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Bolzplatz-Nostalgie auch in Unna im Wandel

Öffentliche Spielflächen

Bolzplätze gehören zum Immateriellen Kulturerbe in NRW. Das zeigt deren Wertschätzung, sagen die einen. „Kulturerbe? Das ist wie die Rote Liste der bedrohten Arten“, sagen die anderen.

Unna

, 29.06.2018 / Lesedauer: 4 min
Bolzplatz-Nostalgie auch in Unna im Wandel

Der Bolzplatz an der Falkstraße liegt versteckt und wird nach Einschätzung der Stadt kaum genutzt. Die Fläche soll als Bolzplatz aufgegeben und als Bauland vermarktet werden. : Hennes © UDO HENNES

Von Ulrich Breulmann


und Thomas Raulf

Manchmal beginnen die größten Karrieren auf dem kleinsten Platz. Über Facebook erzählte uns Dawid Zukowski, wie er als kleiner Junge jeden Tag von morgens bis abends auf einem Hinterhof in Dortmund-Körne gepöhlt hat. Mit dabei war ein Junge namens Marco Reus. Und der kleine Marco spielt heute in der Nationalmannschaft. So kann es gehen. Es muss halt nicht immer der perfekte Platz sein, um die ersten Schritte zum Fußballstar zu meistern.

16 Bolzplätze in Unna

Auch in Unna rollt der Fußball nicht nur auf von Vereinen bespielten Sportplätzen. Bolzplätze spielen nach wie vor eine Rolle. 16 Flächen listet das Kinder- und Jugendbüro für das Stadtgebiet auf. der jüngste neue Bolzplatz ist am Südfriedhof.

Wie bei allen Spielplätzen in städtischer Verantwortung gibt es hier und da Veränderungen. So sollen im Rahmen eines Optimierungskonzepts einige Spielplätze aufgewertet, andere wiederum aufgegeben werden. Das betrifft auch Bolzplätze. In Siddinghausen zum Beispiel ist nach Einschätzung der Stadtverwaltung der Bolzplatz an der Hauptstraße „aus städtebaulicher Sicht entbehrlich“. Er werde wenig bespielt und soll aus dem Bestand genommen werden. Die Feuerwehr könnte die Fläche in Pflege übernehmen, heißt es aus dem Rathaus. In Unna-Süd gilt der Bolzplatz „Eichenstraße“ – er liegt an der Falkstraße – als zu versteckt und kaum besucht. Die Fläche soll verkauft und bebaut werden. An anderer Stelle soll Stadtentwicklung wiederum das Bolzen fördern: Die Plätze an der Platanenallee und der Döbelner Straße sollen im Rahmen des Quartiersprojekts aufgewertet werden.

Bolzplätze unter Beschuss

„Ja klar, habe ich früher auf Bolzplätzen gespielt“, erzählt Heinz Hilgers (70). Er ist seit 1993 ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. „Wir hatten eigentlich gar keinen richtigen Platz mit Toren oder einem Zaun. Damals vor 60 Jahren gab es in meiner Heimat Pferde- und Kuhwiesen, da haben wir auf einer Wiese gekickt“, sagt er. Diese Zeit sei – leider – längst vorbei. In den vergangenen Jahren gerieten Bolzplätze überall im Land unter Beschuss. Zunächst durch die Lärmschutzverordnung. Anwohner klagten wegen der Lärmbelästigungen. Mal verschwand ein Bolzplatz ganz, mal wurden die Nutzungszeiten gerade abends und am Wochenende so eingeschränkt, dass Kinder gerade dann, wenn sie Zeit hatten, nicht mehr kicken durften. Vor einem Jahr trat dann eine neue Lärmschutzverordnung in Kraft: „Gott sei Dank wird jetzt Kinderlärm nicht länger als schlimmer als der Lärm von Autos und Flugzeugen eingestuft“, sagt Heinz Hilgers vom Kinderschutzbund.

Aber es gibt noch ein anderes Urteil, das Bolzplätzen das Überleben schwer macht: das Eigentumsrecht. Im April 2015 entschied der Bundesgerichtshof, dass Mieter ihre Miete mindern dürfen, wenn sie sich durch Bolzplatz-Lärm belästigt fühlen. Die Folgen dieses Urteils seien fatal, sagt Hilgers, da die Planungsbehörden ebenso wie die Politiker in den Ausschüssen und Räten der Städte und Gemeinden schon in vorauseilendem Gehorsam bei der Stadtplanung handelten: „Die wissen genau, dass es zu dem Thema Gerichtsurteile gibt und haben daher schon eine Schere im Kopf, wenn es um Spiel- und Bolzplätze geht.“ Dabei müsse man sehen: „Vor Gericht landet nur einer von tausend Fällen.“ In 999 von 1000 Fällen komme es erst gar nicht zu einer gerichtlichen Entscheidung, weil schon im Vorfeld gegen die Kinder entschieden werde.

Zwar gibt es die UN-Kinderrechtskonvention, die auch von Deutschland anerkannt wird. Darin heißt es: „Es ist Pflicht und Aufgabe aller deutschen Behörden und Gerichte, dem Vorrang des Kindeswohls Geltung zu verschaffen, indem sie ihre Entscheidungspraxis an Abwägungs- und Begründungserfordernissen der Konvention ausrichten.“ Aber die habe – anders als das Eigentumsrecht – keinen Verfassungsrang, sagt Hilgers: „Und daher ist die Abwägung immer unfair, fällt zulasten der Kinder aus.“

Hoffen auf den Bund

Er setzt auf die neue Bundesregierung. Die habe im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollen. Dort heißt es: „Kinder sind Grundrechtsträger, ihre Rechte haben für uns Verfassungsrang. Wir werden ein Kindergrundrecht schaffen. Über die genaue Ausgestaltung sollen Bund und Länder in einer neuen gemeinsamen Arbeitsgruppe beraten und bis spätestens Ende 2019 einen Vorschlag vorlegen.“ Hilgers: „Das wäre ein entscheidender Schritt.“

Die Zahl der Bolzplätze in Nordrhein-Westfalen werde statistisch nicht erfasst, berichtete Matthias Kowalski von der Staatskanzlei in Düsseldorf auf Anfrage. Es sei jedoch klar, dass Bolzplätze für das Land „von herausragendem Wert“ seien. Das sei nicht nur durch die Einstufung der Bolzplätze als Immaterielles Kulturerbe deutlich geworden. Man werde sich auf Bundesebene auch „für eine Erweiterung der privilegierten Orte von Kinderlärm“ einsetzen.

Das Kinder- und Jugendbüro der Stadt Unna bittet regelmäßig spielende Hobbymannschaften mit mehr als 15 Spielern, Spielzeiten auf gewünschten Bolzplätzen zu reservieren. Kontakt: Tel. (02303) 103-567; hartmut.grimm@stadt-unna.de
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