In Bergkamen hat die Bahn Verspätung: 20 Jahre

dzSchienenanschluss

Die Bahn hat den Ruf, sich oft zu verspäten. Wer in Bergkamen den Zug nehmen will, der muss noch 20 Jahre warten. So lange dauert der Schienenanschluss. Das will die Stadt jedoch nicht hinnehmen.

Bergkamen

, 22.01.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bergkamen will schon lange einen Bahnanschluss für den Personenverkehr. Bürgermeister Roland Schäfer klagt schon seit Jahren, dass die Stadt wahrscheinlich bundesweit die einzige ist, die an die 50.000 Einwohner aber keinen Bahnhof hat. Jetzt soll sich etwas tun. Die Geschwindigkeit, mit der Bergkamen zu einem Schienenanschluss und eigenem Bahnhof kommen könnte, hat mit ICE-Tempo aber wenig zu tun und wäre vermutlich sogar für einen Bummelzug zu langsam: Experten gehen von gut 20 Jahren Realisierungszeit aus.

Der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) mit Sitz in Unna hat es zwar in die Hand genommen, Bergkamen an die Schiene anzuschließen. NWL-Sprecher Uli Beele geht aber davon aus, dass das Verfahren lange dauert, bis es zu einem Erfolg führt. „Wir sind noch ganz am Anfang“, sagt er.

So könnte der Bahnhof Wasserstadt aussehen, den sich die Stadt wünscht.

So könnte der Bahnhof Wasserstadt aussehen, den sich die Stadt wünscht. © Montage Marcel Drawe, Foto dpa, Daniel Bockwo

Verfahren soll im Laufe des Jahres starten

Im Laufe dieses Jahres will der NWL ein formales Verfahren starten, um die Wirtschaftlichkeit einer Schienenverbindung für den Personenverkehr nach Bergkamen zu prüfen. Dabei handelt es sich um ein standardisiertes Verfahren, bei dem es nicht so sehr darauf ankommt, dass die Bahn nach Bergkamen Gewinne einfährt, sondern um es überhaupt ausreichend Fahrgastpotenzial gibt. Die Zahl der möglichen Fahrgäste wird der Höhe der notwendigen Investitionen gegenübergestellt. Von dieser Bewertung hängt nach Beeles Angaben alles ab. Geht der Daumen der Gutachter nach oben, schlägt der NWL die Schienenanbindung für Bergkamen für die Landesförderung vor. Geht er nach unten, ist das Verfahren beendet. Ob es eine Förderung gibt, hängt dann noch von der politischen Bewertung ab.

Langwieriger Planungsprozess

Beele geht davon aus, dass der gesamte Prozess von den ersten Schritten bis der Schienenanschluss gebaut ist, gut 20 Jahre dauert. Auch wenn die Förderung feststeht, folgt noch ein langwieriger Planungsprozess, möglicherweise auch noch mit dem erforderlichen Grunderwerb.

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Der NWL ist nämlich nicht unbedingt überzeugt von dem Vorschlag der Stadt, die Bergkamen für den Personenverkehr über die schon vorhandenen Gleise der Hamm-Osterfelder Bahn an die Schiene anzubinden. Das hält Bürgermeister Roland Schäfer für die am schnellsten machbare Lösung, denn es muss kein neuer Gleisanschluss gelegt werden.

Wie viele Auspendler aus Bergkamen es gibt, ist jeden Tag auf der Buckenstraße in Richtung Auffahrt zur Autobahn zur A2 zu sehen. An der Kreuzung mit der Lünener Straße stauen sich die Fahrzeuge im Berufsverkehr weit zurück.

Wie viele Auspendler aus Bergkamen es gibt, ist jeden Tag auf der Buckenstraße in Richtung Auffahrt zur Autobahn zur A2 zu sehen. An der Kreuzung mit der Lünener Straße stauen sich die Fahrzeuge im Berufsverkehr weit zurück. © Borys Sarad

NWL prüft auch Schienenanschluss an Bahnhof Kamen

Der NWL will aber auch prüfen, ob ein Schienenanschluss an den Bahnhof in Kamen nicht sinnvoller ist – mit einem neuen Schienenweg, der zum Teil entlang der Klöcknerbahn-Trasse verläuft.

Pendlerströme

Über 17.000 Menschen pendeln aus Bergkamen aus

  • Nach der Statistik von IT.NRW pendelten 2017 erheblich mehr Bergkamener zur Arbeit aus, als Arbeitnehmer nach Bergkamen einpendelten.
  • Insgesamt gab es 17.269 Auspendler.
  • Die Stadt mit den meisten Einpendlern aus Bergkamen ist Dortmund mit 3329, gefolgt von Kamen (2519), Unna (1991), Lünen (1472), Hamm (1241) und Werne (1205).
  • Dagegen pendelten 2017 nur 7622 Menschen nach Bergkamen ein. Die Gruppe kam mit 1272 aus Kamen, gefolgt von Hamm (973), Dortmund (971), Lünen (791) und Unna (478).

Er sieht dabei die Möglichkeit, weitere Fahrgastpotenziale zu erschließen. Auspendler, die statt mit dem Auto mit der Bahn fahren könnten, gibt es in Bergkamen viele. Seit die Zechen stillgelegt sind, ist Bergkamen eine Auspendlerstadt. Insgesamt pendeln knapp 17.300 Einwohner aus, die in anderen Städten arbeiten.

Der größte Teil der Auspendler arbeitet in Dortmund , ein beträchtlicher Teil auch in Hamm. Beide Städte könnten über die Hamm-Osterfelder-Bahn angebunden werden. Der zweitgrößte Auspendlerstrom, ergießt sich aber in die Nachbarstadt Kamen. Der NWL hofft, mit einer Zugverbindung zum Kamener Bahnhof alle drei Städte anbinden zu können.

Stadt will versuchen, Verfahren zu beschleunigen

Darauf will der Bergkamener Bürgermeister aber auf keinen Fall bis 2040 warten. Das sei im Zuge der Klimadebatte deutlich zu lange, sagte er. „Unter Umweltgesichtspunkten müssen wir die Leute von der Straße holen“, meint er. Die Schiene hält er zudem für noch umweltfreundliche,r als Pendler mit einer noch besseren Busverbindung zum Kamener Bahnhof zum Umsteigen in öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen. Auch das ist Teil der Prüfung. „Wir werden noch einmal nachhaken, ob das nicht schneller geht“, verspricht er.

Schäfer geht davon aus, dass für eine Schienenanbindung für Bergkamen auch Mittel aus dem Strukturstärkungsgesetz für den Ausstieg aus der Kohleverstromung fließen könnten. Der Bahnanschluss erfülle alle Kriterien, sagte er.

Der NWL prüft auch eine noch bessere Busanbindung an den Bahnhof Kamen als Alternative. Auch die VKU hatte sie schon verbessert, unter anderem mit der neuen Linie R13.

Der NWL prüft auch eine noch bessere Busanbindung an den Bahnhof Kamen als Alternative. Auch die VKU hatte sie schon verbessert, unter anderem mit der neuen Linie R13. © Stefan Milk

Kreis geht auch von langem Planungszeitraum aus

Dabei darf er jedoch noch nicht einmal den Kreis Unna als Bündnispartner erwarten, der sich auch für den Bergkamener Bahnanschluss ausspricht. Kreisplanerin Sabine Leiße will auch prüfen, ob sich der Bahnanschluss nicht mit Mitteln aus anderen Fördertöpfen schneller realisieren lässt.

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Außerdem scheint sich der Kreis mit dem langen Realisierungszeitraum abgefunden zu haben. Das sei zwar bedauerlich, teilte Pressesprecherin Fabiana Regino mit. „Die 20 Jahre sind aber leider eine realistische Einschätzung. Die Planungsprozesse lassen es nicht zu, das zu beschleunigen.“

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