Sie hätte schon bei der leichtesten Berührung explodieren können: Die Bombe, die in Overberge ausgegraben wurde, war keine gewöhnliche. Das seltene Exemplar ist hochgefährlich und heimtückisch.

Overberge

, 14.08.2019 / Lesedauer: 4 min

Kleine Plastikscheiben halten den Schlagbolzen auf, der die Bombe zum explodieren bringt. Im Inneren der Bombe ist außerdem eine kleine Glasampulle enthalten, die mit Aceton gefüllt ist. Durch den Aufprall auf den Boden zerspringt die Ampulle und der Stoff strömt aus. Dadurch lösen sich die kleinen Scheiben auf – und die Bombe explodiert.

Wann das nach dem Aufprall auf den Boden passiert, hängt von der Menge der Plättchen ab, die den Bolzen zurückhalten. Und genau das ist das Tückische an Bomben mit Langzeitzünder. Sie landen. Dann passiert nichts. Und dann explodiert sie – entweder nach drei Stunden oder nach 75 Stunden, wenn man glaubt, dass die Gefahr längst vorüber ist.

Genau so eine Bombe mit Langzeitzünder schlummerte jahrelang in vier Metern Tiefe auf einem Acker in Overberge. Dass sie im Zweiten Weltkrieg, als sie von den Engländern auf Bergkamen abgeworfen wurde, nicht explodierte, könnte daran liegen, dass beim Aufprall ein Luftspalt entstanden ist, erklärt Heiko Brüggenthies, Sachgebietsleiter des Bürgerbüros. „Die Säure entweicht und die Scheiben werden weich, lösen sich aber nicht auf“.

Ist der Stoff komplett aus der Bombe raus, trocknen die Scheibchen und werden spröde wie Glas. „Dann reicht schon die Erschütterung aus, die ein LKW verursacht, wenn er über den Bereich mit der Bombe fährt“, so Brüggenthies. Dass die Bombe in Overberge also in den vergangenen Jahren nicht explodiert ist, war pures Glück.

Riskante Spontan-Sprengung: So gefährlich war die Overberger Bombe wirklich

Auf einem Acker in Overberge wurde eine Bombe entdeckt. Es musste zweimal gesprengt werden, um die Gefahr, die von ihr ausging, zu bannen. Sprengmeister Volker Lenz ist seit 30 Jahren im Kamfpmittelbeseitigungsdienst. © Marcel Drawe

Bombensprengung erwischte auch das Bürgerbüro eiskalt

Dass es sich in Overberge um eine – übrigens sehr seltene – Bombe mit Langzeitzünder handelte, wusste zunächst niemand. Eigentlich sollte sie laut Brüggenthies am Mittwoch entschärft werden. Am Dienstag wollten die Experten etwa 3,70 Meter tief graben und sich das letzte Stück bis zur Bombe am Mittwoch vornehmen. Bei etwa 3,68 Meter dann der Schreck: Die Spitze der Bombe wurde sichtbar und daran hing ein Schraubstück, das laut Brüggenthies ein Indiz für einen Langzeitzünder ist. „Der Feuerwerker war dann zum Handeln gezwungen.“

Entschärft werden kann eine so heikle Bombe nicht, eine Sprengung war nötig – umgehend. Das Risiko, dass die Bombe explodieren würde, war zu groß. „Das hat uns kalt erwischt, wir brauchten mehr Manpower, weil die dreifache Menge an Menschen aus ihren Häusern musste. Und das alles kurz vor Feierabend“, so Brüggenthies. Weil die Bombe gesprengt werden musste, musste der Radius verdoppelt werden, denn durch den zusätzlichen Sprengsatz erhöhte sich die Sprengkraft.

Riskante Spontan-Sprengung: So gefährlich war die Overberger Bombe wirklich

Während sich der Sprengmeister an die Bombe herantastete, bespaßte Sidney Jägerhülsmann die evakuierten Kinder. Sie durften im Feuerwehrauto sitzen. © Pott

Zweite Sprengung erfolgreich

Doch er ist zufrieden mit der Arbeit seiner Mitarbeiter und froh über die Hilfe der Polizei. Sie nahm die Straßensperrungen in die Hand, während der Ordnungsdienst die Bewohner informierte. „Wir haben zügig informiert, die Transporte haben gut geklappt“, sagt Brüggenthies. Normalerweise hätte die Evakuierung etwa zwei Stunden in Anspruch genommen, doch die Mitarbeiter waren bereits nach knapp einer Stunde fertig, „weil zwei Drittel des Bereiches Ackerfläche sind.“

Dass sich die erste Sprengung – angesetzt war etwa 18 Uhr, gesprengt wurde etwa um 19.30 Uhr – verzögerte, lag an den Vorbereitungen des Kampfmittelexperten. Vorsicht war zu jedem Zeitpunkt geboten. Die 28 Tonnen Sand, die die Sprengkraft mindern und verhindern sollten, dass Splitter umherfliegen, mussten sehr vorsichtig auf die Bombe geschüttet werden.

Nachdem der erste Versuch bekanntlich scheiterte, mussten die Experten sich wieder durch den Sand graben und die Prozedur wiederholen. „Es gab sofort einen anderen Effekt. Beim ersten Mal kam nur etwas Qualm, beim zweiten Mal ist auch Sand weggeflogen“, so Brüggenthies. Der Sprengmeister erkannte sofort, dass es geklappt hat, die Bürger durften nach über vier Stunden in ihre Häuser und Wohnungen zurück.

Weitere Bomben in Overberge und Mitte sehr wahrscheinlich

Dass die Bombe in Overberge entdeckt wurde, dürfte viele zunächst verwundern. Denn der heutige Chemiepark Bergkamen als Hauptangriffsziel im Zweiten Weltkrieg befindet sich nicht in Overberge. Doch Heiko Brüggenthies hat dafür eine plausible Erklärung: Das erste Flugzeug einer Flotte hat eine Rauchbombe über das Ziel fallen lassen und die folgenden Flieger mussten versuchen, ihre Bomben so abzuwerfen, dass sie genau ins Ziel trafen. „Das war eine Gleichung mit mehreren Unbekannten“, sagt Brüggenthies. Denn der Wind und die Flughöhe spielten eine wichtige Rolle.

„Das hat uns kalt erwischt, wir brauchten mehr Manpower, weil die dreifache Menge an Menschen aus ihren Häusern mussten. Und das alles kurz vor Feierabend.“
Heiko Brüggenthies, Bürgerbüro

So kam es, dass vor allem die letzten Flugzeuge, die zusätzlich durch die bereits abgeworfenen Bomben, die genau wie der Zielpunkt rauchten, nicht mehr exakt treffen konnten. „Der Bombenteppich hat sich bis nach Overberge zurückverlagert“ weiß Brüggenthies. Die Flieger sind nicht über Lünen gekommen, sondern über Kamen, Overberge und Bergkamen-Mitte. „Sie haben sich von hinten genähert.“ Auf den Luftbildern, die ihm vorliegen, ist eine Schneise zu erkennen: Die Bomben haben Bergkamen-Mitte und Overberge getroffen, selten oder gar nicht die anderen Stadtteile.

Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren noch einige weitere Bombenfunde die Bergkamener in Atem halten werden. Und wie die dann ablaufen, weiß auch Brüggenthies nicht. „Die Spannweite ist groß, alles ist drin.“ Erst in der vergangenen Woche wurde eine ungefährliche Bombe ohne Zünder ausgegraben, was ebenfalls selten vorkommt. „Letzte Woche war es ein Sechser im Lotto, diese Woche ein Fünfer.“

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