Bergkamener Grubenwehr trifft als erste auf die sechs Überlebenden

Grubengasexplosion in Borken

Nach einer Explosion am 1. Juni 1988 in der Zeche Stolzenbach in Borken (Hessen) retteten Grubenwehrmänner aus Bergkamen sechs Verschüttete. Einer, der mit dabei war, ist Gerd Krüger.

Bergkamen

, 19.11.2018, 13:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bergkamener Grubenwehr trifft als erste auf die sechs Überlebenden

Für seinen Einsatz zur Rettung der Verschütteten nach der Grubengasexplosion in Borken wurden Gerd Krüger und seine Kollegen der Bergkamener Grubenwehr mit der hessischen Rettungsmedaille ausgezeichnet. Brzuska

Lange hat er nicht über das Unglück und das, was dort geschehen ist, sprechen können. Und vieles habe er im Laufe der Jahre einfach verdrängt. Noch heute kann Krüger seine Tränen nicht zurück halten, wenn er sich an die Stunden und Tage nach dem Unglück in Borken erinnert. Niemals wird er den Blick der alten Frau vergessen, an der er auf dem Weg zur Einsatzstelle immer wieder vorbei musste. Kein Wort haben sie miteinander gewechselt. Aber ihre Augen, die Art, wie sie ihn jedes Mal ansah, wenn er wieder an ihr vorbei musste, das hat sich eingebrannt. Krüger hat nie mit ihr geredet. Er weiß bis heute nicht, auf wen sie gewartet hat, Ehemann, Sohn oder Bruder. Nur die Trauer in ihrem Gesicht, die konnte er sehen und immer wieder musste er in diesen Stunden an ihr vorbei.

Die Bergkamener Grubenwehrleute der Zechen Haus Aden und Grimberg 3/4 zählten damals zu den leistungsfähigsten im Ruhrgebiet. Sie wurden nach Borken gerufen, um dort „Hilfestellung“ zu leisten, wie Krüger sagt. Um sich ihre Einsatzstelle einzurichten, musste sie die eigene Ausrüstung aus dem Bus erst einmal ein gutes Stück zu Fuß tragen – der Übertragungswagen eines Fernsehsenders versperrte die Straße. Also schleppten sie Mess- und Sauerstoffgeräte sowie Selbstretter einige hundert Meter zum Einsatzort. „Bis dahin wussten wir nicht mehr, als dass es eine Explosion mit Toten gegeben hatte“, sagt Krüger. Bis zu diesem Zeitpunkt sei man immer davon ausgegangen, dass Braunkohle nicht explodieren könne.

Bergkamener Grubenwehr trifft als erste auf die sechs Überlebenden

Gerd Krüger hat in seinem persönlichen Archiv noch einige Fotos, die an die Zeit unter Tage erinnern. © Marcel Drawe

Rettung nach 68 Stunden

Da die Wetter-Türen, die die Belüftung unter Tage regeln, zerstört waren, gehörte es zu den ersten Aufgaben der Bergkamener, Wetter-Blenden einzusetzen, um den Wetter-Zug wieder regulieren zu können. An der Unglücksstelle habe es schlimm ausgesehen, erinnert sich Krüger. Doch irgendwann habe er alle Gedanken beiseite geschoben, nicht gefragt und nur noch gehandelt. Auch dann, als sie die Toten in Leichensäcke packen und nach oben bringen sollten: „Jeder hatte schließlich eine Leiche im Arm und damit haben sie uns durch einen schmalen Schacht nach oben gezogen.“

Nachdem sie die Toten geborgen hatten – die Grubenwehr aus Bergkamen war schon wieder Zuhause – hieß es plötzlich, „da sind noch Geräusche“. Es gab Klopfzeichen. Also sind sie wieder zurück. Vor Ort sollten sie sich aufteilen, doch Willi Pudliks Anweisung, der in dieser Nacht die Aktionen der drei Bergkamener Trupps koordinierte, war eindeutig: „Wir reißen unserer Trupps nicht auseinander.“ Irgendwann hat dann jemand gerufen: „Da wackelt was, da ist ´ne Lampe“.

Bergkamener Grubenwehr trifft als erste auf die sechs Überlebenden

Gerd Krüger und Mitglieder der Grubenwehr. © Marcel Drawe

„Da ist ´ne Lampe“

68 Stunden nach dem Unglück wurden sechs Männer gefunden. Maßgeblich beteiligt an dieser Rettungsaktion waren fünf Mitglieder der Grubenwehr des damaligen Verbundbergwerks „Haus Aden/Grimberg 3/4“, die als Erste auf die Überlebenden trafen. Gerd Krüger war nicht dabei, als Willi Pudlik, Heinz-Günter Zschau und die anderen auf die Verschütteten stießen, doch er konnte über Funk mithören. Und irgendwann sind sie ihm und den anderen entgegengekommen, gemeinsam haben sie die Geretteten jeweils zu zweit in die Mitte genommen und dann nach oben begleitet. Wiedergesehen hat Gerd Krüger niemanden von ihnen. „Wir waren raus, und die waren dann weg.“

Nur vor ein paar Jahren, da hat er bei einem Computerspiel den Schwiegersohn eines der damals Geretteten kennengelernt: Ich habe ihm erzählt, dass ich Bergmann war, erinnert sich Krüger. Sein Mitspieler erzählte ihm dann von seinem Schwiegervater, der ebenfalls unter Tage gearbeitet hat und in Borken gerettet wurde. Gerd Krüger hat ihm wohl erzählt, dass er zum Rettungsteam gehörte, aber: „Ich habe nie gefragt, wer der andere war.“

Bergkamener Grubenwehr trifft als erste auf die sechs Überlebenden

Gerd Krüger (l.) hat schon seit seinem 14. Lebensjahr im Bergbau gearbeitet. © Marcel Drawe

Einmal Kumpel, immer Kumpel

Der Weg zur Zeche war bei Gerd Krüger wie bei so vielen Bergleuten fast vorbestimmt: Sein Bruder war auf der Zeche, der Vater war auf der Zeche und als Gerd Krüger mit 14 Jahren die Schule verließ, begann auch er eine Ausbildung als Elektriker – auf der Zeche. Dann machte er eine Ausbildung zum Techniker, war Steiger und war schließlich – parallel zu seiner Tätigkeit in der Wetterabteilung – für die Grubenwehr unterwegs. Geschätzt hat er vor allem den Zusammenhalt: „Es ist nicht nur so dahin gesagt, einmal Kumpel, immer Kumpel, das gilt fürs ganze Leben“, sagt Krüger, der sich noch heute regelmäßig mit seinen ehemaligen Grubenwehrkollegen trifft. Der heute 71-Jährige ist in Bernburg an der Saale geboren, in Recklinghausen aufgewachsen, ist passionierter Motorradfahrer und lebt mit seiner Frau Rosi in Bergkamen.

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