Fremden neugierig auf den Teller zu schauen, ist eigentlich eine schlechte Angewohnheit. Mit ihr wäre unser Besuch im Restaurant „Zum alten Feld“ aber anders ausgegangen.

Selm

, 08.12.2018, 05:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wild wäre schön. Mit diesem Gedanken starten wir am Nikolaustag zum traditionellen Ausflugslokal Zum alten Feld im Selmer Außenbereich, etwa fünf Kilometer östlich von Burg Botzlar. Wo es keinen Handy-Empfang gibt und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, scheinen die Voraussetzungen gut zu sein, dass auf dem Teller Wildschwein und Reh herzlich willkommen rufen: ein Fehlschluss, wie der Hobbykoch an meiner Seite und ich glauben müssen, als wir die Speisekarten aufschlagen. Zusätzlich zu dem umfangreichen Angebot an Fleisch- und Fischgerichten für den großen und kleinen Appetit findet sich nur eine Saisonkarte mit Gänsebraten. Wir wählen Hausmannskost - kein Fehler, wie sich herausstellen wird, aber auch eine verpasste Chance.

Wie man Gäste bewirtet, weiß man in dem lang gezogenen Fachwerkgebäude schon seit vielen Generationen. Um das zu erfahren, braucht niemand die Selmer Heimatgeschichte zu studieren, wo von einer alten Zollstelle vor Selm die Rede ist: Gelegenheit für Reisende, die Pferde zu wechseln und sich selbst zu stärken, bevor es weitergeht. Ein Blick durch den Vorraum genügt schon. Dort steht die alte Aussteuertruhe, die Anna Catrina Ostermann 1734 auf den Hof mitgebracht hat: eine Urahnin von Astrid Vogt (49), der heutigen Inhaberin. Die gelernte Köchin steht im heimischen Ausbildungsbetrieb selbst am Herd - in der Küche. Am prasselnden Herdfeuer im Gastraum haben wir Platz dagegen genommen - neben fröhlich plaudernden Gästen an anderen Tischen, denen wir nicht auf die Teller geschaut haben. Leider.

Sonst hätten wir vielleicht Hirschkalbsteaks und Wildschweinbraten erkannt und nachgefragt. So beschränken wir uns auf das Angebot der Karten, aus denen - wie wir später erfahren - die zweiseitigen Angebotskarten nur herausgefallen waren. Ein Hinweis der ansonsten sehr aufmerksamen Bedienung wäre da hilfreich gewesen. Also wählen wir nicht Wild, sondern Hausmannskost: Endlich mal wieder Dickebohnen! Eher würde mein Mann ausziehen, als dass es die bei uns zuhause gäbe. Also nutze ich hier die unerwartete Gelegenheit zu einem Wiedersehen und -schmecken mit einem Gericht aus Kindertagen: wie damals in Kombination mit Bratwurst und Röstkartoffeln. Auch mein Gegenüber mit der besagten Bohnen-Allergie will wie bei Muttern essen. Und die hatte ihren Söhnen gerne Fleisch zubereitet. Da kommt die Spezialpfanne Zum alten Feld gerade richtig: mit drei verschiedenen Steaks, Kochschinken, Röstkartoffeln und zur Krönung einem Spiegelei oben drauf. Für uns beide der perfekte kulinarische Nostalgietrip, wenn wir nicht noch Suppen bestellt hätten.

„Zum alten Feld“ serviert Tradition, die schmeckt, versteckt aber seine besten Angebote

Etwas mehr Einlage hätte dem Hühnersüppchen gut getan. © Sylvia vom Hofe

Ein Süppchen zu Beginn, das gehört für zwei bekennende Suppenkasper wie wir zu einem gelungenen Essen einfach dazu. Ich nehme nur allzu gerne die Hühnerkraftbrühe mit Einlage, mein Begleiter die Tomatensuppe mit Büsumer Krabben. „Auch mal eine lustige Idee, Nordseekrabben in eine Tomatensuppe zu schmeißen“, findet er. Später werde ich feststellen, dass die Kombination tatsächlich ungewöhnlich ist, zumindest für die Amateurgemeinde im Internet: In dem Portal „Chefkoch“ werden 609 Tomatensuppen angepriesen, nur zwei davon mit Krabben.

„Zum alten Feld“ serviert Tradition, die schmeckt, versteckt aber seine besten Angebote

Eine ungewöhnliche Idee: Tomatensuppe mit Krabben. © Sylvia vom Hofe

Aber wer gibt schon immer der Mehrheit Recht? Der Mann vor mir an diesem Abend ausnahmsweise schon. Kaum dass er die ersten Löffel von der dampfenden Tomatensuppe mit Sahnehäubchen gekostet hat, schüttelt er bedauernd den Kopf. Mit geht es genauso mit meiner Hühnersuppe: zu wenig Einlage, zu wenig Gewürz. Erst als wir die Suppen tauschen, sieht die Sache besser aus. Ich mag die herbe Tomatensuppe, auch wenn die hellen Krustentierchen darin eher aus dem Eismeer zu stammen scheinen als aus der Nordsee. Ihm gefällt die klare Hühnersuppe, eben weil sich nur winzige Blumenkohlröschen hineinverirrt haben. Manchmal muss die Suppe eben ihren Gast finden und nicht umgekehrt.

„Zum alten Feld“ serviert Tradition, die schmeckt, versteckt aber seine besten Angebote

Lecker und günstig: Dickebohnen mit Bratwurst und Röstkartoffeln. © Sylvia vom Hofe

Die Stimmung steigt beim Hauptgang. Röstkartoffeln haben wir beide bei unseren Gerichten: ein Glück, da braucht keiner zu stibitzen. Lecker zubereitete Bratkartoffeln sind keine Selbstverständlichkeit. Diese hier sind es aber: kross, ohne hart zu sein, pikant, ohne im Speck zu ersticken. Wir sind uns einig: So ist das genau richtig. Meine Bratwurst ist saftig und gut gewürzt, und die dicken Bohnen klein und sahnig.

„Zum alten Feld“ serviert Tradition, die schmeckt, versteckt aber seine besten Angebote

Ein Tipp für alle, die deftige Fleischgerichte lieben: die Spezialpfanne Zum alten Feld. © Sylvia vom Hofe

Der Esser auf der anderen Seite des Tisches forscht indes unter dem Spiegelei: Zwei Mal Schweinefilet und ein Schweinerückensteak lautet das Ergebnis. Dabei hat er auf ein kleines Hüftsteak vom Rind gehofft und deshalb eigens „bitte medium“ bestellt. Dass sich das Rind im dekorativen Eisenpfännchen offenbar eine Auszeit nimmt, findet mein Mann spätestens nach dem ersten Bissen gar nicht mehr schlimm. Das Schweinefleisch ist auf den Punkt gut gebraten, saftig und wohlschmeckend - ein Genuss, wie er sagt.

„Zum alten Feld“ serviert Tradition, die schmeckt, versteckt aber seine besten Angebote

Begleiter des Pfannen-Gerichts: en frischer gemischter Salat. © Sylvia vom Hofe

Service

Das Personal ist freundlich und aufmerksam. Lange Wartezeiten muss der Gast hier nicht fürchten. Hier hat man anscheinend alles im Griff- außer der Sonderkarte fürs Wild.

Preis-Leistungsverhältnis

Wer im Restaurant Zum alten Feld etwas teuer findet, hat wahrscheinlich einen Dudelsack dabei. Die beiden Suppen für 3 Euro (Hühnersuppe) und 3,80 Euro (Tomatensuppe) sind einfach nur günstig. Die Brühe dürfte aber auch etwas teurer sein, wenn sie dadurch kräftiger würde. Die Bratwurst mit dicken Bohnen siedelt sich für nur 8,50 Euro am unteren Preissegment an: ein echter Tipp. Und die leckere Spezialpfanne für 14 Euro wird man auch selten woanders günstiger finden. Das Pils für 2,20 Euro für 0,3 L ist keineswegs zu teuer, nur der Silvaner ragt mit 4,80 Euro für 0,2 L in das übliche Preisniveau.

Kinderfreundlichkeit

Draußen gibt es einen großen Spielplatz, und drinnen locken der Käptn-Blaubär-Teller und andere Kindergerichte.

Barrierefreiheit

Auch wenn das ursprünglich bei dem ursprünglichen Bauernhof wohl nicht so war: Inzwischen sind alle Stolperkanten verschwunden. Das Restaurant ist barrierefrei.

Fazit

Eine gute Adresse für alle, die es gutbürgerlich, insbesondere münsterländisch, mögen. Die Suppen konnten nur bedingt punkten. Die Hauptgerichte waren sehr gut. Und beim nächsten Mal werden wir garantiert nach der Wildkarte fragen.

Was sagt das Internet

Die Google-Gemeinde ist sehr zufrieden. 92 Rezensionen bis heute beschenkten das Restaurant mit 4 von 5 möglichen Sternen. Über drei Viertel bewerten das Restaurant mit 4 oder 5 Sternen. Wer schlecht bewertete, musste zu lange warten. Einer hält es für „Abzocke“, dass es Wasser nur in kleinen Flaschen gibt. Manche Leute müssen eben etwas finden. Bei Tripadvisor gibt es nur acht Bewertungen. Das Restaurant erreicht hier nur 3,5 von 5 Punkten.

„Zum alten Feld“ serviert Tradition, die schmeckt, versteckt aber seine besten Angebote

Inhaberin Astrid Vogt kennt die lange Geschichte der Traditions-Gaststätte ihrer Familie, die die Köchin und Ausbilderin 2006 verantwortlich übernommen hatte. © Sylvia vom Hofe

Infos zum Restaurant

Zum Alten Feld, Inhaber Astrid Vogt, Werner Straße 164 in Selm, Tel. (2592)61223, info@zum-alten-feld.de. Zu dem Restaurant mit Hotelbetrieb gehören Festsaal und Gesellschaftsräume, eine große Sonnenterrasse und ein Kinderspielplatz. Erwachsene können auf Anfrage kegeln, auf den Holzvogel und auf Tontauben schießen. Montag ist geschlossen, dienstags bis samstags ab 16 Uhr geöffnet, warme Küche gibt es ab 17 Uhr, sonntags ist ab 11 Uhr durchgehend geöffnet, Mittagsmenü gibt es von 11.30 bis 14 Uhr, warme Küche von 17 bis 22 Uhr.

Wie funktioniert der Restaurant-Check?

Wir gehen ohne Vorankündigung in die jeweiligen Restaurants – als ganz normale Gäste. Wir sind keine Gastro-Experten, sondern einfach Menschen, die gerne an schönen Orten essen. Wir beschreiben die Läden so, wie wir über sie auch mit Freuden und Bekannten sprechen würden. Mit ihren Schwächen, mit ihren Stärken. Ehrlich.
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