Schwerter Bürger, die auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen sind, ziehen aus der Stadt weg. Der Grund: Sie finden keinen passenden Wohnraum. Das soll sich ändern.

Schwerte

, 28.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Weil sie in Schwerte keine barrierefreie Wohnung finden, sehen sich Bürger gezwungen, aus der Stadt zu ziehen. Nur die wenigsten der über 23.000 Wohnungen sind behindertengerecht ausgestattet.

Da sich die meisten Wohnungen in Schwerte in Privatbesitz befinden, gibt es zum Bestand barrierefreier Wohnungen keine genauen Zahlen. Schwerter Bürger berichten jedoch, dass sie in andere Städte ziehen müssen, da sie vor Ort keine passende Wohnung finden konnten.

Umzug in eine andere Stadt

Eine der Betroffenen ist die ehemalige Schulleiterin Ute Rohrlack. Sie gibt ihre Eigentumswohnung in Ergste wegen einer Rheuma-Erkrankung für eine barrierefreie Wohnung in Münster auf. Ein entsprechender Umbau ihrer jetzigen Wohnung wäre nicht möglich gewesen. „Der Architekt sagte, es würde etwa 70.000 Euro Kosten. Dann wäre es aber immer noch nicht 100-prozentig barrierefrei.“ In Schwerte habe sie etwa drei Jahre intensiv nach Alternativen gesucht, wurde aber nicht fündig.

Zu wenig barrierefreie Wohnungen: Schwerter verlassen die Stadt

Ute Rohrlack zieht von Ergste nach Münster, weil sie in Schwerte keine passende barrierefreie Wohnung gefunden hat. © Foto: Manuela Schwerte

Die Entscheidung, nach 21 Jahren in eine andere Stadt zu ziehen, fiel der 64-Jährigen nicht leicht. Schließlich müsse man sich einen neuen Bekanntenkreis, neue Ärzte und Ähnliches suchen. „Das gibt man alles auf.“ Rohrlack war es aber letztlich wichtiger, ihr Leben auch in Zukunft ohne fremde Hilfe gestalten zu können: „Selbstständigkeit im Alltagsleben ist eines der höchsten Güter“, betont sie. Das war nach ihren Vorstellungen in Schwerte nicht mehr möglich.

Kaum bezahlbarer Wohnraum

Sabine Karneil aus Holzen verlässt im kommenden März die Stadt. Die 59-Jährige ist ebenfalls gehbehindert und der Meinung, dass es in Schwerte nur ein minimales Angebot an behindertengerechtem, bezahlbaren Wohnraum gibt. Deshalb zieht sie mit ihrem Mann demnächst nach Dortmund. „Dort wurde eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit Aufzug extra behindertengerecht umgebaut.“ Doch nicht nur die Wohnungssituation in Schwerte kritisiert Karneil. Sie war kürzlich im Zentrum unterwegs, wo einige Geschäfte für sie mit dem Rollstuhl nicht zugänglich waren: „Ich habe dann draußen auf meinen Mann gewartet. So viel zu 'Schwerte: Einkaufsstadt mit Herz'.“

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Warteliste für barrierefreie Wohnungen

Die Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft Schwerte (GWG) ist eine der großen Wohnungsanbieter in der Stadt. Sie vermietet insgesamt 1.687 Wohnungen, jede vierte davon ist barrierefrei. Die Durchschnittsmiete liegt bei diesen Wohnungen bei 5,67 Euro je Quadratmeter Wohnfläche. Damit liegt der Mietpreis sogar etwas unter dem Durchschnitt aller Wohnungen der GWG, der 5,89 Euro pro Quadratmeter beträgt. Da viele barrierefreie Wohnungen öffentlich gefördert sind – also nur an Menschen mit geringem Einkommen vermietet werden – ist die Miete dort häufig günstiger.

Die barrierefreien Wohnungen der GWG sind alle vermietet. „Barrierefreier Wohnraum ist nicht nur bei Seniorinnen und Senioren sehr nachgefragt“, teilt Birgit Theis, Leiterin der Wohnungsverwaltung, auf Anfrage mit. Der Bedarf an diesen Wohnungen wird mit Blick auf die Warteliste deutlich: „Aktuell fragen ca. 500 Interessentinnen und Interessenten barrierefreien Wohnraum an.“

Zu wenig barrierefreie Wohnungen: Schwerter verlassen die Stadt

In der Klimaschutzsiedlung Lohbachstraße baut die GWG aktuell 52 barrierefreie Wohnungen. © Foto: Reinhard Schmitz

Diese Warteliste der GWG überschneidet sich zum Teil mit der Liste der Wohnraumvermittlung der Stadt Schwerte. Hier können sich geringverdienende Wohnungssuchende für öffentlich geförderten Wohnraum eintragen lassen, also auch für die barrierefreien Wohnungen mit öffentlicher Förderung. Die Stadt darf diese Wohnungen zuerst an eigene Bewerber vergeben, weshalb die Interessenten der GWG auch häufig auf der städtischen Warteliste stehen.

Das Problem ist nicht neu

Für den Vorsitzenden des Schwerter Mietervereins, Dieter Reichwald, liegt das Problem fehlender barrierefreier Wohnungen unter anderem daran, dass es nicht genügend öffentlich geförderten Wohnraum gibt.

„Es ist wie in anderen Städten auch: In den letzten Jahren ist nichts gebaut worden und die bestehenden geförderten Wohnungen laufen nach und nach aus der Bindung raus.“ Es sei damit zu rechnen, dass es – wenn nicht neu gebaut werde – in den kommenden Jahren kaum noch geförderte Wohnungen in Schwerte gibt.

Problem ist: „Barrierefreiheit brauchen wir in Zukunft allein aufgrund der demografischen Entwicklung.“ In Schwerte ist fast jeder vierte Bürger 65 Jahre oder älter. „Wir reden seit mehreren Jahren darüber, dass wir öffentlich geförderten Wohnungsbau brauchen. Letztendlich muss irgendwann auch mal tatsächlich etwas in größerem Ausmaß passieren.“

200 neue Wohnungen in drei Jahren

Die GWG baut aktuell 36 barrierefreie Wohnungen in der Kleinen Märkischen Straße, wo ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt entsteht. Mitte 2020 soll der Bau abgeschlossen sein. In den kommenden drei Jahren plant die GWG zudem den Bau von 200 weiteren barrierefreien Wohnungen. Neubauten der GWG werden laut eigenen Angaben üblicherweise ohnehin behindertengerecht geplant. Für öffentlich geförderte Neubauten ist die Barrierefreiheit Pflicht. Den Bedarf, den es aktuell in Schwerte an solchen Wohnungen gibt, werden die aktuell geplanten Projekte allein jedoch nicht decken können.

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