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Wer in Bergkamen einen Hausarzt sucht, hat es nicht leicht. Der Stadt droht der ärztliche Notstand. Jetzt hat die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) Maßnahmen ergriffen.

Bergkamen

, 07.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Wer Bergkamen auf der Karte der Kassenärztlichen Vereinigung zum Versorgungsgrad mit Hausärzten sucht, findet die Stadt auf einen Blick: als orangenen Fleck mitten im dunkelgrünen Bereich. Die Farbe symbolisiert nichts Gutes für die Versorgung mit Hausärzten. Sie bedeutet einen Versorgungsgrad von nur 75 bis 90 Prozent. Das ist vergleichbar mit ländlichen Gebieten in Ostwestfalen oder im Sauerland.

Anteil der älteren Ärzte ist alarmierend

Das allein wäre für die KVWL noch kein Alarmsignal, sagt Pressesprecherin Vanessa Pudlo. Aktuell liegt die hausärztliche Versorgung in Bergkamen bei 82,4 Prozent. Erst bei 75 Prozent geht die Vereinigung von einer Unterversorgung aus. Doch die droht bald: Pudlo will aus Datenschutzgründen keine genauen Zahlen nennen. Doch nach der Statistik der KVWL sind zwischen 25 und 40 Prozent der Bergkamener Hausärzte schon 60 Jahre alt oder älter. Sie werden ihre Praxis in absehbarer Zeit aufgeben und Nachwuchs ist meist nicht in Sicht. Die meisten jungen Ärzte wollen keine Praxis mehr, in der sie allein arbeiten und in der die Arbeitszeit erst endet, wenn der letzte Patient aus dem Wartezimmer behandelt ist.

Bergkamen ist bei den Hausärzten kurz vor dem Notstand

Das Bild täuscht. Im Ärztehaus in der City gibt es zwar viele Fachärzte und auch einen Allgemeinmediziner. In der Stadt herrscht aber Mangel bei den Hausärzten. © Stefan Milk

Acht von 22 Hausarztstellen sind zurzeit nicht besetzt

Nach Angaben eines Bergkamener Arztes drückt sich die Situation schon jetzt in dramatischen Zahlen aus: Schon jetzt sind acht der insgesamt 22 Hausarztstellen, die es bei einer 100-Prozent-Versorgung geben müsste, nicht besetzt. Wer über die Homepage des KVWL einen Hausarzt in Bergkamen sucht, ist schnell am Ende der Liste und stößt auf Hausarztpraxen aus den Nachbarstädten Kamen, Werne und Lünen.

KVWL nimmt Bergkamen ins Förderverzeichnis auf

Deshalb führt die KVWL Bergkamen bereits seit Mitte Mai in ihrem Förderverzeichnis. Damit gehört die Stadt zu den Bereichen, in denen die Vereinigung besondere Fördermaßnahmen vorsieht, um erst gar keinen ärztlichen Notstand entstehen zu lassen. Ärzte, die sich neu in der Stadt niederlassen wollen, können beim Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung einen Antrag auf besondere Unterstützungsmaßnahmen stellen. Dazu gehört zum Beispiel die Übernahme von Umzugs- und Einrichtungskosten für eine Praxis, Darlehen zum Praxisaufbau oder zur Übernahme einer bestehenden Praxis.

Bergkamen ist bei den Hausärzten kurz vor dem Notstand

Das Ärztehaus Prisma an der Geschwister-Scholl-Straße ist ganz neu. Dort sind vor allem schon ansässige Ärzte eingezogen. © Stefan Milk

Kein Erfolg beim Werben um junge Ärzte

Bisher sind die Werbemaßnahmen der Stadt bei jungen Ärzten aber nicht sehr erfolgreich gewesen. Sozialdezernentin Christine Busch beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema. Sie will jetzt einen neuen Anlauf unternehmen, um sich zumindest ein genaueres Bild über die Situation bei den Bergkamener Hausarztpraxen zu verschaffen. Der Stadt ist zum Beispiel nicht bekannt, welche Ärzte darüber nachdenken, demnächst in den Ruhestand zu gehen und wer Probleme hat, einen Nachfolger zu finden. In Oberaden soll über kurz oder lang der Verlust von zwei Praxen drohen, was wahrscheinlich zu einem deutlichen Engpass im zweitgrößten Bergkamener Stadtteil führen würde. Die Dezernentin will die Bergkamener Ärzte zu einem Treffen einladen und sich bei dieser Gelegenheit einen genaueren Überblick über die Lage verschaffen und mögliche Strategien diskutieren.

Bergkamen ist bei den Hausärzten kurz vor dem Notstand

Wer einen Hausarzt sucht, hat in Bergkamen schon manchmal Probleme und muss auf Ärzte in den Nachbarstädten ausweichen, wo die Versorgung besser ist. © picture alliance/dpa

Geldgeber raten oft von Bergkamen ab

Bisher ist es trotz aller Anstrengungen nämlich nicht gelungen, neue Ärzte in Bergkamen anzusiedeln. Die UKBS, die im „Stadtfenster“ gegenüber vom Rathaus Ärzte ansiedeln will, hat schon festgestellt, wie schwierig das Geschäft ist. Busch führt das auch darauf zurück, dass Banken, die Kredite an ansiedlungswillige Ärzte vergeben, eher von Bergkamen abraten. „Da heißt es schnell: Bergkamen ist nicht der richtige Standort. Lass dich lieber woanders nieder“, sagt Busch. Die Stadt leide immer noch unter einem schlechten Ruf, der mittlerweile keine Grundlage mehr habe.

Hoffung auf das „PueD“

Hinzu kommt, dass die meisten jungen Ärzte lieber in einem Angestelltenverhältnis mit geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten und Vertretungsregelungen arbeiten möchten. Ein Hoffnungsschimmer ist das geplante Gesundheitszentrum „PueD“ (kurz für „Partner unter einem Dach“), das Ärzten gemeinsame Behandlungsräume, Wartezimmer und Personal bieten soll – und einfach Möglichkeiten sich gegenseitig zu vertreten. Der Bauherr hat nach eigenen Angaben auch schon interessierte Ärzte.

Versorgungsgrad

Unterversorgung bei weniger als 75 Prozent

  • Wie viele Ärzte für eine Stadt benötigt werden, wird durch die Bedarfsplanung festgelegt.
  • Grundlage dafür ist eine Richtlinie, die der Gemeinsame Bundesausschuss der Kassenärztlichen Vereinigungen erlässt. Darin legt der Ausschuss fest, in welchem Verhältnis die Zahl der Einwohner zur Anzahl der Ärzte stehen soll.
  • Diese Verhältniszahl bildet die Grundlage für die Berechnung des Versorgungsgrades.
  • Wenn das Verhältnis von Ärzten und Patienten genau mit dieser Vorgaben überein, beträgt der Versorgungsgrad 100 Prozent.
  • Bei der hausärztlichen Versorgung spricht man bei einem Versorgungsgrad von weniger als 75 Prozent von einer Unter- und bei mehr als 110 Prozent von einer Überversorgung.
  • Bei einer Überversorgung wird der Bereich für Neuzulassungen gesperrt.
  • In Bergkamen könnten sich Hausärzte aufgrund des niedrigen Versorgungsgrades jederzeit neu niederlassen.
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