Der Bergbau spielte in der Familie Lülf immer eine Rolle. Kein Wunder, dass der heute 80-jährige Willi Lülf mit 14 seine Ausbildung auf dem Pütt begann. Eine Liebe zur Kohle, die nicht erkaltet ist.

Werne

, 01.10.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

niWilli Lülfs berufliche Ehe mit dem Bergbau dauerte offiziell 47 Jahre. Doch die Liebe zur Steinkohle ist nicht erkaltet. „Dass der Steinkohle-Bergbau in Deutschland endet, das ist für mich völlig unwirklich“, sagt der 80-Jährige mit seiner bekannten, festen Stimme. In der dennoch etwas Wehmut mitschwingt.

Das Thema Bergbau ist seit Generationen in der Familie Lülf verankert. „Mein Großvater war Glasbläser und ging aus Not zum Bergbau“, sagt er. Auch der Großvater seiner Frau schulte von Schreiner auf Bergmann um. Ebenso Lülfs Vater. Konsequenz: Klein-Willi fand früh den Weg zur Kohle.

Anwerbung für die Zeche mit 13 Jahren

„Als ich 13 war, hat man in unserem Wohnort Kamen Werbung bei Kindern und Jugendlichen für eine Lehre auf der Zeche gemacht“, sagt Willi Lülf. Ein Jahr später, 1952, unterschrieb der 14-Jährige einen Lehrvertrag auf der Zeche Monopol in Kamen. Trotz der harten Arbeit, dem frühen Aufstehen, der Disziplin war das eine fantastische Ausbildung, erinnert sich der 80-Jährige. „Man hatte ein geregeltes Einkommen, bekam die Kleidung gestellt und wurde nach festen Regeln ausgebildet“, schwärmt er im Rückblick. Seine Augen blitzen, als er vom Lehrlings-Lohn erzählt: „90 Mark im ersten, 150 im dritten Lehrjahr. Das war viel Geld.“

Willi Lülfs Leben dreht sich um die Kohle und den Bergbau

Die Büste eines Grubengauls bekam er zum Abschied aus seinem Berufsleben. Sie ist Blickfang in seinem Arbeitszimmer. © Jörg Heckenkamp

Und jetzt das Ende der Förderung. Lülfs Stimme bekommt wieder die bekannte Festigkeit, als er sagt: „Ich sehe überhaupt nicht ein, dass wir auf heimische Energieträger verzichten. Die Kohle wird einfach eliminiert.“ Auch der Atomkraft gehe es an den Kragen, „was ich nachvollziehen kann“. Bleiben die erneuerbaren Energien. Aber die seien noch nicht zuverlässig einsetzbar. Was macht Deutschland? „Verlässt sich auf ein Rohr in der Ostsee!“ Die Abhängigkeit vom russischen Pipeline-Öl ist dem Kohle-Menschen ein Dorn im Auge.

Bedingt durch einen Umzug der Familie nach Heeren-Werve wechselte Willi Lülf noch in der Lehrzeit die Zeche, von Monopol nach Königsborn II/V am neuen Wohnort. An Zechen gab’s zu der Zeit keinen Mangel. Nach der Lehre wollte sich der ehrgeizige junge Mann weiterbilden. Auch auf Anregung eines Arbeitsdirektors, der offenbar sein Potenzial erkannte, durchlief Lülf die bergbau-eigenen Qualifizierungen bis zur Bergschule.

1962 zieht die junge Familie Lülf nach Werne

Am 31. Oktober 1961 feiert Willi Lülf seinen 24. Geburtstag. Besonderes Geschenk: das gute Zeugnis zum Abschluss der Bergschule. Konsequenz: Er erhielt sofort eine Anstellung auf Königsborn II/V. 1962 wechselte Lülf, mittlerweile verheiratet und Vater eines kleinen Kindes, sowohl beruflich als auch privat nach Werne. „Es gab in Werne eine Gratis-Wohnung“, erinnert er sich. Nun, mit gerade einmal Mitte 20, begann Lülfs Weg nach oben.

Willi Lülfs Leben dreht sich um die Kohle und den Bergbau

Willi Lülf verfügt über zahlreiche Unterlagen und Informationen zum Bergbau in Werne. © Jörg Heckenkamp

Ende 2018 läuft die Förderung auf den beiden letzten Steinkohle-Zechen Deutschlands, in Bottrop und Ibbenbüren, aus. „Deshalb wird man im Moment häufig auf das Thema angesprochen“, sagt er. So unternahm er erst neulich einen familiären Ausflug zu den ehemaligen Tempeln der Kohleförderung im Ruhrgebiet. „Es ist doch unglaublich, was damals alles geschaffen wurde“, sagt er und in seine Stimme schleicht sich wieder der strenge Ton ein: „Und nun ist alles vorbei.“

Die Karriere von Willi Lülf nahm Anfang der 1960er-Jahre auf der Zeche Werne Fahrt auf. 1963 Beförderung zum Reviersteiger. 1966 absolvierte er den Sonderlehrgang zum Betriebsführer, stieg zum Fahrsteiger, 1972 zum Obersteiger auf. Damit gehörte er zur engen Führungsspitze des Werner Bergwerkes. Lülfs Tätigkeitsfeld: Infrastruktur, Förderung und Transport.

1972 kam es zum Zusammenschluss der Zechen Werne und Radbod. „Wenig später wurde dieser Verbund wieder gelöst“, erinnert sich Lülf. Da sollen in den obersten Führungszirkeln der Ruhrkohle bereits die Schließungspläne für Werne in der Schublade gelegen haben. Lülf versichert: „Ich habe davon nichts gewusst.“

1974 war das Ende der Zeche Werne besiegelt

Anfang 1974 war das Ende der Zeche Werne besiegelt. 1850 Männer wechselten zum Schacht Franz in Hamm-Herringen“, sagt der 80-Jährige. Er und drei andere Führungskräfte blieben übrig. Der damals 37-Jährige, im besten Schaffensalter, ließ seine Kontakte spielen, landete als Obersteiger auf Haus Aden in Bergkamen. „Aber da wartete man nicht gerade auf mich.“ Dann kamen Ende 1974 Pläne für ein neues Bergwerk auf. Es sollte von Haus Aden aus Richtung Norden führen.

Willi Lülf fand seine neue Berufung. Als Transport- und Logistik-Spezialist kümmerte er sich um die Erschließung der neuen Schachtanlage. „An allem, was sich unter Cappenberg von Haus Aden her abgespielt hat, war der Willi Lülf beteiligt.“ Stolz schwingt in der festen Stimme mit. Eine sehr aufwendige, intensive Arbeit, die in auch zu Vorträgen und Kongressen geführt hat. Lülf hatte viel zu berichten von dem „Musterbergwerk“. Die Nordwanderung sorgte im Bereich Langern und Cappenberg lange Jahre für Proteste und juristische Auseinandersetzungen.

Langer Rechtsstreit um Kohle-Abbau unter Cappenberg

Grund waren unter anderem Befürchtungen, dass der Kohleabbau zu Schäden am Schloss Cappenberg führen könnte. Der Rechtsstreit ging bis vors Bundesverfassungsgericht, er konnte die Förderung aber nicht verhindern. 1988 begann der Abbau im sogenannten Nordfeld. 1998 verfüllte die Ruhrkohle die beiden Schächte vor Ort, Langern und Romberg.

Nachdem Lülf das Projekt Musterbergwerk energisch vorangetrieben hatte, „wurde ich 1984 gefragt, ich war 47, ob ich mich verändern wollte“. Er wollte. So trat er den Geschäftsführer-Posten bei Firmen aus dem Bereich Ruhrkohle-Umwelt an. Immerhin 15 Jahre bekleidete der Mann, der als 14-jähriger Bergbau-Lehrling anfing, diese Führungsposten. „1999, mit 62 Jahren, bin ich in den Ruhestand gegangen.“

Hätte er etwas anders gemacht im Rückblick? „Wenn ich mit einem Weitwinkel zurückschaue, hätte ich meine Verbindungen nutzen können, um andere Dinge machen zu können.“ Dass er sich zu weit mehr berufen gefühlt hat, zeigt folgender Satz: „Die letzten 15 Jahre konnte ich all das wettmachen, was mir vorenthalten wurde.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Verteilungskampf um Fördermittel
Die Bergkamener Ratspolitiker wollen die Kohleausstiegs-Millionen nicht teilen
Hellweger Anzeiger Milliarden vom Bund
Kohleausstieg: Der Verteilungskampf um die Fördermittel ist in vollem Gang
Hellweger Anzeiger Bergbau-Erinnerung
Mit vielen Bildern: Die Oberadener Bergleute holen die Heilige Barbara nach Hause