Wie in der Reichspogromnacht ein Geschäft in der Schwerter Fußgängerzone geplündert wurde

dzNS-Zeit

Ein demoliertes Geschäft und ein SS-Mann, der mit einem Vorschlaghammer auf das Auto eines Juden einschlug: Während der Reichspogromnacht gab es in Schwerte mehrere erschreckende Vorfälle.

Schwerte

, 09.11.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein dünner Zeitungsbericht, ein Ermittlungsbericht und Schilderungen einiger Zeitzeugen: Diese Quellen geben einen kleinen Einblick, wie die Reichspogromnacht in Schwerte abgelaufen ist. Betroffen waren unter anderem ein Schuhgeschäft in der Fußgängerzone, die Synoge in der Großen Marktstraße und eine jüdische Familie. Wir haben zusammengetragen, was über diese drei Vorfälle bekannt ist:

1. Schuhgeschäft in der Fußgängerzone völliig demoliert

2. SS-Mann zertrümmerte Auto einer jüdischen Familie

3. Heilige Gegenstände aus der Synagoge geschändet

Wie in der Reichspogromnacht ein Geschäft in der Schwerter Fußgängerzone geplündert wurde

Zwei Stolpersteine erinnern in der Hüsingstraße an die Kugelmann-Schwestern. © Jessica Will

1. Schuhgeschäft in der Fußgängerzone völlig demoliert

An zwei Schwestern, deren Schuhgeschäft während der Pogromnacht völlig zerstört wurde, erinnern in der Fußgängerzone zwei Stolpersteine: Friederike und Rebecca Kugelmann.

Die beiden jüdischen Schwestern waren damals nicht die einzigen Juden, die in der Fußgängerzone ein Geschäft führten: Dort boten auch die Familien Mosbach (Haushaltswaren), Strauß (Schuhe) und Stein (Herrenkonfektion) ihre Waren an. Eigentümerin des Schuhladens an der Hüsingstraße war Friederike Kugelmann, ihre Schwester Rebecca stand ihr als Prokuristin zur Seite – bis zum 9. November 1938.

Das Datum wurde für die Schwestern zum einschneidenden Erlebnis, denn ihr Laden wurde total demoliert. Der Schaden belief sich auf 30.000 Reichsmark. Zeugen berichten von einer enormen Zerstörung: Fensterscheiben und Inneneinrichtung seien zertrümmert, die Schuhe auf die Straße geworfen worden. Was nicht gestohlen wurde, wurde beschädigt, sagte ein städtischer Angestellter aus, der gegenüber wohnte. Eine andere Zeugin schilderte, dass ein Mitschüler dort Schuhe gestohlen habe. Die Klassenlehrerin reagierte demnach empört und wies ihn an, die Schuhe zurückzutragen.

Wie in der Reichspogromnacht ein Geschäft in der Schwerter Fußgängerzone geplündert wurde

Auch in Schwerte gab es Aufrufe, nicht in jüdischen Geschäften zu kaufen.

Den Restbestand des größtenteils demolierten Warenlagers übernahm der Schwerter Schuhkaufmann Rudolf Steinschulte gemeinsam mit dem Inhaber des Schuhgeschäfts Viehoff. Auch die Geschäftsräume gingen später an die beiden über – denn nach einer im November 1938 ergangenen Verordnung durften Juden ab 1939 keine Einzelhandelsunternehmen mehr betreiben. Die Kugelmann-Schwestern standen beruflich also vor dem Nichts.

Schon vor der Pogromnnacht hatten die beiden Frauen bereits eine Flucht nach Argentinien geplant. Letztlich entschieden sie sich anders: Rebecca blieb in Schwerte, musste ihre Wohnung an der Bahnhofstraße aber räumen und in eine Unterkunft an der Liethstraße ziehen. Hier brachten die Nationalsozialisten in einer Baracke in der Nähe des Schlachthofs die jüdischen Bürger unter, bevor sie in die Konzentrationslager deportiert wurden. 1942 wurde Rebecca ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie überlebte und wurde im Mai 1945 befreit.

Ihre Schwester Friedericke floh nach der Pogromnacht nach Amsterdam, um dem Terror zu entgehen. Es gelang ihr nicht: Im September 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Was bleibt ist ein trauriger Akteneintrag: „Obengenannte Person gilt als gestorben am 23. September 1944 in der Umgebung von Auschwitz.“

2. SS-Mann zertrümmerte Auto einer jüdischen Familie

Ein stadtbekannter Schwerter, der in SS-Uniform mit einem Vorschlaghammer auf ein Auto einschlägt: Diese Erinnerung an die Reichspogromnacht schilderten Selma und Julius Neuhaus ihren Verwandten. Das jüdische Ehepaar betrieb damals an der heutigen Kantstraße einen Altwarenhandel. Die Familie fuhr einen modernen Opel Olympia, der in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auf dem Firmengelände geparkt war. Dorthin sei in der Nacht ein Mann in SS-Uniform aufgetaucht – ausgerüstet mit einem Vorschlaghammer. Völlig in Rage zertrümmerte er das Auto: Zerschlug die Scheiben die Motorhaube und den Kühlergrill, beschrieben Selma und Julius Neuhaus. Dann habe er den Hammer aus der Hand gelegt, seinen „Ehrendolch“ mit der Inschrift „Unsere Ehre heißt Treue“ gezückt und alle vier Reifen zerstochen. Später in der Nacht habe jemand noch die Fensterscheiben ihrer Wohnung eingeschlagen, heißt es in dem Augenzeugenbericht weiter.

Den zertrümmerten Opel verkaufte das Ehepaar nach einiger Zeit zum Schrottwert. Denn am 3. Dezember 1938 hatten die Nationalsozialisten Führerscheine und Kfz-Bescheide von Juden für ungültig erklärt, eine Reparatur wäre als sinnlos gewesen.

Trotz dieser Erfahrungen blieb die Familie Neuhaus in Schwerte. „Hier bin ich geboren und hier will ich auch sterben. Und übrigens – eines Tages wird der braune Spuk vorüber sein. Wie eine Seifenblase zerplatzt. Das ist nicht nur meine Hoffnung. Das ist meine Gewissheit“, sagte Julius Neuhaus einem Schwager.

Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht: Letztlich wurde die gesamte Familie deportiert. Laut Bundesarchiv gelten sie als „verschollen“.

3. Heilige Gegenstände aus der Synagoge geschändet

„Stark beschädigt“: So beschrieb die Schwerter Zeitung den Zustand der Synagoge an der Großen Marktstraße nach der Pogromnacht. Nur zwölf Zeilen umfasste die Meldung zu den Vorkommnissen.

Wie in der Reichspogromnacht ein Geschäft in der Schwerter Fußgängerzone geplündert wurde

Die alte Synagoge an der Großen Marktstraße wurde nach der Pogromnacht an das DRK übergeben. © Stadtarchiv

Einen genaueren Einblick, was dort passierte, geben einige Augenzeugenberichte. So schilderte beispielsweise das Ehepaar Neuhaus, dass die Synagoge geschändet wurde: Alles, was der Gemeinde heilig gewesen sei, hätten Eindringlinge auf die Straße geworfen. Darunter zum Beispiel die Thorarolle und die Menora (der siebenarmige Leuchter) seien zertrampelt worden. Im Hauptraum wären Bücher und Schriften zerfetzt und angezündet worden. Auch den Vorhang der Gebetsnische, Talar, Tallit (Gebetsschal) und Kippa seien zerrissen worden.

Das Gebäude selbst blieb allerdings unversehrt. Bereits wenige Tage nach der Pogromnacht wurde die Synagoge an das Deutsche Rote Kreuz übergeben, schildert Historiker Alfred Hintz.

Nach dem Krieg wechselte die Synagoge mehrmals den Besitzer. 1984 wurde sie abgerissen.

Der Historiker Alfred Hintz hat in dem Buch „Ohne Meldung unbekannt verzogen – Schwerte unter der NS-Herrschaft“ versucht, den Opfern der Nationalsozialisten ein Gesicht zu verleihen, ihre Einzelschicksale aufzuarbeiten. Viele der Informationen daraus findet man auch auf der Internetseite www.schwerte.de
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