Seit Juni 2017 ist die Kreisstraße gesperrt. Erst sollten die Bauarbeiten im September beendet sein. Dann zu Weihnachten. Jetzt heißt es: im Mai. Können die Geschäftsleute das überstehen?

Selm

, 29.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Die Dauerbaustelle vor der Ladentür sei „geschäftsschädigend“, steht für Joachim Horn fest, Inhaber und Geschäftsführer des gleichnamigen Reisebüros an der Kreisstraße. Mitte November sagt das Mitglied der Vollversammlung der IHK zu Dortmund das auch genau so während des Selmer IHK-Wirtschaftsgesprächs. Wie geschäftsschädigend, wollten wir genau wissen, und haben 50 Einzelhändler, Dienstleiter und Gastronomie-Betriebe entlang der Baustelle schriftlich befragt. 40 haben den Bogen mit zehn Fragen ausgefüllt und anonym abgegeben. Jetzt liegt die Auswertung vor. Ein Meinungsbild zwischen Angst und Hoffnung.

Umsatzeinbußen haben die meisten (68 Prozent). Wie hoch die Einbußen ausfallen, will aber nur rund die Hälfte beziffern. Die Werte fallen unterschiedlich aus: von zehn bis 70 Prozent Miese. Im Durchschnitt ist der Umsatz auf der Kreisstraße laut Angabe der Befragten um 34 Prozent gesunken. Eine, bei der der Wert höher liegt, ist Ilona Dziedek, Geschäftsführerin der Aral-Tankstelle. Es gebe Tage, sagt sie, an denen sie fast nur Zigaretten, Zeitschriften und Süßigkeiten verkauft habe. Aber eben keinen Kraftstoff.

Wie groß die Einbußen durch die Dauerbaustelle Kreisstraße wirklich sind

Ilona Dziedek vor der Aral-Tankstelle. © Sylvia vom Hofe

Kein Wunder: Die Tankstelle am südlichen Ausbauende war zwischenzeitlich nur über eine Holperpiste aus Schotter und Lehm zu erreichen, die von der Buddenbergstraße quer über die Kreisstraße führte. „Klar, dass dann niemand kommt.“ Inzwischen gibt es eine zusätzliche Zufahrt vom neuen Kreisverkehr Kreisstraße/Landsbergstraße aus. Aber die nutzen auch noch nicht so viele Autofahrer, dass es sich für Ilona Dziedek wieder lohnen würde, die Tankstelle nachts zu öffnen. Wie früher, bevor die Bagger kamen.

Ein Drittel der Befragten hat Mitarbeiter entlassen

Nicht nur in der Aral-Tankstelle haben Mitarbeiter ihren Job verloren. Ein Drittel der Befragten hat angeben, während der Bauarbeiten Personal entlassen haben zu müssen. 18 Prozent denken darüber nach, nicht nur Stellen zu streichen und Kosten zu sparen, sondern ganz aufzugeben. Eine Friseurin habe ihren Laden bereits dicht gemacht, sagt Manfred Breyer, Sprecher der Werbegemeinschaft für die Kreisstraße.

Er hat Verständnis für die Not der Einzelhändler und Dienstleister. Das Baustellenmanagement der Stadt laufe nicht gut, meint er. „Bestes Beispiel dafür: das Kreisstraßenfest.“ Die Stadt habe es im Frühjahr 2018 als Dankeschön für die leidenden Kaufleute konzipiert - und kurzfristig verschieben müssen, weil die Bauarbeiter nicht rechtzeitig so weit waren.

„Gemeinsame Aktionen sind wichtig“

Wie wichtig solche gemeinsamen Aktionen sind, betont Ute Heinze, Sprecherin der Wirtschaftsförderung des Kreises Unna. Ob Late-Night-Shopping, wie es die Kaufleute bereits angeboten haben, Feiern oder etwa die Herausgabe eines Selm-Gutscheins, der nur in örtlichen Läden eingelöst werden kann, seien Maßnahmen, um die Kunden wieder auf sich aufmerksam zu machen. „So eine Baustellenzeit ist schwer, aber unvermeidlich.“ Heinze empfiehlt, an die kommenden Vorteile zu denken und sie auch zu nutzen: im Sommer etwa Außengastronomie auf den breiteren Bürgersteigen anbieten, im Winter weihnachtlich geschmückte Stände.

61 Prozent machen sich Sorgen wegen der Parkplätze

Den neuen Boulevard-Charakter der Kreisstraße sieht auch Manfred Breyer, aber auch eine Gefahr. „Dort darf man ja künftig gar nicht mehr parken“ sagt er. Ordnungsamtsmitarbeiterinnen hatten bereits im Sommer ausdrücklich darauf hingewiesen - und scheinen zurzeit nur ein Auge zuzudrücken.

Wie groß die Einbußen durch die Dauerbaustelle Kreisstraße wirklich sind

Geparkt wird, wo Platz ist. Erlaubt ist das so nicht. © Sylvia vom Hofe

Denn in den Abschnitten, wo Autos auf der Kreisstraße inzwischen wieder fahren können, parken sie auch: rechts und links der Straße und nicht nur innerhalb der Markierungen. „Die Parkraumsituation ist nicht gelöst“, steht für Breyer fest. Joachim Horn, der, wie er sagt, „das große Glück“ hat, seinen Kunden den Parkplatz im Innenhof des von ihm genutzten Sparkassengebäudes am nördlichen Ende der Baustelle anbieten zu können, sieht darin auch ein Problem. Denn bei den großen Parkplätzen, die Autofahrer zurzeit gerne ansteuerten - vorm Edeka und am Kaufhaus Berken - handele es sich um private Flächen. Öffentlicher Parkraum fehle. Auch 61 Prozent der Befragten machen sich Sorgen wegen der Parkplätze, die im Zuge des Kreisstraßenumbaus weggefallen sind.

Die Mehrheit ist optimistisch

Trotz der Abstriche: Die Mehrheit der Befragten (66 Prozent) sind mit ihrem Standort an der Kreisstraße nach wie vor zufrieden. Fast alle (74 Prozent) gehen davon aus, dass ihre Umsätze nach Abschluss der Bauarbeiten steigen werden. 84 Prozent setzen fest darauf, dass die verloren gegangene Kundschaft wieder zurückkommen wird. Die Tankstellen-Geschäftsführerin gehört dazu. Sobald die Pendler sowohl aus Richtung Lünen/Bork als auch aus Lüdinghausen/Olfen wieder ungehindert passieren könnten, machten sie auch wieder bei ihr Halt. Für Joachim Horn ist das nicht so selbstverständlich. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt er. Wenn er erst einmal einen neuen Weg zur Arbeit gefunden habe und neue Läden, die er auf dem Weg dorthin ansteuern könne, bleibe er dabei. „Zwei Jahre sind eben eine lange Zeit.“

„Selm Optik“ wechselt vom Dorf an die Kreisstraße

Einer, der das Potenzial der rundum erneuerten Kreisstraße ohne Wenn und Aber sieht, ist Augenoptikermeister Thomas Kaim. Er wird umziehen: von seinem bisherigen Standort an der Ludgeristraße „im Dorf“, wie er mit Selmer Umgangston sagt, auf die Kreisstraße in das ehemalige Waffelino-Geschäft.

Wie groß die Einbußen durch die Dauerbaustelle Kreisstraße wirklich sind

Hier wird Selm Optik einziehen. © Sylvia vom Hofe

„Mir tut es unendlich leid, nach 16 Jahren von diesem Standort wegzugehen“ sagt Kaim. Aber an der Kreisstraße entwickele sich gerade etwas, „da wird alles schön gemacht“, modern und städtisch. „Selm Optik“ will dabei sein. Mit seiner Aufbruchsstimmung will Kaim auch die künftigen Nachbarn auf der Kreisstraße anstecken. „Wir müssen uns besser vernetzen“ sagt das Vorstandsmitglied der Selmer Werbegemeinschaft. Er habe da schon einige Ideen.

Im Mai soll alles fertig sein

Vermutlich im März wird Thomas Kaim umziehen. Die Straßenbauarbeiten werden dann noch nicht beendet sein. Im April/Mai 2019 werde die Straße komplett für den Verkehr freigegeben, sagte Stadtsprecher Malte Woesmann im April 2018. Anders als alle vorangegangenen Termine brauchte er diesen noch nicht zu korrigieren.

So kommentiert Redakteurin Sylvia vom Hofe die Situation

Noch fünf Monate Durstsrecke

Es gibt Kalendersprüche, die die Anwohner der Kreisstraße nicht mehr hören können. „Jede Baustelle ist eine Durststrecke“ ist einer davon. Wer gerade vorm Verdursten steht, braucht eben keine guten Worte, sondern Flüssiges – in diesem Fall am liebsten Bares.

Die Stimmung in den Ladenzeilen links und rechts der Dauerbaustelle ist zwar alles andere als feuchtfröhlich, allerdings besser, als zu befürchten wäre: nach 22 Monaten Baustelle vor der Ladentür, davon die meiste Zeit unter Vollsperrung. Trotz teilweise empfindlicher Umsatzeinbußen begrüßt die überwiegende Mehrheit, was gerade passiert, sieht die Chancen des verbesserten Straßenbildes und denkt gar nicht daran, die Hauptachse durch Selm zu verlassen.

Den meisten Händlern bleibt ja auch gar nichts anderes übrig. Uns Kunden schon. Wir können weiter verärgert den Kopf schütteln über viel zu viele Baustellen und über Pleiten, Pech und Pannen bei den Arbeiten, während wir bequem andernorts einkaufen gehen. Den Geschäftsleuten der Kreisstraße hilft das aber nicht. Da ist jeder gefragt, damit die Lebensader durch Selm nicht kurz vorm Ende der Dauerbaustelle doch noch austrocknet.

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