Als er seinen ersten Laden eröffnet hat, war Dirk Andrä gerade 19. Der Lüner trotzt 32 Jahre später den Streamingdiensten und zeigt, dass Platten, CDs und DVDs durchaus noch gefragt sind.

Lünen

, 20.11.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Zeiten von E-Commerce und Streamingdiensten noch auf Musik von CDs und Vinyl oder auf Film-DVDs setzen und damit auch noch erfolgreich sein - diese Kunst beherrscht Dirk Andrä.

Fünf Geschäfte in Dortmund, Essen, Duisburg, Münster und Köln führt der gebürtige Dortmunder, der seit 2001 in Lünen lebt. Hier bietet er „Second-Hand-Ware unter First-Hand-Bedingungen“ (so sein Motto) an. Das bedeutet unter anderem, dass die Geschäfte einladend gestaltet sind, mit schöner Deko an den Wänden, freundlicher Einrichtung und einer großen Auswahl an gut erhaltenen Tonträgern, Filmen und Konsolen-Games.

Das Lager für seine fünf Läden befindet sich seit 15 Jahren in Lünen und platzt mittlerweile aus allen Nähten. Zudem will Andrä das Internetgeschäft vergrößern, auch dafür braucht er Platz.

Suche nach größeren Lagerräumen in Lünen und Umgebung

„Ich werde ab kommendem Jahr größere Lagerräume in Lünen und Umgebung suchen“, sagt der 51-jährige Chef von 90 Mitarbeitern in Lager, Verwaltung und den Geschäften, davon 30 Vollzeit-, 50 Teilzeit- und 10 Reinigungskräfte. Eigentlich wollte er schon vor drei Jahren nach einem neuen Lager suchen, doch dann eröffnete das bisher neueste Geschäft in Köln.

98 Prozent der Ware bei „andrä Musik Filme Games“ ist aus zweiter Hand. Und wird auch per Internet vertrieben - in die ganze Welt. Dennoch setzt Andrä weiter auf die Geschäfte vor Ort. „Weil die Leute das haptische Gefühl mögen, eine CD ein- und eine LP aufzulegen. Das ist so ähnlich wie mit Büchern, die man auch anfassen möchte.“

Sammler wollen CDs und Platten ins Regal stellen

Dazu komme, dass viele seiner Kunden Sammler seien. „Natürlich kann man Musik streamen, aber wenn dann das Abo beendet ist, ist auch die Musik weg vom Handy oder Computer. Die Sammler wollen auch CDs oder Platten ihrer Lieblingsmusik ins Regal stellen“, weiß der Familienvater.

Andere Sammler wollen sich von ihren Schätzen trennen - und auch da kommt Andrä ins Spiel. „Wir haben in allen Läden einen Bereich für den Ankauf und insgesamt kommen etwa 150 Menschen täglich in alle fünf Läden zusammen, die Medien zum Kauf anbieten.“ Nur Kassetten und VHS-Videos nehme man schon lange nicht mehr an.

Wie Dirk Andrä aus Lünen mit CDs, Platten, DVDs und Games den Streamingdiensten trotzt

CDs in einem Regal bei einem Sammler. Manche Sammlungen - egal ob klein oder riesig - werden Dirk Andrä angeboten. © picture alliance/dpa

Die Gründe, warum Sammlungen verkauft werden, sind vielfältig - Erben können damit nichts anfangen, man braucht Geld, Platzmangel oder ein Paar zieht zusammen und hat viele doppelte Medien, für die es keinen Platz gibt.

Ein Mitarbeiter ist nur damit beschäftigt, durch Deutschland und die benachbarten Länder zu fahren, um dort größere Sammlungen aufzukaufen. „In dieser Woche ist er in Oberhausen, wo uns jemand 7000 CDs und Schallplatten verkauft. Und dann noch nach Belgien, wo wir eine Privatsammlung mit 4000 CDs kaufen.“

90 Prozent der Ankäufe passieren aber in den Läden. „Mancher Kunde will nur einen Film auf DVD verkaufen, andere kommen mit einem ganzen Koffer voller CDs.“ Natürlich wird, bevor der Verkäufer ein Angebot bekommt, geprüft, wie der Zustand ist und auch, ob es überhaupt eine Nachfrage für die angebotenen Titel gibt.

Erster Laden in Dortmund-Barop

Für die Käufer gibt es eine Garantie, dass die Second-Hand-Ware auch ordnungsgemäß funktioniert. „Wir lassen den Datenträger polieren, damit er kratzfrei ist, und tauschen auch die Plastikhüllen aus“, so Andrä. Er versucht einmal in der Woche in jedem der fünf Läden zu sein, auch als Ansprechpartner für seine Mitarbeiter und die Filialleiter.

Dass er einmal so erfolgreich sein würde, ahnte er nicht, als er direkt nach dem Abitur in Dortmund-Barop seinen ersten Laden eröffnete - einen CD-Verleih. „Für eine Mark pro Tag konnte man bei mir die neuesten Hits und Klassiker ausleihen, in einem 40 Quadratmeter kleinen Geschäft.“

Selbst aufgehört zu sammeln, „sonst wäre ich mein bester Kunde“

Nach drei Jahren hatte er fünf Läden in Dortmund, Münster, Hagen, Herten und Witten. Die ersten Mitarbeiter waren Studenten, dann kamen Festangestellte. Langsam startete Andrä mit dem An- und Verkauf von CDs. „Und da hab ich auch selbst aufgehört zu sammeln, sonst wäre ich mein bester Kunde geworden.“

Mitte der 1990er-Jahre gab es dann eine EU-Richtlinie, die den Verleih mehr oder minder unmöglich machte, weil der Rechte-Inhaber entscheiden konnte, ob eine CD gegen Geld verliehen werden durfte.

„Ich hab dann drei der fünf Läden geschlossen und gemerkt, dass es einen Markt für An- und Verkauf der Medien gab.“ In Dortmund und Münster zog er mit seinen Geschäften in die Fußgängerzonen, um auch Laufkundschaft zu haben.

Anfang 2000 nahm Andrä Schallplatten ins Sortiment auf. „Vinyl ist bei Sammlern immer gefragt, und auch junge Leute kaufen wieder Schallplattenspieler.“

Wie Dirk Andrä aus Lünen mit CDs, Platten, DVDs und Games den Streamingdiensten trotzt

Auch immer mehr junge Leute kaufen sich Plattenspieler, so die Erfahrung von Dirk Andrä. Und dann suchen sie in den Läden nach Vinyl-Schätzen. © picture alliance/dpa

Der große Unterschied zum Musikhören mit CD und Platte gegenüber den Streamingdiensten sei, dass man bewusst zuhört. „Gestreamte Titel laufen im Durchschnitt nur 30 Sekunden, bevor der nächste kommt.“

Nach den Platten nahm Andrä auch DVDs und Blue-Rays sowie Konsolenspiele in sein Angebot auf. 2011 eröffnete er einen Laden in Duisburg, 2013 einen in Essen und 2016 das Kölner Geschäft.

250.000 verschiedene Artikel in den Läden

Bei Amazon sind 130.000 seiner Artikel gelistet, in den Läden werden insgesamt 250.000 verschiedene Artikel angeboten und ein Austausch ist jederzeit möglich. „Ich bin fest davon überzeugt, dass der stationäre Handel seine Existenzberechtigung hat. Und wir im Speziellen auch - trotz E-Commerce und Streaming.“

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