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Mal eben schnell auf dem Gehweg geparkt, damit das Kind möglichst nah bis zur Schule kommt: Genau dieses Verhalten ahndete die Polizei am Dienstagmorgen am Schulzentrum Nord in Unna.

Unna

, 12.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Es ist 7.37 Uhr, als es zum ersten Mal passiert: Souverän biegt der Kleinwagen auf den Gehweg an der Döbelner Straße, kommt zum Stehen. Die Beifahrertür öffnet sich, ein Schüler steigt aus und schlägt die Autotür zu. „Eltern-Taxi“ nennt - nicht nur - die Polizei es, wenn Eltern ihre Kinder gewissermaßen bis vor die Schultür fahren und dabei keine Rücksicht auf Fußgänger oder Radfahrer nehmen.

Am Dienstagmorgen stand genau dieses Verhalten unter verschärfter Beobachtung der Kreispolizeibehörde Unna. Mit insgesamt 19 Beamten war die Polizei ab dem frühen Morgen im Einsatz, um den Schulverkehr rund um das Schulzentrum Nord zu beobachten.

Im Schulzentrum Nord sind 8000 Schüler täglich unterwegs

Zeitpunkt und Ort waren ganz bewusst gewählt: „Wir haben in diesem Bereich durch die Berufskollegs, die Gesamtschule und das Gymnasium rund 8000 Schüler, die sich hier täglich aufhalten“, erklärt Thomas Röwekamp, Sprecher der Kreispolizeibehörde. Eigenes Auto, Fahrrad, zu Fuß oder eben von Mama oder Papa gebracht - die Art und Weise, auf die diese 8000 jungen Menschen täglich zu ihrer jeweiligen Schule kommen, ist höchst unterschiedlich.

Dass dabei alle aufeinander Rücksicht nehmen, scheint selbstverständlich - ist es aber nicht, wie Stephan Werning, Leiter der Direktion Verkehr, weiß. „Gerade radfahrende Schüler sind durch die extrem unübersichtlichen Bring- und Abholsituationen enorm gefährdet“, sagt er. Dies bestätigt die aktuelle Verkehrsunfallstatistik der Kreispolizeibehörde für das Jahr 2018: Um 42 Prozent stieg die Zahl der radfahrenden Kinder, die im Straßenverkehr verunglückten, 2018 im Vergleich zum Vorjahr an. Für die Kreispolizeibehörde ein Alarmsignal: In einer Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Schulamt, Verkehrswacht, ADFC und weiteren Partnern wurde über Lösungen für das Problem diskutiert.

Polizei knöpft sich an Unnas Schulen die „Eltern-Taxis“ vor

Nicht erlaubt: Das Auto steht zum größten Teil auf dem Gehweg und blockiert so die Wege für zu Fuß gehende Schüler. Für Radfahrer behindert es zudem die Sicht auf die Straße. © Anna Gemünd

Um zu erkennen, dass „Eltern-Taxis“ eine echtes Problem für schwächere Verkehrsteilnehmer sind, braucht es am diesen Dienstagmorgen nicht viel Zeit: In der Engstelle der Döbelner Straße, unmittelbar vor dem Durchgang zu Gymnasium und Gesamtschule, hält ein Auto in zweiter Reihe, also mitten auf der Fahrbahn. Zwei mit dem Fahrrad zur Schule fahrende Kinder müssen in die Gegenfahrbahn ausweichen, um das haltende Auto passieren zu können.

Halbe Fahrbahn blockiert

Wenige Minuten später: Es ist kurz nach acht. Um viertel nach beginnt an Gesamtschule und Gymnasium der Unterricht. Eine Frau biegt in die Döbelner Straße ein, guckt kurz nach links und rechts und fährt dann zielstrebig auf den Behindertenparkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite - mehrere Minuten steht ihr Auto halb auf dem Parkplatz und halb auf der gegenläufigen Fahrbahn, während ein Schüler aussteigt.

„Ehrlich gesagt braucht man doch geradezu nur darauf zu warten, bis hier mal ein Kind angefahren wird.“
Christian Sieben, Lehrer an der Werner-von-Siemens-Gesamtschule

Es sind Szenen wie diese, die Christian Sieben aufregen. „Ehrlich gesagt braucht man doch geradezu nur darauf zu warten, bis hier mal ein Kind angefahren wird“, sagt der Lehrer. Er unterrichtet an der Werner-von-Siemens-Gesamtschule und hat eine klare Meinung zu den „Eltern-Taxis“, die gerade an der Döbelner Straße für chaotische Zustände sorgen. „Ich verstehe die Eltern nicht. Nur wenige hundert Meter weiter ist ein Parkplatz, wo sie ihre Kinder bequem aussteigen lassen könnten, ohne dass sie dabei andere gefährden.“

Selbst der Parkplatz erscheint vielen Eltern zu weit entfernt

Tatsächlich nutzen einige Eltern auch an diesem Dienstagmorgen den Parkplatz an der Palaiseaustraße, um ihren Nachwuchs in die Nähe der Schule zu bringen. Nah genug ist das aber offensichtlich nicht allen: Drei Autofahrer müssen an diesem Morgen ein Verwarngeld zahlen, weil sie die Feuerwehrzufahrt zum Schulzentrum zuparken, während sie ihre Kinder abliefern. Viele halten auch auf dem Busstreifen an der Palaiseaustraße. Das duldet die Polizei - so lange kein Bus kommt.

Polizei knöpft sich an Unnas Schulen die „Eltern-Taxis“ vor

Das Halten auf dem Busstreifen an der Palaiseaustraße wird von der Polizei geduldet - so lange kein Bus kommt und dabei keine Rettungszufahrt blockiert wird. © Anna Gemünd

Den Trend, die eigenen Kinder so nah wie möglich an die Schule zu bringen, beobachtet die Polizeit seit einigen Jahren. „Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Kindern heute immer weniger zugetraut wird“, meint Stephan Werning. Während es früher normal war, dass der Schulweg zum Schulalltag dazugehörte, würden heute selbst die kürzesten Wege mit dem Auto zurückgelegt.

Neun Geldbußen wegen unerlaubten Parkens auf dem Gehweg

Die Bilanz nach anderthalb Stunden Kontrolle rund um das Schulzentrum: Neun Autofahrer mussten ein Verwarngeld wegen des Parkens auf dem Gehweg zahlen, drei wegen Parkens in einer Feuerwehrzufahrt. „Wenn wir uns mittags wieder hier hinstellen würden, dann kämen da sicherlich noch viel mehr zu“, meint Thomas Röwekamp. Der Abholverkehr gestalte sich teilweise noch chaotischer, weil wartende Eltern mit ihren Autos die Gehwege blockierten. „Wir werden das definitiv im Auge behalten und wiederholen - auch an anderer Stelle“, kündigt Röwekamp an.

Denn viel entscheidender als der mögliche Ärger über die Verwarngelder sei die Erkenntnis, dass es unabdingbar ist, im Straßenverkehr aufeinander Rücksicht zu nehmen. Bis diese gereift ist, dazu bedarf es bei vielen „Eltern-Taxi“-Fahrern offenbar einige Zeit.

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