Sie werden älter und finden keine Nachfolger: Die Ärzte in Bergkamen blicken besorgt in die Zukunft. Doch an mancher Stelle klappt’s mit dem Nachwuchs – der Schlüssel zum Erfolg ist Zusammenarbeit.

Bergkamen

, 16.08.2019, 17:08 Uhr / Lesedauer: 3 min

Obwohl Ansgar von der Osten hoffnungsvolle Töne anstimmt und die Entwicklungen der vergangenen Monate lobt, ist die Karte, die auf der großen Leinwand zu sehen ist, ernüchternd. Während die Städte in der näheren Region hell bis dunkelgrün eingefärbt sind, ist ein kleiner Fleck orangefarben. Und genau dieser Fleck ist Bergkamen. Die Farbe steht für den Versorgungsgrad an Hausärzten.

Dunkelgrün bedeutet 111 bis 140 Prozent, Hellgrün steht für 101 bis 110 Prozent – und Orange für 76 bis 90 Prozent. Dazwischen kommt noch Gelb.

Von der Osten aus dem Geschäftsbereich Sicherstellungspolitik und -beratung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) spricht am Mittwochabend im Sitzungssaal über die ärztliche Versorgung in Bergkamen. Die Stadt hatte zu dem Expertengespräch eingeladen, an dem sich unter anderem auch Hausärzte beteiligten. Darüber, dass sich etwas ändern muss, war man sich einig. An anderer Stelle prallten Fronten aufeinander.

Bergkamen will junge Mediziner anlocken – aber wie?

Die große Frage, die ununterbrochen im Raum schwebte, war, wie Bergkamen attraktiver für junge Ärzte wird. Und schnell wurde deutlich, dass die Attraktivität der Stadt eine große Rolle spielt. Die zuständige Dezernentin Christine Busch, die den Abend moderierte, lobte einerseits die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Die Infrastruktur habe sich verbessert, es gebe ausreichend Schulen und Freizeiteinrichtungen, zudem entstehen neue Wohngebiete und Kitas. Außerdem sei Bergkamen eine sehr junge Stadt. Andererseits ist sich Busch freilich auch der Baustellen bewusst. „Bergkamen ist makelbehaftet. Wir müssen noch an unserem Image arbeiten“, räumt sie ein.

„Die Versorgung geht am Bedarf der Ärzte vorbei!“
Bergkamener Arzt

Das schlechte Ansehen und die verbesserungswürdige Lebensqualität in Bergkamen kritisierten auch die geladenen Hausärzte. Sie beklagten, dass es kaum attraktive Einkaufsmöglichkeiten gibt und äußerten den Wunsch nach einer besseren Erreichbarkeit ihrer Praxen durch den Nahverkehr. Auch mehr Werbung für den Standort und Förderung der Nachwuchskräfte wünschen sich die Ärzte.

Gegen Mängel wie diese könne auch ein Stadtfenster, das die UKBS am Mittwochabend vorstellte, nichts ändern. Dass in der Stadtmitte neue Räume für Ärzte entstehen könnten, helfe den einzelnen Stadtteilen nichts, kritisierte ein Arzt. „Die Versorgung geht am Bedarf der Ärzte vorbei!“

Drohender Ärztemangel in Bergkamen: Besonders in einem Stadtteil sind Patienten gefährdet

Magdalena Cieslak (l.) und Agniesczka Job-Wolinska (nicht auf dem Foto) unterstützen Dr. Heinrich Stamm künftig in seiner Praxis. © Marcel Drawe

Stadtteil Oberaden ist das Sorgenkind

Besonders Oberaden bereitet den Hausärzten Sorgen: „Es gibt dort fünf Praxen, vier von fünf haben einen Aufnahmestopp“. Außerdem stehen mindestens zwei Ärzte kurz vor dem Ruhestand – ohne einen Nachfolger gefunden zu haben. Als Busch fragt, wie sich die Ärzte den Stadtteil in der Zukunft wünschen, wird wieder die Attraktivität der Stadt zum Themen – eine schnelle Lösung für das akute Problem scheint es nicht zu geben.

Dass es die aber doch gibt, beweist Dr. Heinrich Stamm aus Rünthe. Er ist in neue Praxisräume gezogen, die vorab aufwendig renoviert und einladend gestaltet wurden. Auch die Größe der Praxis führte zum Erfolg. Zwei junge Ärztinnen werden sich in den nächsten Monaten in der Praxis Stamm niederlassen – und zwar zusätzlich zu Dr. Heinrich Stamm. „Die kleine Einzelpraxis wird weiterleben, aber an Bedeutung verlieren“, erklärt Ansgar von der Osten den Bergkamener Hausärzten. Heinrich Stamm ist also ein gutes Beispiel dafür, dass der Experte damit richtig liegt. „Ich war 40 Jahre Einzelkämpfer. Jetzt freue ich mich auf die Arbeit im Team“, so der 75-Jährige, der noch nicht an Ruhestand denkt.

Stamm ist nicht der einzigem der Ärzte einstellt. Auch das Gesundheitszenztruim am Nordberg hat das Team schon vor einiger Zeit um zwei Ärztinnen erweitert.

Drohender Ärztemangel in Bergkamen: Besonders in einem Stadtteil sind Patienten gefährdet

Habe ich morgen noch eine Hausarztpraxis? Diese Fragen treiben nicht nur Patienten, sondern auch die Stadt um. © Pott

Im Dreierteam auf Erfolgskurs

Magdalena Cieslak und Agniesczka Job-Wolinska sind zwei junge Oberärztinnen, die zehn Jahre in der Inneren Medizin am Klinikum Essen zusammengearbeitet haben. Beide haben Kinder und schon seit geraumer Zeit über eine Gemeinschaftspraxis nachgedacht. „Wir haben dann geregeltere Arbeitszeiten, weil wir die Arbeit unter uns Dreien aufteilen können. Das ist kinderfreundlicher“, sagt Cieslak, die den harten Krankenhausalltag gewöhnt ist. Sie beginnt im September und Job-Wolinska steigt im November ein.

„Die kleine Einzelpraxis wird weiterleben, aber an Bedeutung verlieren.“
ANSGAR VON DER OSTEN, KVWL

Die Patienten profitieren von neuen Behandlungsmöglichkeiten durch die spezialisierten Ärztinnen sowie zusätzlichen (Termin-)Sprechstunden.

Wie Cieslak und Job-Wolinska geht es vielen jungen Medizinerinnen. „Sie haben andere Vorstellungen vom Berufsleben“, sagt von der Osten. Freizeit und Kinder stehen an höherer Stelle als hoher Verdienst. In eine bestehende Praxis zu kommen bietet ihnen Sicherheit. Ein solches Modell sei auch im Stadtfenster realisierbar, erklärt Geschäftsführer Matthias Fischer. Ein Senior könnte sich dort mit einem Junior zusammentun.

Drohender Ärztemangel in Bergkamen: Besonders in einem Stadtteil sind Patienten gefährdet

Magdalena Cieslak probiert an ihrem künftigen Kollegen Dr. Heinrich Stamm das Ultraschall-Gerät aus. Die Arbeit in einer Praxis unterscheidet sich an einigen Stellen sehr von der Arbeit in einer Klinik. © Marcel Drawe

Bergkamen will mehr um junge Mediziner werben.

Die Experten raten den Bergkamener Ärzten über ein solches Modell nachzudenken,

7 freie Plätze

Hausärztliche Versorgung in Zahlen

  • Im Jahr 2013 lag die hausärztliche Versorgung laut KVWL Westfalen Lippe in Bergkamen bei 87,6 Prozent, im Jahr 2019 82,4 Prozent.
  • Derzeit sind 19 Hausärzte in Bergkamen tätig, davon sind 8 über 60 Jahre alt.
  • Aktuell können noch 7 Hausärzte in Bergkamen anfangen. Dann gäbe es eine Überversorgung.
  • Nicht nur in Bergkamen droht ein Ärztemangel. In ganz Westfalen-Lippe sind 38 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre.

das auf unterschiedliche Weise von der KVWL, die Bergkamen jüngst in sein Förderverzeichnis aufgenommen hat, finanziell unterstützt werden kann. Noch ist die Lage aber nicht so dramatisch, wie es womöglich scheint:

Nachdem Bergkamen in das Förderverzeichnis aufgenommen wurde, habe schnell Bewegung eingesetzt, sagt von der Osten zufrieden. Seit Juni haben drei Ärzte, die nach Bergkamen kommen werden, eine Förderung beantragt. Außerdem liege die Stadt in einem guten Umfeld mit den gut versorgten Städten Kamen und Werne. Wer krank ist, findet also noch einen Arzt – wenn auch nicht unbedingt in Bergkamen selbst. Optimal ist das nicht. Das weiß auch die Stadt, die nun noch aktiver für sich werben will. Das Expertengespräch am Mittwoch soll nicht das letzte gewesen sein, versichert Busch.

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