Viele Bergkamener haben bayerische Vorfahren. Sie kamen vor fast 100 Jahren als Bergleute – und versuchten lange, die Tradition ihrer Heimat zu bewahren.

Bergkamen

, 28.11.2018, 14:46 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer das Bergkamener Telefonbuch durchblättert, stößt überraschenderweise auch auf viele Namen, die Bayerisch klingen – wie Hartl, Schlamminger, Weigl oder Engl. Die Bergleute, die nach Bergkamen einwanderten, kamen nicht nur aus Schlesien, aus Masuren oder aus der Bückeburger Gegend, sondern unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg auch aus Bayern. Die Männer, die vor allem zwischen 1919 und 1923 als Bergleute zur Zeche Grimberg 1/2 kamen, stammten vor allem aus dem Bayerischen Wald, aus der Gegend um Cham. „Dort gab es damals praktisch nur Landwirtschaft. Es war schwer, Arbeit zu finden“, sagt Gerhard Löffler. Er ist selbst das Kind bayerischer Eltern, die allerdings erst später nach Bergkamen zuwanderten. Löfflers Vater kam 1957 aus der Gegend von Donauwörth nördlich von Augsburg nach Bergkamen, um im Bergbau zu arbeiten. Er selbst war 1958 das erste Kind, das nicht in Bayern, sondern in Westfalen geboren wurde.

Als die neuen Bergkamener aus Bayern kamen

Die Harmonika, Lederhosen und Dirndl gehörten schon früher zur festen Ausstattung des Vereins. © Stefan Milk

Gründung des Bayernvereins „Bavaria“ im Jahr 1921

Auch die Bergkamener Bayern wollten die Erinnerung an ihre alte Heimat wachhalten. 22 von ihnen gründeten am 18. Juni 1921 den „Bayern- und Gebirgs-Trachten-Erhaltungs-Verein Bavaria Bergkamen und Umgebung“ - in Bergkamener unter dem weniger sperrigen Namen „Bayernverein Bavaria“ bekannt. Der damals noch junge Verein bestellte schon im Jahr 1922 in Duisburg eine Fahne, die aufgrund der bereits einsetzenden Inflation 20.000 Reichsmark kosten sollte. Als die Fahne 1923 endlich fertig war, kostete sie aufgrund der Inflation schon 100.000 Mark – ein Spottpreis im Vergleich zu dem, was das Fest zur Fahnenweihe kostete. Dafür bezahlte der Verein knapp 1,5 Millionen Reichsmark.

Die Bergkamener Bayern waren damals übrigens nicht die einzigen, die ins Ruhrgebiet gekommen waren. Wie aus der Vereinschronik hervorgeht, war der Bayernverein schon im Oktober an der Gründung des Lippetaler Gaues der Bayernvereine beteiligt, an dem auch Vereine aus Lünen, Ickern, Bockum-Hövel, Herringen, Hamm, Ahlen und Dortmund teilnahmen.

Als die neuen Bergkamener aus Bayern kamen

In den 50er Jahren gab es noch Umzüge in Tracht durch Bergkamen. © Stefan Milk

Umzüge in Tracht durch Bergkamen

In den folgenden fast 100 Jahren arbeitete der Verein daran, das zu tun, was schon seit Name sagt: Er bemühte sich, bayerische Lebensart und Traditionen bei den Bayern wachzuhalten, die es ins Ruhrgebiet verschlagen hatte. Tagsüber arbeiteten fast alle männlichen Mitglieder im Bergbau. Abends und am Wochenende pflegten sie die bayerischen Traditionen – einschließlich der Kleidung. Männer trugen Krachlederne und Frauen ein Dirndl, in denen sie bei Veranstaltungen auch über den Nordberg in Bergkamen zogen, wie historische Fotos belegen. Es gab eine Theatergruppe, die bayerische Volksstücke aufführte und Feste mit bayerische Harmonika-Musik und Schuhplatteln. Es ist kein Wunder, dass der Verein im Vorstand nicht nur die üblichen Funktionen wie Vorsitzender, Schriftführer und Kassierer hatte, sondern auch immer einen ersten und zweiten „Vorplattler“.

Als die neuen Bergkamener aus Bayern kamen

Die Almhütte steht schon seit den 30er Jahren auf dem Gelände der Bayernalm an der Hochstraße. Der Verein bekam das Gelände einige Jahre zuvor von der Zeche. © Stefan Milk

Bau der Almhütte in den 30er Jahren

Zu einem der wichtigsten Ereignisse in der Vereinsgeschichte kam es 1932, als die Zeche dem Verein ein Gelände auf dem damals höchsten Punkt von Bergkamen überließ – die „Alm“, die damals noch außerhalb der Bebauung lag. Dort entstanden ein Kinderspielplatz, eine Kegelbahn unter freiem Himmel, eine Plattelbühne und 1937/38 aus Abbruchmaterial einer Scheune der damaligen Gaststätte Baumhöher die „Almhütte“, die es in umgebauter Form immer noch gibt. In den 50er Jahren wurde unter anderem eine überdachte Kegelbahn angebaut.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Bayernverein Bergkamen

Der Verein "Bayern und Gebirgs-Trachten-Erhaltungsverein Bavaria Bergkamen und Umgebung" hält schon seit 1921 die Tradition er ins Ruhrgebniet eingewanderten Bayern hoch. Das zeigen auch die Bildern von Harmonika- und anderen Treffen auf der Bergkamener Bayernalm.
28.11.2018
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Bergkamen. Noch bis vor wenigen Jahren kamen Musiker aus Bayernvereinen aus dem ganzen Ruhrgebiet zu den Harmonikatreffen auf der Bergkamener Bayernalm wie zu diesem Treffen 2010.© Stefan Milk
Sie machten bayerische Musik auf den typischen Instrumenten.© Stefan Milk
Dabei fehlte auch nie bayerisches Brauchtum, einschließlich der Kleidung.© Stefan Milk
Und natürlich bayerische Volkstänze, bei denen die Männer in Lederhosen und die Frauen im Dirndl tanzten.© Roman Grzelak
Den Schuhplattler beherrschen aber nicht mehr viele der Ruhrgenietsbayern, obwohl der Verein sogar immer einen ersten und zweiten "Vorplattler" hatte.© Roman Grzelak
Auch das Publikum bei den Ruhrgebiet-Bayern trägt oft Tracht.© Roman Grzelak
Die Musiker sind immer zünftig gekleidet.© Roman Grzelak
Auch wenn es auf diesem Bild noch anders aussieht: Dem Bayernverein fehlt mittlerweile auch Nachwuchs.© Roman Grzelak

Vom Bayern zum echten „Ruhri“

Die Zeit ging trotz aller Traditionspflege allerdings auch an den Bergkamener Bayer nicht spurlos vorbei. Trotz ihrer Bayerischen Namen sind sie mittlerweile echte Ruhrgebietler, wie ein Blick auf die Fensterbank bei Löffler zeigt: Dort stehen Fan-Devotionalien von Borussia Dortmund und ein Fenster weiter regieren die blau-weißen Lieblinge seiner Frau. „Mit Bayern München hat der Bayernverein gar nichts zu tun“, sagt Löffler, der 19 Jahre lang Vereinsvorsitzender war. Auf der Alm wird bei Festen schon lange Bier aus Westfalen ausgeschenkt und Kinder und Enkelkinder haben eigentlich schon gar keinen Bezug zur Bayerischen Heimat ihrer Vorfahren. Harmonikatreffen gibt es auf der Bayernalm schon seit einigen Jahren nicht mehr und zum Schuhplatteln treten die Mitglieder nur noch zusammen mit dem Dortmunder Verein an. „Sonst sind wir nicht mehr genug jüngere Leute“, sagt Löffler. Nur das Oktoberfest gibt es noch.

Inzwischen hat der Bayernverein Bavaria sogar etwas getan, was früher undenkbar war: Er hat sich auch für Nicht-Bayern geöffnet. Aktueller Vorsitzender ist Achim Rudolph. Ob er noch bayerische Vorfahren hat? Gerhard Löffler grinst ein wenig. Hat er nicht – denn das ist mittlerweile noch nicht einmal mehr beim Vorsitzenden ein Kriterium.

Vermietung für die Vereinskasse

  • Der Bayernverein hat zurzeit noch etwa 30 Mitglieder.
  • An einem Mitglied hängt meist aber eine ganze Familie, denn es ist unüblich, dass alle Familienmitglieder Vereinsmitglieder werden.
  • Der Verein füllt seine Vereinskasse auch auf, indem er die Bayernalm vermietet.
  • Dort können andere Vereinsfeste aber auch Familienfeste gefeiert werden.
  • Ein Nutzer ist auch der Theaterverein Overberge, der auf der Bayernalm probt.
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