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Sophia Engel erlebt gerade etwas, was in wenigen Jahren nicht mehr möglich sein wird: Die 19-Jährige aus Unna betreut in London jüdische Überlebende des Holocaust. Ein Interview.

11.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Nach dem Abitur ein Jahr im Ausland arbeiten: Längst zählt das zum guten Ton, finden sich ein Au-Pair-Jahr in den USA oder „Work and travel“ in Australien auf vielen Lebensläufen junger Studienanfänger. Doch das, was Sophia Engel aus Unna seit September 2018 in London macht, hat mit all dem nicht viel gemein.

Die 19-Jährige betreut in der britischen Hauptstadt für die „Association of Jewish Refugees“ ältere Menschen. Es sind Überlebende und Angehörige von Überlebenden des Holocaust, die Sophia in ihrer täglichen Arbeit trifft. Im Interview erzählt die 19-Jährige, wieso sie diese Zusammentreffen als Privileg empfindet, welche Rolle ihre deutsche Herkunft spielt und was sie als drängendste Aufgabe ihrer Generation ansieht.

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

60 Jahre im Zeichen der Versöhnung

  • Sophia Engel arbeitet im Auftrag von „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ (ASF) in London. ASF ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, der aktuell 1164 Mitglieder hat.
  • Die Anerkennung der Schuld für die nationalsozialistischen Verbrechen steht am Anfang des Gründungsaufrufs von Aktion Sühnezeichen. Er wurde 1958 bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland verlesen und von zwei Dritteln ihrer Mitglieder unterzeichnet.
  • Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen ist für ASF Motiv und Verpflichtung für konkretes Handeln in der Gegenwart.
  • ASF bietet zwölfmonatige internationale Friedensdienste für junge Männer und Frauen an. Die ASF- Freiwilligen begleiten alte Menschen beispielsweise in jüdischen Institutionen (so wie Sophia es in London macht), sie unterstützen sozial benachteiligte Menschen sowie Menschen mit psychischen oder physischen Beeinträchtigungen oder sie engagieren sich in antirassistischen Initiativen oder Projekten der historischen und politischen Bildung.

Seit September lebst und arbeitest du in London. Wie sieht dein Alltag aus?

Zu meinen Aufgaben gehört es, mehrere Mitglieder der „Association of Jewish Refugees“ regelmäßig zu besuchen und einfach ein bisschen mit ihnen zu reden, einen Tee zu trinken oder spazierenzugehen. Mittlerweile habe ich fünf „Ladies“, die mir fest zugeordnet sind. Alle fünf sind sehr verschieden, aber alle unglaublich herzlich und sie freuen sich jedes Mal, mich zu sehen. Ich bleibe bei jeder fast immer bis zu zwei Stunden. Außerdem gehe ich zu Gruppentreffen, die einmal im Monat stattfinden und unseren Mitgliedern die Gelegenheit bieten, sich mit anderen Mitgliedern auszutauschen. Bei diesen Treffen gibt es immer einen spannenden Vortrag. Dienstagmorgens gehe ich meistens ins „Sobell Daycenter, das ist ein Tagestreff für Senioren.

Wie sehr ist es in deinen Begegnungen mit deinen jüdischen „Ladies“ Thema, dass du Deutsche bist?

Tatsächlich hatte ich, bevor ich meine Arbeit hier aufgenommen habe, große Sorge davor, dass es negativ zur Sprache kommt, dass ich Deutsche bin. Zwar sprechen mich die meisten Leute darauf an, wo ich denn herkäme, aber sie fragen meist aus reinem Interesse. Meistens freuen sich die Leute sogar und fangen an, auf Deutsch mit mir zu reden oder erzählen mir Geschichten von ihren deutsch-sprachigen Eltern. Trotzdem ist man sich der Tatsache durchgehend bewusst, wenn man sich unter Holocaust-Überlebenden befindet, dass man selber aus Deutschland kommt.

Wie macht sich das bei dir bemerkbar? Gehst du in Gespräche vorsichtiger rein?

Es ist einfach ein seltsames Gefühl in der Magengrube, jemanden von Auschwitz erzählen zu hören und man selber weiß nicht, was seine – in meinem Fall – Ur-Großeltern im Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Nichtsdestotrotz bin ich sehr froh, mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen und eine neue Generation zu repräsentieren, die sich für Toleranz, Vielfältigkeit und Frieden aktiv einsetzt. Bisher haben das auch alle Leute, die ich treffen durfte, so gesehen und sind froh, mich kennenzulernen. Man weiß, woher ich stamme, aber man weiß auch, dass ich über 50 Jahre nach dem Holocaust geboren bin und dementsprechend keinen Einfluss auf das habe, was passiert ist.

„Für das, was in Deutschland passiert ist, tragen wir Jüngeren nicht die Schuld. Aber wir haben die Verantwortung, dass es nicht vergessen wird.“
Sophia Engel

Was ziehst du daraus für dich für Konsequenzen?

Ich sehe mich und meine Generation in der Verantwortung, aktiv an der Gedenkkultur mitzuarbeiten und das Geschehene nie wieder passieren zu lassen, sich aktiv für Toleranz, gegen Rassismus und Antisemitismus einzusetzen und für eine bessere Zukunft zu arbeiten. Ich kann es nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, aktiv zu sein. Für viele mag das absurd klingen, weil der Krieg „so lange“ her ist, aber die Wunden sind noch immer frisch. Es leben noch immer Holocaust-Überlebende, die am eigenen Leib unvorstellbares Leid erfahren haben, und auch Nachkommen dieser sind gezeichnet durch die Erfahrungen ihrer Eltern. Ich bin im Moment privilegiert, mit vielen solcher Leute zu arbeiten und kann aus Erfahrung sagen, wie wertvoll die Begegnungen junger Deutscher und Holocaust-Überlebender sind. Ich kann natürlich nicht für andere sprechen, aber die meisten Überlebenden sehen die Verantwortung meiner Generation ähnlich wie ich. Für das, was in Deutschland passiert ist, tragen wir Jüngeren nicht die Schuld. Aber wir haben die Verantwortung, dass es nicht vergessen wird. Wir wären auch schuld, wenn wir nicht dafür Sorge tragen, dass die Erinnerung hochgehalten wird.

Wie Sophia Engel aus Unna die Arbeit mit Holocaust-Überlebenden in London erlebt

Noch bis Ende August arbeitet Sophia Engel für ASF in London. © Anna Gemünd

Gibt es etwas, was dich in deiner Arbeit mit Holocaust-Überlebenden besonders berührt, vielleicht ein Ereignis, was dich sehr bewegt hat?

Vergangenen Mittwoch hatte ich das große Privileg, beim Holocaust-Gedenktag der Universität von Sussex die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchen-Orchesters von Auschwitz) und Niklas Frank (Sohn des Nationalsozialisten Hans Frank, der als Hauptkriegsverbrecher in den Prozessen von Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und auch „Schlächter von Polen“ genannt wurde) live in einem Podiumsgespräch zu sehen . Die beiden sind heute Freunde und setzen sich für Toleranz ein, jeder durch seine einzigartige Geschichte. Bei diesem Gespräch hat Anita Lasker-Wallfisch etwas gesagt, was mich sehr berührt hat und was jeder in seinem Herzen mit sich tragen sollte, wie ich finde. Auf die Frage, wie es kam, dass die beiden trotz ihrer Familiengeschichten Freunde wurden, sagte sie, frei zitiert und übersetzt: „Wenn man jemanden kennenlernt, sollte man nicht direkt nach der Herkunft fragen, sondern die Menschen als Personen kennenlernen und empfangen. Niemand kann etwas dafür, wo er herkommt oder in welche Familie er hineingeboren wurde.“
Ich finde das sehr richtig; man kann nichts dafür, wo man herkommt oder was seine Eltern getan haben, aber man kann selber entscheiden, was man mit seinem „Erbe“ macht und wo man hingeht.

„Man kann selber entscheiden, was man mit seinem „Erbe“ macht und wo man hingeht.“
Sophia Engel

Ganz anderes Thema, aber eines, das du sicherlich gerade in London sehr stark mitbekommst: Wie sehr ist der Brexit ein Thema, über das ihr euch unterhaltet? Wie ist die Stimmung?

Das Thema Brexit bereitet hier allen Kopfschmerzen. In meinem Büro sind die meisten Leute gegen den Brexit und auch egal, ob für oder gegen Brexit, eigentlich allen tut Theresa May nur noch leid. Meistens diskutiert man auch weniger Fakten, denn niemand weiß so recht, was grade passiert und ich glaube, mittlerweile wissen das selbst die Politiker nicht mehr.
Was allerdings sehr interessant ist: Wir haben eine unglaublich große Zahl an Mitgliedern, die sich für einen deutschen Pass bewerben, denn durch deutsche Eltern hat man das Recht auf einen deutschen Pass. Die ganze Geschichte löst allerdings Diskussionen aus, denn viele Leute sehen es kritisch, als jüdischer Flüchtling erster, zweiter oder auch dritter Generation sich jetzt wieder auf einen deutschen Pass zu bewerben, wo man doch alles daran gesetzt hat, aus dem Land damals herauszukommen.

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