Wie Landwirtin Anne Reygers (38) mit den Verbrauchern zusammen ackern und ernten möchte

dzSolidarische Landwirtschaft

Kartoffeln und Möhren, Tomaten und Mangold. Frisch vom Acker, in einer wöchentlichen Gemüsekiste: Die Borkerin Anne Reygers setzt eine Idee um, bei der die Verbraucher mitmachen dürfen.

Selm

, 12.11.2018, 05:41 Uhr / Lesedauer: 6 min

Auf dem Acker hinter dem Hof von Anne Reygers wachsen kleine, zarte Pflanzenreihen. Hellgrün, so weit das Auge reicht. „Das ist Kleegras, ein natürlicher Dünger“, sagt die 38-Jährige, die gerade ihre wuschelige Hündin Ingwer auf dem Arm hält. Wenn es nach ihrem Willen geht, werden auf diesem Hektar Ackerland an der Grenze zum Naturschutzgebiet Lippeaue bald verschiedenste Gemüsesorten wachsen. Anne Reygers lächelt zuversichtlich. „Das hier soll bald eine Solawifläche werden!“

Solidarische Landwirtschaft - was ist das eigentlich?

Solawifläche - das Wort, das so fremd klingt und das Anne Reygers so leicht über die Lippen kommt, ist die Abkürzung für Solidarische Landwirtschaft. „Konkret handelt es sich dabei um einen Zusammenschluss von landwirtschaftlichen Betrieben oder Gärtnereien mit einer Gruppe privater Haushalte“, informiert das bundesweite Netzwerk Solidarische Landwirtschaft auf seiner Homepage. Die Organisation, die sich im Jahr 2011 in Kassel gegründet hat, besteht aus Menschen, die sich für diese Form der Landwirtschaft einsetzen. Erzeuger und Verbraucher bilden dabei eine Wirtschaftsgemeinschaft.

„Wesentlich ist, dass eine Gruppe die Abnahme der Erzeugnisse garantiert und die Ernte bzw. alles, was notwendig ist, um diese zu erzeugen, vorfinanziert. Dadurch wird den Erzeugern eine gewisse Unabhängigkeit von Marktzwängen ermöglicht“, lautet die Erklärung auf der Netzwerk-Seite.

Und die Abnehmer? Sie erhalten im Gegenzug die gesamte Ernte. „Das wären dann beispielsweise wöchentliche Gemüsekisten. Viele verwechseln das Konzept mit solchen Abo-Kisten, die man beim Landwirt bekommen kann“, sagt Anne Reygers. „Aber Solidarische Landwirtschaft ist da noch etwas anderes.“

Der Verbraucher kann selbst mithelfen für die eigenen Ernteerträge.

Denn wer bei einer Solawi einsteigt, wird nicht einfach zur Kasse gebeten. Das ist Anne Reygers wichtig: Die Leute dürfen und sollen auch mitmachen. „Man kann bei der Ernte helfen, bei der Aussaat, beim Aufbau der Folientunnel oder beim Unkraut jäten.“ Zumindest bei großen Aktionen ist das für Anne Reygers auch in gewissem Maße ein Muss. „Natürlich ist es da wie immer im Leben, nicht jeder kann auch mithelfen“, räumt sie ein.

Zum ersten Mal hat sie das Konzept vor vier Jahren auf dem Lernbauernhof Schulte-Tigges gesehen. Der Hof liegt in Dortmund-Derne, nahe der Stadtgrenze zu Lünen. Die „SoLaWi Kümper Heide“, die im Jahr 2014 mit 40 Menschen gestartet war, versorgt mittlerweile 160 Haushalte im Dortmunder Raum. Studenten, Familien, Senioren.

Ausbildung zur Agrar-Betriebswirtin im Öko-Landbau

Anne Reygers hat nach der Schule eine Ausbildung zur Gärtnerin gemacht. Auf zwei Bio-Landbetrieben, in Flensburg und Osnabrück. „Danach habe ich mein Fachabi im Bereich Agrarwirtschaft gemacht“, erzählt sie. Es folgen noch zwei Jahre in der Schule für ökologischen Landbau. „Das war eine gute Mischung aus Theorie und Praxis“, erinnert sie sich. Heute ist Anne Reygers Agrar-Betriebswirtin mit Fachrichtung Öko-Landbau.

Wieder zurück in der Heimat zieht sie mit ihrer Familie auf den alten Hof ihres Vaters an der Waltroper Straße. „Wir haben viel Arbeit reingesteckt“, sagt sie. Zwei Kinder haben Anne Reygers und ihr Freund Georg Sehrbrock: die zehnjährige Ida und den siebenjährigen Joshua. Zum Hof gehören einige Hektar Grünland, ein Hektar Wald und rund 20 Hektar Ackerland. Das meiste davon ist verpachtet. Ein Gemüsegarten dient der Selbstversorgung. Auf einer Wiese grasen Ponys, im Garten gibt es Hühner, Gänse, Laufenten und Kaninchen. Die Hofhunde Fenja und Ingwer gehören auch dazu.

Wie Landwirtin Anne Reygers (38) mit den Verbrauchern zusammen ackern und ernten möchte

Anne Reygers (M.) und ihre Mitstreiter suchen noch Verstärkung. © Georg Sehrbrock

Doch das ist noch nicht alles: „Wir sind nicht allein“, sagt Anne Reygers und lacht. Drei Familien leben nämlich zusammen auf dem Hof. „Wir haben hier eine Lebensgemeinschaft, unsere Kinder wachsen zusammen auf. Das ist sehr schön“, erzählt sie. Der Gemeinschaftsgedanke wird auf dem Hof gelebt. „Unsere Mitbewohner gehören auch zu denjenigen, die das Projekt mit uns verwirklichen möchten.“ Und sie betont: „Das muss schon ein passender Menschenschlag sein. Und wir wollen Kontakte zu Leuten knüpfen, die sich Gedanken darüber machen, was wir mit unserer Welt so anstellen.“

„Die Entwicklung geht mittlerweile steil bergauf.“

Dieses Miteinander ist bei der Solawi Kümper Heide bereits Realität: Der 42-jährige Elmar Schulte-Tigges ist von dem Konzept überzeugt. „Wir sind bei Null gestartet damals und hatten nichts zu verlieren“, erinnert er sich an die Anfänge. Als Geograph habe er sich viel mit den Themen Globalisierung und Ernährung befasst. „Aber das Konzept Solawi war vor einigen Jahren in Deutschland noch fast unbekannt. Mittlerweile geht die Entwicklung steil bergauf; bundesweit gibt es rund 200 solcher Betriebe. Oder Betriebe, die sich zusammengetan haben.“

Auf dem Gemüseacker sind die einzelnen Bereiche mit kleinen Holzschildchen versehen. Mangold, Grünkohl, Spinat, Knoblauch und vieles mehr wachsen hier Reihe an Reihe. Gerade schieben mehrere Menschen Schubkarren hin und her. Zwei von ihnen, ein Mann und eine junge Frau, stellen ihre Karre ab und lächeln zur Begrüßung. Schnell ist klar: Gesiezt wird nicht. „Das hier sind Katharina und Hennes, unsere Supergärtnerin und unser Supergärtner, und da hinten erntet unsere Praktikantin Laura“, stellt Elmar Schulte-Tigges vor. Und erklärt, dass ein erfahrener Gemüsegärtner für eine Solawi unabdingbar ist. „Seitdem die beiden da sind, läuft es richtig gut“, sagt Schulte-Tigges. „Wir können hier einfach sensationelles Gemüse von extrem hoher Qualität ziehen.“

Ein guter Gärtner ist eine Grundvoraussetzung.

Auch Anne Reygers weiß: Wenn es klappen soll, muss ein Gärtner her. „Ich habe zwar schon fünf Hektar Biomöhren für Hipp bewirtschaftet. Aber 50 verschiedene Gemüsesorten auf einem Hektar - das ist etwas anderes.“ Deshalb sucht sie einen abenteuerlustigen Ökologischen Gemüsegärtner in Vollzeitanstellung oder ein Gärtnerteam mit 20 bis 25 Stunden pro Woche. „Er oder sie sollte Mut und Freude daran haben, zu planen und zu gestalten, und eigene Ideen mit einfließen zu lassen“, betont Anne Reygers. Gut wären Maschinenkenntnisse und Erfahrung, aber besonders wichtig sei der Spaß an der Arbeit im Team.

In der Solawi Kümperheide werden die Gärtner unterstützt - manchmal von der AG Mitarbeit, manchmal auch von einzelnen Menschen. Gerade kommt eine Frau auf einem Fahrrad angefahren. Schon von weitem erkennt Elmar Schulte-Tigges: „Das ist die Hedi, die kommt öfter zum Helfen. Einfach so, weil sie da Bock drauf hat.“

Auch in Lüdinghausen gibt es eine Solawi: in der Bauerschaft Tetekum. Diplom-Ingenieur Anton Borghoff begleitet Landwirt Wolfgang Buchmann bereits seit vielen Jahren, kümmert sich um das Marketing und die Finanzen. Sein Tipp: „Man muss die Mitglieder immer mitnehmen und überzeugen.“ Auch wenn der Weg für den Landwirt mitunter schwer sei, ist der 72-jährige Borghoff von dem Konzept überzeugt: „Es ist faszinierend, und es ist lohnenswert. Hier habe ich noch Gemüse, das nach Gemüse schmeckt.“

Das Konzept ist in der Gegend noch unbekannt.

In der Gegend um Selm, Bork und Olfen herum ist das Konzept neu. „In Olfen gibt es meines Wissens solche Projekte nicht“, sagt Ortslandwirt Bernhard Brüse. Beim Stichwort Solidarität fällt ihm eher die Solidarität von Landwirten untereinander ein: „Das machen wir beim Glasfaserausbau, oder bei den Blühstreifen. Da tut sich dann eine bestimmte Anzahl von Leuten zusammen, um die Kosten zu teilen.“ Und natürlich kennt Brüse viele Höfe, die eigene Bio-Erzeugnisse im Hofladen verkaufen. Doch man merkt: Das Konzept „Solawi“ kennen viele Landwirte noch nicht unbedingt. Auch Friedhelm May vom Landwirtschaftlichen Ortsverein Selm sagt: „Ich wüsste hier keinen, der das macht.“ Er glaubt, dass eine „gehörige Portion Enthusiasmus und Überzeugtheit“ dazu gehören. Auch wenn es für ihn persönlich keine Lösung sei, gefällt Friedhelm May der Gedanke. Der Verbraucher wird wieder zu den Wurzeln der Ernährung zurückgeführt. „Wenn man selber mal geschwitzt hat, dann wirft man so schnell nichts weg. Die Wertschätzung dürfte danach eine andere sein.“

Wie genau das Projekt auf dem Hof von Anne Reygers aussehen soll, hängt vor allem davon ab, wie viele Menschen mitmachen möchten. „Auf einem Hektar Ackerland kann man Gemüse für rund 100 Haushalte anbauen. Wir haben ausgerechnet, dass wir zum Start ungefähr 50 bis 60 Menschen brauchen, die mitmachen wollen.“ Später sollten es dann an die 100 sein.

Wie hoch ein monatlicher Beitrag ausfällt, kann Anne Reygers noch nicht sagen. „Wir sind an diesem Punkt noch nicht so weit, konkrete Zahlen zu nennen.“ Meist unterschreiben die Verbraucher einen Vertrag für ein Erntejahr. Danach kann man sich neu entscheiden.

Was kostet es eigentlich, wenn man bei einer Solawi mitmacht?

Bei Elmar Schulte-Tigges können die Verbraucher zwischen einem ganzen Anteil (75 Euro im Monat) und einem halben Anteil (37 Euro im Monat) wählen. Das Gemüse wird an einem wöchentlichen Abholtag von verschiedenen Abholgruppen in Kisten gepackt und weggebracht, in ein Dortmunder Café, einen Bioladen oder eine Buchhandlung zum Beispiel. Dann holen die Leute es dort ab.

Wie Landwirtin Anne Reygers (38) mit den Verbrauchern zusammen ackern und ernten möchte

Sie stehen bereits seit vier Jahren gemeinsam auf dem Acker, und Nachnamen sind ihnen unwichtig: (v.l.) Helferin Hedi, Gärtner Hennes, Praktikantin Laura, Landwirt Elmar und Gärtnerin Katharina mit Hund Lukas. © Martina Niehaus

75 Euro monatlich, 900 Euro im Jahr - das klingt erst mal teuer. Ist es aber nicht, wie Jutta Gülzow von der Verbraucherzentrale erläutert. Sie hat Zahlen vom Fachbereich Ernährung und Umwelt. „Pro Kopf liegt der Verbrauch an frischem Obst und Obstkonserven bei 100 Kilogramm im Jahr. Bei Gemüse sind es 90 Kilogramm im Jahr“, sagt sie. Bei der Berechnung geht sie von einem Kilopreis von 2,50 Euro pro Kilo aus: Das wäre dann querbeet gerechnet, vom Discounter bis zum Biobauern. Bei einer Familie mit zwei Kindern (bzw. einem Haushalt mit drei Erwachsenen) liegt man dann bei einer jährlichen Summe von 675 Euro nur für Gemüse, und 1425 Euro für beides.

„Der Gemeinschaftsgedanke ist unbezahlbar.“

Bei aller Rechnerei merkt man schnell: Für diejenigen, die sich einer Solawi verschrieben haben, ist es der Gemeinschaftsgedanke, der unbezahlbar ist. Anne Reygers kann sich Mitmachtage auf ihrem Hof vorstellen, erzählt von Erntedankfesten, von kleinen Ackerbereichen nur für Kinder, vom Bau eines gemeinsamen Lehmofens. „Daraus kann so vieles erwachsen.“

Und der Bedarf scheint da zu sein: Bereits im September waren viele Interessierte zu einer ersten Infoveranstaltung in den Pferdestall an der Waltroper Straße 140 gekommen. Das zweite Treffen am Sonntag, 18. November, ist bereits ausgebucht. Gerade nimmt Anne Reygers wieder Anmeldungen entgegen, um einen dritten Infoabend anzuberaumen. Wer interessiert ist, kann sich gerne per Mail bei ihr melden. Und sie hofft auf viele Mails - damit es nächstes Jahr im Herbst eine Gründerveranstaltung geben kann. Anne Reygers glaubt fest daran, dass es klappt: „Unser Ziel ist es, im Frühjahr das erste Gemüse zu säen. Dann könnte es schon im April die ersten Radieschen geben.“

Wer sich noch weiter über die SoLaWi von Anne Reygers oder über die „Nachbarn“ in Dortmund und Lüdinghausen informieren möchte, kann sie unter folgenden Adressen erreichen:
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