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Erst war er Stammgast. jetzt steht Pocke am Zapfhahn der Feuerteichschänke. Erst wollte er das nicht, jetzt fällt seine Bilanz sehr gut aus – und das trotz einer schlimmen Nacht.

Schwerte

, 28.06.2018 / Lesedauer: 6 min

Der Ordnung halber sei es kurz erwähnt: Der neue Wirt der Feuerteichschänke heißt Frank Simon. Aber Frank – so nennt ihn hier natürlich niemand. „Ich bin Pocke. Pocke, der Fußballer“, so stellt sich der Schwerter vor, der eigentlich nie hauptberuflich eine Kneipe betreiben wollte – und es jetzt doch tut. Und der dabei wirkt, als sei er für diese Aufgabe geboren.

Vom Stammgast und Klempner zum Wirt

„Gas, Wasser, Scheiße – also Klempner.“ Damit habe er bis April sein Geld verdient, sagt der 50-Jährige. Mit dem Job war er sehr zufrieden. „Ich hatte nie den Gedanken, eine eigene Kneipe zu übernehmen.“ Die Idee hatte sein Vorgänger: Bernhard Bay, der seit 2005 in der Feuerteichschänke hinter dem Tresen gestanden hatte.

Die Suche nach einem Nachfolger sei Aufgabe des Vermieters – hatte Bay noch im Oktober gesagt, als öffentlich wurde, dass er die Feuerteichschänke zum 31. März verlässt. Dabei hatte er zu dem Zeitpunkt schon eine ganz konkrete Vorstellung davon, wem er seine Stammgäste anvertrauen wollte: einem seiner Stammgäste.

Vorgänger Bernhard Bay suchte Pocke aus

„Willst du den Laden nicht übernehmen?“ Mit dieser Frage habe Bay ihn total überrascht, sagt Pocke: „Wir waren im Herbst zusammen mit Freunden auf Malle, da hat er mich gefragt – jeden Tag wieder. Und ich habe immer wieder gesagt: Bernd, ich hab keinen Bock. Ich hab nen Klempner-Job. Ich hab alles, was ich will.“ Aber der gab nicht auf: „Du kannst das!“, sei sich sein Freund sicher gewesen.

Und als Pocke sich tagelang geziert habe, nahm Bay ihn in den Schwitzkasten: „Du machst das!“ Da gab Pocke nach: „Okay.“ Eine Geschichte aus der Kategorie „Kann doch wohl nicht wahr sein“. Aber wer hört, wie der neue Wirt sie erzählt, der denkt sich: Eigentlich kann es bei diesem verrückten Hund nur genauso abgelaufen sein.

Stammgäste in gute Hände geben

„Bernd wollte sein Baby in gute Hände übergeben. Und er wollte endlich mal vor der Theke sitzen und nicht immer hinter der Theke stehen.“ Das mit den guten Händen hat geklappt, die Einigung mit dem Vermieter war fast nur noch Formsache. „Natürlich wurde meine Schufa überprüft und ich habe mir die Bücher genau angeschaut, ob alles gut läuft.“ Aber dann war der Weg frei für den Tausch zwischen Wirt und Stammgast.

Wie „Pocke, der Fußballer“ vom Stammgast zum Wirt wurde

Vorgänger Bernhard Bay hatte die Feuerteichkneipe 2005 übernommen. Zum 31. März 2018 gab er sie ab. © Reinhard Schmitz

Doch der ging nur zur Hälfte auf: Seit dem 6. April steht Pocke jetzt hinter dem Tresen – aber Bernhard Bay sitzt nicht davor. Mitte Mai ist er gestorben. „Voll mit Krebs“ sei er gewesen. „Er wollte die Rente genießen, mit seiner Lebensgefährtin reisen...“, sagt Pocke und seine sonst eher laute Stimme wird nachdenklich. „Als Bernd tot war, da war es zwei Wochen richtig hart. Viele kamen rein und hatten davon gehört, haben Fragen gestellt.“

Helfen konnte er seinem Freund und Vorgänger nicht, aber einen würdigen Abschied hat er mitgestaltet: „Die Beerdigung war schön, danach haben wir in der Kneipe zusammengesessen.“ Aus einem Fass Freibier wurden zwei. „Nachher war es lustig, so wollte Bernd es haben.“

Pocke führt die Eckkneipe mit viel Spaß

Lustig – so gefällt es auch dem neuen Wirt am besten: „Es macht einfach Spaß. Nette Leute, die du um dich hast, es ist alles locker. Ich habe ne große Schnauze, verarsche mich selbst, verarsche aber auch die Leute – und die wissen auch, wie ich es meine.“ Genau darum stehe er so gerne am Zapfhahn. „Ich höre viel zu, ja. Ist wie ein Beichstuhl hier.“

Dabei wolle er eigentlich gar nicht alles wissen. Dann würden ihm die Leute leid tun. „Manches nimmt einen ja auch mit. Zu nah darf man es nicht an sich ranlassen, eine kleine Mauer muss man schon um sich bauen.“

Viel verändert hat er nicht, seit er das Sagen in der urigen Eckkneipe hat. Neue Farbe an den Wänden, neue Beleuchtung überm Tresen, draußen ein kleiner Biergarten. Er wollte das Rad nicht neu erfinden, hat genug Gastro-Erfahrung, um zu wissen, wie das Geschäft läuft: „Wir führen seit 20 Jahren das ETuS-Vereinsheim. Vater, Schwester, da helfen alle mit. Und früher habe ich auch in Kneipen und Discos in Schwerte gearbeitet.“

Pocke, der Fußballer, wurde beim ETus/DJK seßhaft

Aber nicht nur daher ist er in Schwerte bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund, der neben den Stammgästen mittlerweile auch viele neue Gäste in die Feuerteichschänke gelockt hat. „Am ersten Tag war es rappelvoll. Viele Stammgäste, aber auch viele neue, viele von den Fußballern.“

In Holzen hat er früher gekickt und bei der DJK Schwerte, nach der Fusion dann beim ETuS/DJK. „Als junger Fußballer war ich ein Wandervogel. Da haste da gepöhlt, wo es das meiste Geld gab. Bei der DJK bin ich dann sesshaft geworden, habe da noch Landesliga gespielt und nach der Fusion noch in der zweiten Mannschaft.“

Wechsel vom Sportplatz hinter den Tresen

Dann ging es vom Sportplatz hinter den Tresen. Erst im Vereinsheim, wo jetzt sein Vater (78) das alleinige Sagen hat. Ohne Pocke. „Beides war für mich einfach zu viel.“

Jetzt also in der Feuerteichschänke. Vom ersten Tag an sei es gut gelaufen, sagt er. „Es haben sich viele mit mir gefreut. Viele kannten mich ja, daher kamen viele neue Gäste. Da haben die Stammgäste schon geguckt. Mittlerweile mischen sich die Alten mit den Neuen, lernen sich kennen.“

Eine Bank sind für Pocke die Fußball-Fans. „An Heimspieltagen ist die Bude rappelvoll.“ Der Borussia-Dortmund-Fanclub „58239“ kommt vor jedem Heimspiel bei Pocke vorbei. „Die machen hier Frühschoppen, ab half elf sind die hier. Die nehmen sich einen und gegen eins, halb zwei geht es dann zum Zug.“ Während die einen sich ins Stadion verabschieden, rücken schon die nächsten Fans an: „Dann kommen die Gäste, die Sky gucken. Die haben feste Plätze, da sind alle Tische besetzt.“

Fußball-Fans kommen zu jedem BVB-Heimspiel

Dass er das Sky-Abo halten muss, war Pocke von Anfang an klar: „Auch, wenn Sky im Monat 500 Euro kostet. Ich nehme zur Bundesliga dann 10-Euro-Mindestverzehr, sonst könnte ich das nicht auffangen.“ Diese Abende, wenn Borussia spielt, die Kneipe aus allen Nähten platzt, das sind die ganz besonderen Arbeitstage für den Wirt: „Wenn du morgens um zehn hier bist und dann geht es bis zum nächsten Morgen um halb vier.“ Anstrengend sei das, keine Frage: „Aber dann siehst du die Kasse und weißt, wofür du es getan hast.“

Denn bei allem Spaß, die ihm der neue Job macht, letztlich muss der Schwerter davon leben können – das klappt momentan gut.

„In zehn Jahren gibt es solche Kneipen nicht mehr“

Trotzdem fällt seine Zukunftsprognose für kleine Kneipen wie die Feuerteichschänke düster aus: „In zehn Jahren gibt es solche Kneipen nicht mehr.“ Ab 35 Jahren aufwärts, so beschreibt er seine Gäste. „Die Jüngeren kriegst du hier aber nicht mehr rein. Ich bin davon überzeugt, dass nicht mehr genug nachkommt.“ Zehn Jahre würde das Konzept aber noch tragen, schätzt er, der für diese Perspektive seinen sicheren Job als Klempner gekündigt hat.

In zehn Jahren muss Pocke finanziell also abgesichert sein. Damit das klappt, hat er die Einnahmen natürlich gut im Blick: „Anfangs habe ich genau notiert, in welchen Stunden wie viel Geld reinkam.“ Eine Konsequenz: Neben dem Sonntag, der schon immer Ruhetag war, bleibt die Feuerteichschänke jetzt auch montags dicht. „Montags war gar nix“, kommentiert er trocken.

Für die anderen Tage kann er recht genau sagen, wie viel abends in der Kasse sein wird. „Jeden Dienstag nimmst du fast das gleiche ein. Stammkunden eben.“ Auf die ist Verlass – und die sind ihm sehr wichtig, das hört man deutlich heraus.

Wie „Pocke, der Fußballer“ vom Stammgast zum Wirt wurde

Locker und lustig - so kennen Stammgäste den neuen Wirt. © Jessica Will

Eigentlich also alles gut.

Eigentlich.

„Und dann kam eines abends dieser Stusskopp, der hier Theater gemacht hat, wo die Schlägerei draußen war“, erzählt Pocke von einem Wochenende Anfang Mai. „Zwei Stunden sitzt der hier ganz brav an der Theke, trinkt sich einen mit seinen Freunden.“ Dann sei er auf der Toilette mit jemandem aneinandergeraten, die Situation eskalierte, die Polizei rückte an, es gab Verletzte. „Ich habe dann um eins alle rausgeschmissen, da saß ich alleine hier und habe mich gefragt: Bist du eigentlich bescheuert? Warum hast du den Laden übernommen?“

Mit etwas Abstand sagt Pocke aber auch: „So was kann passieren, davon kann sich keiner freisprechen.“ Und letztlich macht ihm die Aufgabe schon viel zu viel Spaß – trotz extrem langer Arbeitstage. „Letzte Woche waren es 83 Stunden. Ich wohne eigentlich hier.“

Aber auch, wenn die Feuerteichschänke jetzt sein Job ist: Vollkommen hat er sich nicht von seinem Dasein als Stammgast verabschiedet, gibt Pocke zu und grinst: „Man trinkt ja nach Feierabend hier schon noch mal ein Bierchen.“ Da blitzt noch durch, dass es ein ehemaliger Stammgast ist, der jetzt hinter dem Tresen eine neue Berufung gefunden hat.

In einer Serie haben wir ehemalige Gaststätten in Schwerte vorgestellt: