Brandgutachter Thomas Albrecht hat viele Fragen zur Räumung der Häuser an der Töddinghauser Straße – und kritisiert die Behörden deutlich. Der Baudezernent verspricht Antworten.

Bergkamen

, 10.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Brandschutzgutachter Thomas Albrecht hat nach eigenen Worten eine ganze Reihe von Ungereimtheiten bei der Räumungsentscheidung für die beiden Häuser an der Töddinghauser Straße entdeckt. Nachdem er die Häuser einige Tage lang begutachtet und sich mit den Bauunterlagen vertraut gemacht hat, stellt er eine ganze Reihe von Fragen. Er ist bisher von etwa einem Drittel der Wohnungseigentümer bestellt worden.

Kritik an der Auswahl von Fotos

Das Bergkamener Baudezernat nahm zu diesen Fragen an diesem Mittwoch begrenzt Stellung. Baudezernent Dr. Hans-Joachim Peters verwies darauf, dass er erst den kompletten Fragenkatalog vorliegen haben muss und dass er für die Beantwortung einiger Fragen erst Rücksprache mit den Fachbehörden nehmen muss – der Brandschutzstelle beim Kreis Unna und seiner eigenen Bauordnung.

Albrecht kritisiert unter anderem, dass die Fotos von Brandschutzmängeln, die Peters in der Sitzung des Aussschusses für Umwelt, Bauen und Verkehr präsentiert hat, Mängel im Untergeschoss der beiden Wohnhäuser zeigen. Diese Bereiche sind nach seiner Auffassung aber immer noch den benachbarten Turmarkaden zuzuordnen.

Brandgutachter hat viele Fragen zu geräumten Häusern und die Stadt (noch) wenig Antworten

Auch von vorne ist zu sehen, dass sich in den beiden unteren Geschossen keine Wohnungen befinden. © Marcel Drawe

Wohnungen auf Supermarktfläche aufgesetzt

Das ist nur vor dem Hintergrund der ursprünglichen Konzeption der früheren Bergkamener City zu verstehen. Die beiden Untergeschosse des Wohngebäudes gehören zum gewerblich genutzten Teil des Komplexes. Ursprünglich befand sich dort ein Supermarkt, wie Peters bestätigte. Die acht Wohnstockwerke wurden auf diesen Trakt aufgesetzt und durch zwei Treppentürme erschlossen.

Brandgutachter hat viele Fragen zu geräumten Häusern und die Stadt (noch) wenig Antworten

Zwei Treppentürme erschließen den achtstöckigen Wohntrakt über den gewerblichen Flächen. © Marcel Drawe

Untergeschosse weiter gewerblich genutzt

Bei einer erneuten Teilungserklärung für die Wohnungen im Jahr 2008 sei der Bereich unter den Wohnungen zwar dem Wohneigentum zugeschlagen worden. „In den Plänen, die von der Stadt abgestempelt wurden, sind sie aber immer noch eindeutig als gewerblich genutzt gekennzeichnet“, sagt der Gutachter. Peters versicherte, dass er selbst die Fotos keiner Stelle in den Häusern zuordnen könne. Er habe sie nicht ausgewählt, um Stimmung zu machen, sagte er. Die Aufnahmen stammen von dem Büro, das die Hausverwaltung mit einem Brandschutzgutachten beauftragt hat.

Brandgutachter hat viele Fragen zu geräumten Häusern und die Stadt (noch) wenig Antworten

Der Trakt nördlich (rehts) von den Wohnhäusern wurde um 2001 neu gebaut, für Wal Mart als Hauptmieter. Die Untergeschosse blieben stehen. © Marcel Drawe

Zwingend vorgeschriebene Sprinkleranlage demontiert

Albrecht fragt auch, warum eine flächendeckende Sprinkleranlage und eine Brandmeldeanlage, die 1971 und 1973 bei der Genehmigung der City vorgeschrieben wurde, vorzeitig demontiert worden sind – obwohl es in den leerstehenden Turmarkaden noch viel brennbares Material gelagert war. Albrecht spricht von einer „gigantischen Brandlast“.

Gutachter: Anlage hätte Brand eingedämmt

Die beiden Anlagen waren direkt bei der Feuerwehr aufgeschaltet. Nach Auffassung des Gutachters wäre der Brand am 10. Mai, der letztlich zur Räumung der Häuser führte, bei einer funktionierenden Sprinkler- und Brandmeldeanlage wesentlich schneller gelöscht gewesen. Nach den vorgefundenen Brandspuren habe das Feuer schon etwa eineinhalb Stunden gewütet, bis es gelöscht wurde, sagte der Gutachter. „Wenn Sprinkler- und Brandmeldeanlage in Ordnung und bei der Feuerwehr aufgeschaltet gewesen wären, dann wäre das Feuer vermutlich nach einer Viertelstunde gelöscht gewesen“, sagte er.

Wie Peters mitteilte, war die Sprinkleranlage defekt. Es sei unverhältnismäßig gewesen, vom Eigentümer der Turmarkaden eine Reparatur zu verlangen, obwohl das Einkaufszentrum nicht mehr gewerblich genutzt werde, sagte er.

Brandgutachter hat viele Fragen zu geräumten Häusern und die Stadt (noch) wenig Antworten

Bei den Gebäuden handelt es sich laut Definition der Landesbauordnung um Hochhäuser. Der Fußboden in den oberen Wohnungen liegt höher als 22 Meter über Geländeniveau. © Marcel Drawe

Baudezernent verteidigt Entscheidung des Krisenstabs

Der Baudezernent bekräftigte noch einmal, dass die beiden Häuser nicht wegen Mängeln in den Turmarkaden geräumt werden müssten, sondern weil sie in sich nicht brandsicher seien. Der Krisenstab aus Bauordnung, Brandschutzstelle des Kreises und Feuerwehr sei davon ausgegangen, dass auch bei einem Brand in einer Wohnung Lebensgefahr für alle Hausbewohner durch Brandrauch und Kohlenmonoxid (CO) besteht. Zu Details will er Albrecht gegenüber nach Rücksprache mit den Fachbehörden Stellung nehmen.

Gutachter sieht keine Indizien für Lebensgefahr

Albrecht bestreitet das jedoch. Er habe keine Indizien entdeckt, dass sich Brandrauch beispielsweise durch Belüftungsschächte unkontrolliert ausbreiten könnte. Nach seinen Angaben hat er die Belüftungsschächte sogar einer Untersuchung mit einem Endoskop unterzogen – und dabei festgestellt, dass es keine Verbindung zu den beiden Untergeschossen gebe.

Er geht davon aus, dass es reicht, alle Verbindungen zu den Untergeschossen abzuschotten und einige Brandschutzmängel in den Häusern zu beseitigen. Holzverkleidungen in einem der Fluchtflure hätten Bewohner schon selbst beseitigt. Eine offene Stromleitung im Fluchttreppenhaus von Nummer 137 sei Eigentum der Gemeinschaftsstadtwerke GSW. Sie seien auch dafür verantwortlich, diesem Mangel zu beseitigen.

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Stadt hofft auf schnelle Sanierung

Peters betonte noch einmal, dass es im Interesse der Stadt liegt, möglichst schnell einen Brandschutz-Sanierungsplan zu erarbeiten und umzusetzen, damit die Bewohner wieder einziehen können. Für viele Wohnungseigentümer dürfte aber entscheidend sein, ob sie die Kosten allein tragen oder ob sich ein Dritter daran beteiligen muss.

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