Bärbel Heidenreich war acht Jahre lang Schulleiterin des Städtischen Gymnasiums. Zum 31. Juli scheidet sie aus dem Dienst aus. © Marcel Drawe
Schulleiterin Bärbel Heidenreich

Abschied in der Pandemie: Schulleiterin übt Kritik am Schulsystem

Die Schulleiterin des Bergkamener Gymnasiums Bärbel Heidenreich geht in den Ruhestand. Die Schüler und Kollegen wird sie vermissen. Die Bürokratie und die Kommunikation während der Pandemie nicht.

Endlich wieder den Tatort am Sonntagabend sehen und Texte aus Interesse lesen – und nicht, um sie zu analysieren und dann Entscheidungen für rund 70 Kollegen und 700 Schüler zu treffen. Das sind nur zwei der vielen Dinge, auf die Bärbel Heidenreich sich freut. Die 63-Jährige geht zwar erst Ende Juli offiziell in den Ruhestand, aber ihr letzter richtiger Schultag war jetzt am Freitag.

2013 wurde Heidenreich Schulleiterin des Bergkamener Gymnasiums. An dem Beruf schätzt sie besonders die Abwechslung und den Kontakt zu Schülern und Kollegen. Doch in den vergangenen acht Jahren musste sie ihre Schule auch durch einige herausfordernde Zeiten bringen – Stichworte sind Inklusion, Integration, der Wechsel zwischen G8 und G9. Und zuletzt die Corona-Pandemie.

Diese wohl größte Herausforderung lässt Heidenreich noch vor deren Ende hinter sich. Und darüber ist sie erleichtert. Denn vieles lief nicht ganz so, wie sie es sich gewünscht hätte. Besonders die Kommunikation mit den Ministerien hätte nach ihrem Geschmack anders laufen sollen. Wichtige Informationen erhielt die Schule teils sehr kurzfristig – und manchmal erst nachdem sie schon in den Medien die Runde gemacht hatten. „Wir haben zeitweise Freitag nicht gewusst, wie es Montag weitergeht.“

Schweres Corona-Jahr für Lehrer und Schüler

Das bescherte der Schulleitung einerseits viel Arbeit, sorgte aber auch für Verunsicherung – bei Lehrern, Schülern und Eltern. Auch stand lange nicht fest, ob und wie die Abiturprüfungen genau ablaufen würden.

„Wir planen normalerweise langfristig und erstellen Anfang des Jahres einen Klausurplan, damit Schüler, Lehrer und auch Eltern sich darauf einstellen können“, erklärt Heidenreich. Im vergangenen Jahr war das nicht möglich. Das verlangte Heidenreich und ihren Kollegen viel Geduld und Flexibilität ab. „Für die Abiturienten war das belastend.“

Die Digitalisierung war ein wichtiges Projekt für Heidenreich. In den vergangenen Jahren hat sich viel getan. Überall in der Schule gibt es mittlerweile WLan. Und kürzlich wurden neue Ipads angeschafft. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Doch nicht nur während der Corona-Krise musste sich Heidenreich auf vieles konzentrieren, dass sie davon abhielt, sich intensiver mit der Unterrichtsentwicklung zu befassen. Auch die Digitalisierung ist ein Beispiel für etwas, das in ihren Augen künftig anders laufen sollte, weil die Prozesse zu bürokratisch seien.

Bürokratische Aufgaben rauben Schulleiterin die Zeit

So müssen Schulen laut Heidenreich zum Beispiel ein sogenanntes „Pädagogisch-technisches Konzept“ erstellen, in dem begründet wird, warum welche Geräte benötigt werden. Es sei kein Wunder, dass noch nicht alle Mittel von den Schulen abgerufen wurden, wenn dahinter ein solcher Aufwand steckt, findet die scheidende Schulleiterin.

In dem Konzept muss laut Heidenreich zum Beispiel stehen, wie viel Mbit die Leitungen haben und wie viele Access-Points es gibt. Oder welche Beamer und Lautsprecher wohin passen. „Das kann nicht Aufgabe der Schule sein“, findet Heidenreich, die als ehemalige Siemens-Mitarbeiterin noch recht gut mit solchen Aufgaben klargekommen ist.

Die Leiterin des Städtischen Gymnasium Bergkamen räumt in absehbarer Zeit ihren Schreibtisch. Ein Nachfolger wird bereits gesucht.
Die Leiterin des Städtischen Gymnasiums, Bärbel Heidenreich, räumt in absehbarer Zeit ihren Schreibtisch. Ein Nachfolger wird bereits gesucht. © Roman Grzelak © Roman Grzelak

Was das Ganze aber nicht weniger (zeit-)aufwendig machte. „Das sollte vereinfacht werden – oder wie man so schön sagt ‚outgesourct‘“, findet Heidenreich. Sie hätte sich gern weniger mit dem bürokratischen Drumherum befasst und dafür mehr mit der Schulentwicklung.

So hätte die leidenschaftliche Mathe-Lehrerin das Gymnasium noch gerne zu einer MINT-freundlichen Schule gemacht. „Wir waren auf einem guten Weg, aber dann kam Corona.“

Heidenreich wünscht sich mehr Entlastung für die Lehrer

Heidenreich wünscht sich für die Zukunft ihrer Nachfolge, die erst einmal kommissarisch übernommen wird, dass sie oder er und das Kollegium entlastet wird, um sich mehr auf die Inhalte und den Unterricht an sich konzentrieren zu können. Auch wünscht sie sich eine bessere Kommunikation mit dem Ministerium.

Vor der Übergabe befasst Heidenreich sich aktuell damit, wie es coronatechnisch nach den Ferien weitergeht. Hierzu kam schon eine seitenlange Info aus dem Ministerium: In den ersten zwei Wochen nach den Ferien gilt für die Schüler vorerst weiterhin eine Test- und Maskenpflicht.

Nach der Urlaubszeit ist das sicherlich nicht verkehrt. Immerhin wurden mit den Selbsttests vier positive Fälle aufgedeckt, die mögliche Ausbrüche in der Schule verhinderten.

Bärbel Heidenreich ist und bleibt ein Fan des Bachkreises. Die nächsten Konzerttermine stehen schon in ihrem Kalender. © Archiv © Archiv

Laut Heidenreich waren die Tests sehr zuverlässig. Wie die Corona-Tests genau funktionieren, findet sie übrigens recht spannend – genau wie die Wirkweise der Impfstoffe. Neben dem Segeln, Reisen und Theaterbesuchen kann Heidenreich sich gut vorstellen, sich im Fach Biologie weiterzubilden, um zum Beispiel zu verstehen, wie die Corona-Impfstoffe genau funktionieren.

Langeweile wird bei ihr sicher nicht aufkommen. Aber sie nimmt sich dann eben die Zeit für das, was ihr wirklich wichtig ist. „Vielleicht schreibe ich aber noch ein pädagogisch-technisches Konzept für Tische und Stühle“, schmunzelt sie.

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
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Claudia Pott

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