Die Brandschutzmängel in den geräumten Häusern sind offenbar so zahlreich, dass es kaum nachzuvollziehen ist, warum sie nicht früher erkannt wurden. Es gibt viele Fragen zu klären.

Bergkamen

, 24.06.2019, 17:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bei den beiden wegen Brandschutzmängeln geräumten Häusern an der Töddinghauser Straße gibt es eine ganze Reihe von offenen Fragen, die geklärt werden müssen. Dabei geht es unter anderem darum, ob sich jemand anders als die Wohnungseigentümer für die Brandschutzmängel in den beiden Häusern haftbar machen lässt – und wohl auch darum, ob sich daraus eine finanzielle Haftung ergibt.

Mängel für Experten schnell zu sehen

Schon der Blick in den Bericht des Brandschutz-Sachverständigen zeigt, dass es zu den zahlreichen Mängeln kaum unbemerkt gekommen sein kann – zumindest für Experten, sie sich mit Brandschutz auskennen. Es kommt hinzu, dass der von der Hausverwaltung bestellte Brandschutzsachverständige nur die allgemein zugänglichen Flächen in Augenschein nehmen konnte und die einzelnen Wohnungen bisher nicht betreten hat. Mit anderen Worten: Mängel wären für einen Experten ohne weiteres zu sehen gewesen. Das gilt zum Beispiel für die Teppichböden, die in den Fluren zu den Wohnungen liegen und die den Brandschutz beeinträchtigen.

Bei den geräumten Häusern gibt es viele Fragen, aber noch wenige Antworten

Die Teppichböden in den Fluren verstoßen gegen Brandschutzvorschriften. Die Frage ist, wer sie in wessen Auftrag verlegt hat und warum sie nicht früher aufgefallen sind. © Borys Sarad

Verwalter geht offenen Fragen nach

Alexander Speth, Rechtsanwalt aus Hamm, versichert, dass er diesen Fragen zusammen mit der aktuellen Hausverwaltung nachgeht. Er hat die Vertretung der Wohnungseigentümer im Auftrag des Immobilienbüros Beckschulte aus Unna übernommen. „Wir sind dabei zu prüfen, wer was in Auftrag gegeben hat und welches Unternehmen die Arbeiten ausgeführt hat“, sagte Speth. Dabei geht es unter anderem um Installationen im Sicherheitstreppenhaus, die nach Ansicht des Gutachters den Brandschutz beeinträchtigen – oder um die Frage, wer die Teppichböden in den Fluren verlegt hat und warum sie nie bemängelt wurden.

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Lange Recherchen

Nach Angaben des Anwalts dauern die Recherchen schon allein wegen der vielen festgestellten Mängel lange. Außerdem müsse die Frage geklärt werden, welche Mängel durch spätere Installationen verursacht wurden oder ob die Häuser schon allein durch ihre Bauart bestimmte Mängel hatten.

Bei den geräumten Häusern gibt es viele Fragen, aber noch wenige Antworten

Die beiden achtstöckigen Gebäude, die einen zusammenhängenden Komplex bilden, grenzen unmittelbar an das Einkaufszentrum Turmarkaden, das abgerissen werden soll. © Borys Sarad

Anwalt will auch Haftungsfrage klären

Die Frage, ob für die Beseitigung der Mängel ein Dritter außer dem Wohnungseigentümern mit haftbar ist, sei erst der zweite Schritt, sagte Speth. Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Fachunternehmen Installationen vorgenommen hat, das wissen musste, dass sie nicht den Brandschutzbestimmungen entsprechen. Bis dieser Nachweis geführt ist, könne viel Zeit vergehen, sagte der Anwalt, der mittlerweile auch als Sprecher der Hausverwaltung fungiert.

Verwirrung um fehlende Planunterlagen

Eine Frage, die sich die Wohnungseigentümer stellen, seit der Gutachter seinen Bericht vorgelegt hat, konnte aber auch Speth nicht beantworten: Der Gutachter hatte mitgeteilt, dass die Planungsunterlagen nicht zur Verfügung stehen, die für eine weitergehende Beurteilung und Einschätzung der vorgefundenen Mängel notwendig sind. Um Unterlagen von der Stadt Bergkamen könne es sich nicht handeln, sagte Sozialdezernentin Christine Busch. Die Bergkamener Bauordnung habe schriftliche Dokumente zu den Häusern sofort an den Gutachter ausgehändigt, nachdem er bestellt war. Alle anderen Dokumente habe die Stadt am 28. Mai, etwa eineinhalb Wochen nach der Räumung, digital zur Verfügung gestellt.

Bei den geräumten Häusern gibt es viele Fragen, aber noch wenige Antworten

Die Bewohner mussten die Häuser Mitte Mai innerhalb weniger Stunden verlassen. Ein Teil wohnt in städtischen Notunterkünften, einige bei Freunden und Verwandten. Manche Mieter sind schon umgezogen. © Marcel Drawe

Auch die Stadt geht offenen Fragen nach

Nach Angaben von Busch geht auch die Stadt als Bauordnungsbehörde zahlreichen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Brandschutz in den beiden achtstöckigen Wohnhäusern Töddinghauser Straße 135 und 137 nach. Unter anderen geht es um Hinweise von Wohnungseigentümern, dass es in der Vergangenheit Begehungen zum Brandschutz in den Häusern gegeben haben soll – zuletzt 2010 oder 2011. Damals sei das auch Thema bei einer Eigentümerversammlung gewesen, sagte ein Eigentümer nach Durchsicht seiner Unterlagen. Wer sich damals mit dem Brandschutz beschäftigt hat und ob dabei auch Behördenvertreter beteiligt waren, ist noch nicht klar. Die derzeitige Hausverwaltung hat ihre Aufgabe erst vor etwa fünf Monaten übernommen.

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Anwalt: Sanierung steht an erster Stelle

Speth betonte, dass es nicht Absicht der Hausverwaltung sei, die Eigentümer zum Verkauf ihrer Wohnungen und damit der beiden Häuser zu drängen. „Unser vorrangiges Ziel ist immer noch, die Wohnungen wieder bewohnbar zu machen“, sagte er. Die Hoffnung, dass das schnell geht, hat sich aber offenbar zerschlagen. „Wir haben alles geprüft, aber bisher keinen Weg gefunden“, sagte Busch. Nach Speths Angaben hat die Hausverwaltung angesichts der mutmaßlich hohen Sanierungskosten auch andere Wege geprüft, unter anderem den Verkauf der beiden Objekte. „Letztlich liegt die Entscheidung aber bei den Eigentümern“, sagte der Anwalt.

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Häuser innerhalb weniger Stunden geräumt

Die beiden achtstöckigen Wohnhäuser mit insgesamt 60 Wohnungen und 95 Bewohnern waren am 14. Mai wegen Brandschutzmängeln von der Stadt Bergkamen für unbewohnbar erklärt und innerhalb weniger Stunden geräumt worden. Die Wohnungen gehören alle Einzeleigentümern, die sie entweder selbst bewohnen oder vermietet haben.

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