Zwangsarbeiter sichern Kohle-Förderung unter unmenschlichen Bedingungen

dzAbschied vom Bergbau

Zwangsarbeiter und Gefangene sichern in den Kriegsjahren 1940 bis 1944 die Förderung auf der Zeche Werne. Sie leben unter katastrophalen Bedingungen. Viele sterben.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 12.11.2018, 11:39 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Abteufung von Schacht I und II der Zeche Werne, im August 1899 begonnen, verlief zunächst außerordentlich schnell und problemlos. Schacht I erreichte schon am Silvestertag 1901 die vorgesehene Endteufe von 750 Metern, Schacht II sieben Monate später. Die wichtigsten Gebäude über Tage waren bereits 1903 fertig, begünstigt durch die 1902 fertiggestellte Ziegelei mit einer Leistungsfähigkeit von 10 Millionen Steinen jährlich.

Grubenunglück im November 1905

Im November 1905 geschah allerdings das erste große Grubenunglück, denn eine Explosion zerstörte große Teile über- und unter Tage, sodass die Zeche über mehrere Monate ohne Strom war. Zum Glück waren keine Todesfälle zu beklagen, aber von der mittlerweile auf 1800 Mann angewachsenen Belegschaft wurden sogleich 1200 Bergleute entlassen. Erst Anfang 1907 konnte der Betrieb wieder langsam aufgenommen werden.

Zwangsarbeiter sichern Kohle-Förderung unter unmenschlichen Bedingungen

Kokereiarbeiter um 1910-1920. © Förderverein Stadtmuseum

Nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Zeche Werne 1918/1919 von den schwersten Erschütterungen (unter anderem Kapp-Putsch, Bergarbeiteraufstand, Ruhrbesetzung, passiver Widerstand gegen die französische Besetzung) durch ihre Randlage im Ruhrgebiet weitgehend verschont, wurde aber 1922 vom Georgs-Marien-Verein Osnabrück, der schwere finanzielle Verluste beklagen musste, an die „Klöckner-Werke AG“ verkauft.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis stieg die Produktion

Trotzdem verzeichnete die Zeche im Jahre 1930 nach einer vorübergehenden Scheinblüte einen nie zuvor gekannten Tiefstand von Kohleabsatz und Produktion. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und die damit verbundene Militäraufrüstung verschwanden zunächst die Kohlehalden und die Produktion wurde erheblich erweitert.

Als der Zweite Weltkrieg 1939 von Hitler begonnen wurde, schwoll der Bedarf an Kohle durch die Wehrmacht erheblich an, sodass auch auf der Zeche Werne die Förderung von Kohle stark erhöht wurde und während der Kriegsjahre von 1940 bis 1944 ein Tagesdurchschnitt von 2900 Tonnen aufrecht erhalten werden musste (s. Graphik „Jahresförderung und Gesamtbelegschaft“).

Zwangsarbeiter sichern Kohle-Förderung unter unmenschlichen Bedingungen

Tabelle über die Jahreförderung von 1903 bis 1948 sowie die Zahl der Kumpel. © Festschrift 50 Jahre Zeche Werne

Dies war nur möglich – denn die wehrfähigen deutschen Männer waren zum großen Teil als Soldaten eingezogen – durch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, meist aus den eroberten Ostgebieten wie Polen, Kroatien, Ukraine und Russland. Die Zahl dieser Arbeitskräfte stieg von 1942 stark an und überflügelte bald die deutsche Belegschaft.

Ende 1944 standen 1579 heimischen Arbeitern 2331 ausländische, davon allein 1660 russische Kriegsgefangenen gegenüber, die unter katastrophalen Bedingungen arbeiteten und lebten.

Gräber sind sichtbares Zeugnis der schrecklichen Verhältnisse

Sichtbares Zeugnis der schrecklichen und unmenschlichen Verhältnisse von 1942-1945 sind die Gräber auf dem russischen Friedhof am Südring in der Nähe der Zeche Werne. Dort befinden sich 111 Grabstätten von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die während ihrer Gefangenschaft in Werne starben.

Der größte Teil sind russische, weißrussische und ukrainische Kriegsgefangene, neben sieben polnischen und einem rumänischen Zwangsarbeiter. Des Weiteren befinden sich dort auch 13 Grabstätten für Frauen und zehn für Kleinkinder und Säuglinge, die alle in Werne geboren wurden. Allerdings muss man annehmen, dass ein Großteil der Verstorbenen einfach verscharrt worden ist.

Gedenken an die Opfer

Dass man überhaupt etwas von diesen Opfern weiß, ist den Mitgefangenen, die nach der Befreiung im April 1945 diese Gräber anlegten und mit Holzkreuzen, Namen und Todesdatum versahen, zu verdanken. Seit 2015 sind eine Gedenktafel und Hinweisschilder zur „Gedenkstätte russischer Friedhof“ angebracht worden und eine offizielle Gedenkveranstaltung findet jährlich am 27. Januar an diesem Orte statt.

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