bereich“, schätzt er.

Klos-Neumann wünscht sich eine einheitliche Regelung

Der Bergkamener hatKlage vor dem Sozialgericht eingereicht, damit die Kosten übernommen werden. Und weil er nicht der einzige Patient ist, dem es so ergeht – Klos-Neumann tauscht sich in Selbsthilfegruppen mit anderen Betroffenen aus – setzt sich für mehr die Akzeptanz und eine einheitliche Regelung für die medizinische Nutzung von Cannabis ein.

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Denn trotz Gesetz unterscheiden sich laut Klos-Neumann die Regelungen von Bundesland zu Bundesland und zu viele Patienten müssten noch dafür kämpfen, dass die Kosten übernommen werden.

Klos-Neumann erhebt seine Stimme und hat kürzlich einen öffentlichen Brief an die Regierung geschickt, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass viele Patienten keinen Zugang zu Cannabis in der Medizin haben. Außerdem will er die Produkte, die aus der Pflanze gewonnen werden, persönlich unters Volk bringen und dafür sensibilisieren.

Das Cannabis-Geschäft könnte schon im März eröffnen

Er will ein Hanf-Geschäft in der Bergkamener Innenstadt eröffnen. In dem Laden wird es freilich keine Rauschmittel geben und keine Medikamente. Dafür aber CBD-Öle, Salben, Nasenspray – und sogar Kleidungstücke aus reinem Hanf. Die Mittelchen können zum Beispiel bei Muskelschmerzen, Erkältung, Kopfschmerzen oder Menstruationsbeschwerden eingesetzt werden. „Ich kann keine Heilung versprechen, aber von meinen Erfahrungen berichten“, sagt Klos-Neumann.

Hanf bewahrt ihn vor Höllenqualen: Bergkamener eröffnet Cannabis-Geschäft in der City

Das Aromapflege-Öl mit CBD soll gut für die Gelenke sein. © Stefan Milk

Der gelernte Koch, der mittlerweile seine Erfahrungen mit der Pflanze zu seinem Beruf gemacht und „Senior Cannabis Consultant“ ist, will die Menschen in seinem Geschäft beraten. Immerhin gibt es viele unterschiedliche Bestandteile und Wirkstoffe. Die Produkte, die er anbieten will, sollen alle biologisch, nachhaltig sein – und gehen vorher an die Behörden.

„Um Punkt 1 Uhr nachts saß ich senkrecht im Bett und dachte, mir wird der Kopf gespalten.“
Rüdiger Klos-Neumann

Bevor er keine Genehmigung hat, will er sein Geschäft nicht eröffnen. So wolle er Sicherheit für sich und seine Kunden schaffen, sagt Klos-Neumann.

Er ist derzeit auf der Suche nach einem Investor und sei schon in Gesprächen mit Interessenten. Als Standort kann er sich das leer stehende Ladengeschäft in der Rathaus-Galerie oder direkt neben dem neuen Stadtfenster vorstellen. „Leerstand gibt es genug.“ Eröffnen will er im März oder April. Klos-Neumann arbeitet mit unterschiedlichen Produzenten zusammen. Er entwickelt aber auch selber mit – zum Beispiel Cannabis-Badesalz. Und auch essbare Hanfsamen werden ins Sortiment aufgenommen – pur, gesalzen und mit Schokolade überzogen. Sie schmecken übrigens nicht nach Gras, sondern einfach nussig – und sind ganz harmlos.

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