Diese Frau bringt die Inklusion nach Kamerun

dzGisela Groß-Towa

Für Heimatbesuche beim Bruder in Bergkamen hat Gisela Groß-Towa nur selten Zeit. Sie lebt in Kamerun und leitet dort eine Schule für Kinder mit geistiger Behinderung. Sie setzt auf Inklusion.

Bergkamen

, 01.12.2019, 14:27 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gisela Groß-Towa sitzt im Bergkamener Wohnzimmer ihres Bruders Ernst Groß. „Ich freue mich, dass ich bald wieder nach Hause komme“, sagt sie. Das Zuhause der 72-Jährigen ist ziemlich weit entfernt von dem Haus Im Breil, wo sie Quartier nimmt, wenn sie nach Deutschland kommt: Gisela Groß-Towa lebt in Doula im zentralafrikanischen Kamerun. Und dort hat sie eine wichtige Aufgabe: Sie leitet eine Schule für Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen.

Nach Kamerung der Liebe wegen

Groß-Towna ging schon vor über 40 Jahren nach Afrika. Mit ihrem Mann, Abel Towa, der aus Kamerum stammt. Er kam in den 60er Jahren zum Studium nach Deutschland. „Erst war er in der DDR“, berichtet Groß-Towa.

Diese Frau bringt die Inklusion nach Kamerun

Beim Heimat-Besuch in Bergkamen trifft Gisela Groß-Towa ihren Bruder Ernst Groß (r.) und ihren Sohn Renè Towa, der in London lebt © Stefan Milk

Dann ging er in den Westen und studierte Brauereiwesen: In West-Berlin und in Dortmund. Dort lernte ihn Gisela Groß kennen, die seinerzeit in Scharnhorst lebte. „1967 haben wir geheiratet“, berichtet die Witwe, deren Ehemann bereits 1992 verstarb. Damals war das Ehepaar längst in Kamerun. Die beiden Söhne wurde noch in Deutschland geboren, in Afrika kam dann die Tochter auf die Welt.

Die Kinder standen ohne Aussicht auf Förderung da

Sie hat eine geistige Behinderung und besuchte die Schule, die Thomas Nguangue 1963 als erste ihrer Art in Kamerun gegründet hatte. 1999 starb Thomas Nguangue. „Er hinterließ eine Schule ohne Leitung, Kinder ohne Aussicht auf weitere Förderung und bestürzte Eltern“, erinnert sich Groß-Towa. Also ergriff sie selbst die Initative und gründete eine Stiftung zur Erziehung von Kindern mit geistiger Behinderung. „Wir hatten ja das große Haus“, sagt sie.

Diese Frau bringt die Inklusion nach Kamerun

In dem Zentrum erlernen die Kinder auch handwerkliche Fähigkeiten © privat

Und dort ist das Zentrum, das inzwischen den Namen „Le Caméleon“ trägt, auch heute noch untergebracht. Aktuell besuchen 33 junge Menschen im Alter von fünf bis 21 Jahren die Schule. Sie gehen in fünf Klassen, einige leben im Internat. 20 Lehrer kümmern sich um die Kinder und Jugendlichen. Sie bringen ihnen auch handwerkliche Fähigkeiten bei, damit sie unter Umständen in den Werkstätten ihrer Eltern mitarbeiten können.

Das Schulgeld beträgt 700 Euro im Jahr

Das alles kostet natürlich Geld. Das Zentrum ist seit 2001 von dem zuständigen Ministerium anerkannt, staatliche Unterstützung bekommt es aber nicht. Deshalb beträgt das Schulgeld 700 Euro pro Jahr. Das ist in Kamerun sehr viel Geld. Schüler in Regelschulen zahlen 100 Euro. Groß-Towa bemüht sich aber auch, Kinder aus Familien aufzunehmen, die die Jahresgebühr nicht aufbringen können: „Dafür suchen wir Paten in Europa“, sagt sie.

Diese Frau bringt die Inklusion nach Kamerun

Insgesamt 160 Kinder gehen in dem Zentrum, das Gisela Groß-Towa leitet, in den Kindergarten und zur Schule © privat

Groß-Towa und ihren Mitarbeiter geht es aber nicht nur darum, ihren Schülern ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. Sie wollen auch die Mentalität im Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung ändern. „Viele Eltern in Kamerun tun sich damit noch sehr schwer“, sagt sie.

Es geht auch um Inklusion

Deshalb gehören zum dem Zentrum seit zwei Jahren auch eine Regel-Grundschule und ein Kindergarten. Dort lernen rund 130 Kinder für das Leben. Sie kommen mit Altersgenossen mit geistigen Behinderungen zusammen. „Das gemeinsame Miteinander wird auf diese Weise ganz normal“, meint Groß-Towa. Und so hofft sie, dass eine Generation ohne Vorbehalte gegen Behinderte heranwächst.

Diese Frau bringt die Inklusion nach Kamerun

Gisela Groß-Towa mit ihren Schützlingen. © privat

Gisela Groß-Towa hat in Douala ohne Frage eine Menge bewirkt. Und sie hat noch einiges vor, weshalb sie sich an diesem Sonntag auf den sechseinhalbstündigen Flug nach Kamerun gemacht hat. Sie will ja wieder nach Hause.

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