„Ich sollte Mitschüler bespitzeln“: Über eine Kindheit in der DDR und falsche Freunde

dzAngela Marquardt

Angela Marquardt ist in der DDR aufgewachsen. Die Stasi wollte aus ihr einen Spitzel machen. Doch vorher fiel die Mauer. Für Marquardt das größte Glück. In der Gesamtschule erzählt sie, warum.

Bergkamen

, 19.09.2019, 16:44 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Wenn es nur Menschen wie mich gegeben hätte, dann würde es die DDR noch geben.“ Angela Marquardt spricht offen und ehrlich über ihre Vergangenheit in der DDR, in der sie aufgewachsen ist. Sie war Donnerstag zu Besuch in der Gesamtschule, genauer gesagt beim Geschichts-Leistungskurs.

Der beschäftigt sich gerade zwar noch mit Napoleon, doch als das Angebot des SPD-Bundestagsabgeordneten Oliver Kaczmarek kam, mit Marquardt vorbeizukommen, nahmen Schüler und Lehrer gerne an.

Obwohl der Kurs den Mauerfall nicht miterlebt hat, ist das Interesse daran offensichtlich groß.

„Ich wollte mir nie wieder vorwerfen lassen, nichts getan zu haben.“
Angela Marquardt

Die Schüler klebten förmlich an Marquadts Lippen, die die Zeit aus ihrer persönlichen Sicht schilderte, und stellten ihr bis in die große Pause hinein Fragen.

Marquardt hielt keinen Vortrag und las bis auf den Prolog nichts aus ihrem Buch „Vater, Mutter, Stasi“ vor. Sie führte stattdessen ein offenes, lockeres Gespräch mit den Schülern und das kam gut an. Begriffe wie IM (Inoffizielle Mitarbeiter) und MfS (Ministerium für Staatssicherheit) erklärte sie zwar zwischendurch.

„Ich sollte Mitschüler bespitzeln“: Über eine Kindheit in der DDR und falsche Freunde

Angela Marquardt hielt keinen Vortrag sondern führte ein lockeres Gespräch mit den Schülern. Die lauschten ihren Schilderungen gespannt. © Stefan Milk

Angela Marquardt spricht in Bergkamen über ihre Kindheit

Doch vor allem interessierte die Schüler Persönliches. „Wie konnten Sie mit sich vereinbaren, Ihre Freunde zu bespitzeln?“, „Haben sie blind vertraut?“ und „Wann haben Sie gemerkt, dass Sie manipuliert wurden?“ wollten die Schüler unter anderem wissen.

Marquardt musste weit ausholen, um zu verdeutlichen, dass sie ihre Mitschüler und Freunde nicht aktiv bespitzelt hat – aber möglicherweise kurz davor stand. Marquardt hat im Alter von 15 Jahren eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und sich dadurch der Stasi verpflichtet. Nur war ihr das damals nicht bewusst, wie sie den Schülern heute ausführlich erklärt.

„Ich sollte Mitschüler bespitzeln“: Über eine Kindheit in der DDR und falsche Freunde

Angela Marquardt wusste nicht, dass die „Freunde“ ihrer Eltern von der Stasi waren – und einen Plan für sie ausheckten. Zu ihrem Glück fiel vorher die Mauer. © Stefan Milk

Auch in der Demokratie hat Wegsehen Folgen

Die Männer der Staatssicherheit seien bei ihren Eltern, die IMs waren, ein und ausgegangen. Sie habe nicht gewusst, dass die Leute von der Stasi waren, „es waren einfach Freunde meiner Eltern.“

„Auch in der Demokratie kann Wegsehen Folgen haben.“
Angela Marquardt

Diese vermeintlichen Freunde wurden in ihrer Jugendzeit zu ihren engsten Vertrauten, die sie nicht verlieren wollte. Und wenn sie gefragt wurde, wie ihr Tag war, dann habe sie geantwortet.

Marquardt hat jedoch nie den Auftrag erhalten, jemanden zu bespitzeln, sondern wurde darauf vorbereitet, das später in der Universität zu tun – das entnahm sie später ihrer Akte. Dort konnte sie lesen, was die Stasi für ihre Zukunft geplant hatte. „Ich habe gelesen, was ich gemacht hätte, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Der Mauerfall war für mich also das größte Glück.“ Ob sie wirklich Freunde bespitzelt hätte, wisse sie nicht.

Zur Person

Angela Marquardt

  • Angela Marquardt wurde 1971 in Ludwigslust geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der DDR.
  • Nach dem Mauerfall engagierte sie sich in der Politik: Von 1995 bis 2003 war sie Mitglied der PDS (heute Die Linke). Ab 2006 arbeitete sie für die SPD-Bundestagsabgeordnete Andrea Nahles. Heute ist sie Mitarbeiterin der SPD-Bundestagsfraktion.
  • Im Jahr 2002 wurde bekannt, dass Marquardt sich als Fünfzehnjährige unter dem Decknamen Katrin Brandt freiwillig zur Mitarbeit beim MfS verpflichtet hatte, was einen Skandal auslöste.
  • Ein Treffen mit einem ehemaligen Führungsoffizier der Stasi, dessen Gelassenheit sie sehr wütend machte, bewog sie im Jahr 2013 dazu, ein Buch zu schreiben. Es heißt „Vater, Mutter, Stasi“ und beinhaltet neben ihrer Kindheit in einem staatstreuen Haushalt auch ihre Akte der Stasi, die ihr nach dem Mauerfall einiges offenbarte.

Das wird sie auch nie wissen, denn die Mauer fiel rechtzeitig. Marquardt entwickelte schnell politisches Interesse – beginnend mit dem Kampf um ein Jugendhaus und dann gegen Nazis. Sie habe vorher nicht gewusst, dass man sich überhaupt zur Wehr setzen könne. Und dass sie das tun will, stand schnell fest. „Ich wollte mir nie wieder vorwerfen lassen, nichts getan zu haben.“

Das Gespräch drehte sich übrigens nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Gegenwart. Dass manche junge Menschen, denen sie begegnet, sich nicht für die Wahl interessieren, kann Marquardt nicht verstehen. Für sie ist das ein Privileg. „Menschen sind damals auf die Straße gegangen, damit ich wählen kann.“ Sie machte zudem deutlich, dass in der Demokratie so etwas wie damals zwar nicht so schnell passieren könne. „Aber auch in der Demokratie kann Wegsehen Folgen haben.“

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