Kurz vor Weihnachten hat Verdi wieder zu Streiks bei Amazon in Werne aufgerufen. Sind Weihnachtsgeschenke wirklich in Gefahr? Das verrät Verdi-Gewerkschaftssekretär Karsten Rupprecht (50).

Werne

, 10.12.2018 / Lesedauer: 7 min

Mehrfach im Jahr streiken Beschäftigte von Amazon in Werne. Karsten Rupprecht (50) ist Gewerkschaftssekretär Einzelhandel bei der Verdi in Dortmund und kümmert sich unter anderem um die Verdi-Mitglieder von Amazon in Werne. Mit Redakteur Mario Bartlewski spricht er über Gründe der Streiks, Durchschlagskraft und Ziele.

Herr Rupprecht, seit 2014 streiken Verdi-Mitglieder regelmäßig bei Amazon in Werne. Wie kann ich mir so einen Streik-Tag bei Amazon vorstellen?

Es gibt den klassischen Streik, bei dem wir morgens anderthalb Stunden vor Schichtbeginn vor dem Werkstor stehen und die ankommenden Kollegen ansprechen. Das heißt, die Leute bleiben draußen, gehen nicht rein und beteiligen sich am Streik. Es gibt aber auch die Variante, dass wir aus dem laufenden Betrieb streiken. Die Kollegen nehmen dann ihre Arbeit auf und zu einem verabredeten Zeitpunkt legen sie die Arbeit nieder.

Aber damit ist noch nicht Schluss oder?

Nein, wenn die streikenden Kollegen rauskommen, stehen wir direkt vor dem Eingang. So lange, bis wir dort des Platzes verwiesen werden. Und dann gehen wir zum Streiklokal. Hier diskutieren wir jedes Mal die Streikziele, warum wir gerade heute streiken. Unsere Streiks sind nicht willkürlich. Jeden Tag, wenn wir streiken, haben wir Gründe, die wir dann auch mit den streikenden Kollegen diskutieren.

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Wie sehen diese Gründe aus?

Unser Ziel ist die Anerkennung der Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels.

Was bedeutet das ganz genau für die Mitarbeiter?

Wenn ich bei Amazon als Versandmitarbeiter im Schichtdienst anfange, habe ich im ersten Jahr eine monatliche Differenz beim Entgelt – aufgrund von Zuschlägen – in Höhe von etwa 650 Euro brutto pro Monat. Ab dem dritten Jahr der Tätigkeit habe ich immer noch eine Differenz von gut 260 Euro pro Monat gegenüber unseren Tarifverträgen. Hinzu kommt, dass die Kollegen dann 30 Tage Urlaub hätten, gegenüber 28 und sie hätten eine 37,5-Stunden-Woche gegenüber einer 38,5-Stunden-Woche. Das sind so die greifbaren Sachen

„Die Streikformen bei Amazon… das ist etwas Neues, was wir bis dato nicht gekannt haben.“
Karsten Rupprecht, Verdi-Gewerkschaftssekretär Einzelhandel

Also schon eine ganze Menge. Seit Jahren wird immer wieder gestreikt. Heißt, es ist und bleibt ein schwieriges Thema, oder?

Es ist und bleibt ein schwieriges Thema, ja. Die Streikformen bei Amazon… das ist etwas Neues, was wir bis dato nicht gekannt haben. Dass über einen so langen Zeitraum ein Tarifkonflikt herrscht. Diese neue Form der Auseinandersetzung bedarf auch besonderer Methoden.

Heißt, wenn die Verdi-Mitglieder ihre Arbeit niederlegen, ruht die Arbeit? Oder sind das eher Nadelstiche?

Es sind Nadelstiche. Wir sind nicht in der Lage, einen Erzwingungsstreik durchzusetzen. Sobald wir an einem Standort streiken, ist Amazon aufgrund der Technik in der Lage, mit einem Knopfdruck die Aufträge, die zum Beispiel in Werne einlaufen, über Rheinberg oder Tschechien oder Polen laufen zu lassen. Aber Amazon stellt sich auch auf die Streiks ein. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit wird überproportional viel Personal eingestellt. Amazon stellt also mehr Personal ein im vierten Quartal, als sie benötigen. Aber nein, zum Stilllegen sind wir nicht in der Lage.

„Wir können nur Nadelstiche setzen“: So erfolgreich sind die Streiks bei Amazon wirklich

„Wir haben ungefähr 400 Kollegen, die sich am Streik beteiligen in Werne“, sagt Karsten Rupprecht. © Archiv

Von wie vielen Beschäftigten reden wir, die bei Amazon in Werne regelmäßig streiken?

Wir haben ungefähr 400 Kollegen, die sich am Streik beteiligen in Werne. Insgesamt gibt es eine Belegschaft von 1600 Beschäftigten. Ein Großteil der Beschäftigten bei Amazon ist aber auch nicht entfristet. Mit diesem Instrument arbeitet Amazon schon seit Jahren, denn Menschen, die dort befristet arbeiten, organisieren sich nicht. Sie streiken nicht, weil sie Sorge haben, dass ihr Arbeitsverhältnis deshalb nicht entfristet wird.

Haben die Streikenden das Gefühl, dass man die anderen, die nicht mit streiken, hängen lässt und ihnen mehr Arbeit aufbürdet?

Nein, nicht im Geringsten. Die sagen: Leute, kommt mit raus. Das ist doch ganz klar. Den Streikenden ist bewusst, wenn die Menschen, die noch drin sind, alle mit raus kommen würden, dann haben wir innerhalb von vier Wochen einen Tarifvertrag. So läuft es doch.


„Es ist trotzdem nicht das Bewusstsein da bei den Streikenden, dass andere ihre Arbeit machen müssen.“
KARSTEN RUPPRECHT, VERDI-GEWERKSCHAFTSSEKRETÄR EINZELHANDEL

Sie haben selber auch schon gesagt, dass diejenigen, die nur befristet angestellt sind, Angst haben, ihren Job zu verlieren oder nicht übernommen zu werden: Für die ist ein Streik auch schwierig...

Das ist richtig. Es ist trotzdem nicht das Bewusstsein da bei den Streikenden, dass andere ihre Arbeit machen müssen. Das geht ja auch gar nicht. Wenn ich arbeite, dann habe ich auch eine Leistung abzuliefern. Und nur weil ein anderer nicht da ist, kann ich ja nicht mehr Leistung abliefern. Die Frage ist aber berechtigt. Zum Beispiel beim Real-Streik im November hat der Arbeitgeber mit dieser Argumentation versucht, Druck auf die Streikenden auszuüben. Da sieht man mal, wie schräg das alles ist. Ein Arbeitskampf ist ja kein Sonntagsspaziergang. Es geht ja darum, dass wir das verteidigen, was unsere Eltern mal erkämpft haben – oder noch bessere Arbeitsbedingungen einfordern.

Wie geht man als Beschäftigter mit dem Druck der Unternehmen um?

Es gibt immer Beschäftigte, die den Druck nicht aushalten. Die beteiligen sich nicht an den Streiks. Bei Amazon haben wir es aber geschafft, das Selbstbewusstsein bei den streikenden Kollegen aufzubauen. Die nehmen sich nichts von dem Druck an, Die wissen ganz genau: Streiken ist unser Grundrecht, und wenn wir nicht streiken, werden sich unsere Arbeitsbedingungen nicht verbessern. Deswegen ist das kein Thema bei den Streikenden bei Amazon.

Es gibt ja über das Jahr verteilt auch immer wieder typische Tage, an denen Sie streiken...

Ein tolles Beispiel: Am Black Friday haben wir in den vergangenen Jahren immer gestreikt, weil wir da mediale Aufmerksamkeit erhalten. Dieses Mal sind wir aber nicht raus gegangen. Amazon hat aber damit gerechnet. Das führte dazu, dass mehrere Stunden 350 Menschen in der Kantine saßen und keine Arbeit hatten. Das sind so Auswirkungen unserer Streiks. Wir bringen damit immer wieder die Abläufe durcheinander.

Amazon sagt hingegen: „Wir haben mehr Angst davor, dass die Straßen glatt sind und die LKW nicht so richtig fahren können, als vor Streiks.“ Wie stehen Sie zu so einer Aussage?

Amazon spricht nicht mit Gewerkschaften. Sie wollen da nichts zulassen. Was wir schon bemerkt haben, seitdem wir im Arbeitskampf sind, gibt es bei Amazon regelmäßig Lohnerhöhungen und Amazon hat das Weihnachtsgeld eingeführt. Also unser Protest hat schon zu erheblichen Verbesserungen für die Beschäftigten geführt, wir haben mittlerweile an fast allen Standorten Betriebsräte, wir haben eine Mitbestimmung und wir haben mittlerweile – das ist unsere größte Errungenschaft – eine selbstbewusste Belegschaft an den Streikorten. Wenn es wirklich so wäre, dass jedes Glatteis Amazon mehr schlaflose Nächte bereitet – dann ist das halt so. Aber wir sehen, was wir da erreicht haben und das hätten wir nicht erreicht, wenn die Kollegen sich nicht bewegt hätten.

„Ich zähle gar nicht, wie häufig wir streiken.“
KARSTEN RUPPRECHT, VERDI-GEWERKSCHAFTSSEKRETÄR EINZELHANDEL

Trotzdem möchte Amazon nicht mit Verdi verhandeln und bleibt stur beim Thema Tarifvertrag: Inwiefern sind Aufwand und Ertrag gerechtfertigt?

Ich zähle gar nicht, wie häufig wir streiken. Alleine das, was der Streik mit unseren Kollegen macht, ist nicht mit Geld zu bezahlen. Die Kollegen, die in den Streik gehen, erleben in dem Streiklokal Solidarität. Sie diskutieren, sie tauschen sich aus, sie sprechen über ihre Manager. Sie müssen sich vorstellen: Das dürfen die im Gebäude alles nicht. Das ist die totale Überwachung. Wir geben den Kollegen einen Raum, Missstände anzuprangern und ihnen Selbstbewusstsein zu geben. Wir sehen den Kampf nicht als sinnlos an. Wir haben bei uns als Forderung die Tarifbindung an die Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels. Mit dieser Forderung gehen wir raus. Aber wir erleben während des Arbeitskampfes ganz viele unterschiedliche Beweggründe, warum sich die Leute am Arbeitskampf beteiligen.

Wie sehen denn die typischen Beweggründe der Streikenden aus?

Bei jedem Streik sind Menschen dabei, die sich erstmals dazu entschieden haben, mit zu streiken. Die spreche ich immer an. Das ganz große Thema dort ist Wertschätzung. Das zweite große Thema ist Arbeitssicherheit. Wir haben einen großen Sprung an Streikbeteiligung erfahren nach dem Umzug ins neue Werk. Was da teilweise abgeht, ist einfach chaotisch.

„Wir können nur Nadelstiche setzen“: So erfolgreich sind die Streiks bei Amazon wirklich

Zum Streiken sind die Werner Verdi-Mitglieder auch schon nach Düsseldorf gefahren. © Karsten Rupprecht, Verdi

Sie sehen, dass Sie in kleinen Schritten vorankommen. Ist denn auch das Ziel Tarifvertrag erreichbar?

Wir müssen es auf Dauer erreichen. Amazon ist direkter Konkurrent des stationären Einzelhandels. Wenn Sie sich mit dem stationären Einzelhandel unterhalten: Die stöhnen und klagen alle über den Onlinehandel. Und das ist zu 90 Prozent Amazon. Da ist es doch wichtig, dass wir zumindest in einer Branche identische oder vergleichbare Löhne haben, damit der Wettbewerbsdruck nicht über die Personalkosten geführt wird.

Haben Sie denn einen Zeitpunkt im Auge, den sie für realistisch halten, bis Sie die Forderungen umgesetzt bekommen?

Da bin ich echt kein Prophet. Solange wir mit unseren Schritten und Aktionen sehen, dass sie ankommen und die Arbeitssituationen für die Beschäftigten verbessern: solange werden wir diesen Weg gehen. Wenn am Ende der Tarifvertrag steht, dann ist das ein gutes Ziel. Bei Ikea hat das auch ein paar Jahre gedauert.

Sind Sie denn zufrieden mit der Entwicklung?

Natürlich wünscht man sich mehr, aber wir lernen ja auch. Wenn ein Arbeitgeber so viel Kapital in der Hinterhand hat, dass es ihm egal ist, wenn er mehr Menschen einstellt, als er benötigt und es für ihn die Hauptsache ist, dass er sich dem gewerkschaftlichen Druck nicht beugen muss: Dann ist das schon eine neue Hausnummer, mit der wir umgehen müssen. Rückwirkend betrachtet haben wir seit 2014 eine stabile Streikbewegung aufgebaut, haben das Thema Solidarität wieder platzieren können im Betrieb. Ich bin mit der Entwicklung durchaus zufrieden. Aber richtig zufrieden sind wir erst, wenn wir den Tarifvertrag erreicht haben. Aber der Weg ist kein verkehrter.

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