Gesamtnote 3,8: Beim Fahrradklimatest hat Selm schlecht abgeschnitten. Das soll sich laut Mario Löhr ändern - zu Gunsten der Radler und des Klimas. Minister Scheuer bahnt dafür den Weg.

Selm

, 13.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mario Löhr macht keinen Hehl daraus, dass er gerne Auto fährt. Und nicht so gerne Fahrrad. Ändern werde sich das vermutlich nicht, sagt er im RN-Sommerinterview. Dafür will er jetzt den Hebel woanders ansetzen. Das könnte Konsequenzen haben - für alle Radlerinnen und Radler der Stadt, aber auch für alle, die mit dem Auto unterwegs sind. Denn was Löhr vorhat, bedeutet nicht weniger als eine Verkehrswende.

Wie die Zukunft aussehen könnte in einem solchen fahrradfreundlichen Selm, lässt sich seit Ende April in Bork beobachten: auf der Waltroper Straße, der ersten Fahrradstraße der Stadt. Zwar nicht über die ganze Trasse, zumindest aber über ein knapp 500 Meter langes Teilstück von der Kreuzung mit der Hauptstraße bis zum Parkplatz gegenüber der Polizeischule (LAFP) zieht sie sich: die Strecke, auf der der Radverkehr Vorrang hat und sich der Autoverkehr als geduldeter Gast unterordnen muss.

Das geteilte Echo auf die neue Fahrradstraße

Viel positive Resonanz habe er für diese Fahrradstraße schon bekommen, sagt Löhr. Er ergänzt, dass ihm da die Meinung der Bürger wichtiger sei als die eines Verbandes. Damit meint er die Selmer Gruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs.

Christian Jänsch, der Sprecher der 82 Mitglieder im Alter zwischen 2 und 81 Jahren zählenden Selmer ADFC-Gruppe, hatte ein ganzes Bündel Verbesserungsvorschläge für die Neuerung: „Warum sind noch die Auto-Parkplätze vor der Äckernschule vorhanden“, fragt er etwa. Die markierten Flächen behinderten deutlich. Er wundert sich auch, warum das Zusatzschild „KFZ-Verkehr frei“ aufgehängt wurde. „Anlieger frei“ wäre besser gewesen. Außerdem wünscht er sich neue Wegweiser an der LAFP-Kreuzung mit Hinweis auf die Fahrradstraße und eine Änderung der Ampelschaltung. „Zurzeit wird der gesamte KFZ-Verkehr mit viel zu langer Grünphase zur Ortsmitte über die Waltroper Straße geführt“, ärgert sich Jänsch.

Fahrradfreundlich? Wie Bürgermeister Löhr Selm doch noch zur Fahrradstadt machen will

Wissen alle Verkehrsteilnehmer, was dieses Zeichen bedeutet? © Sylvia vom Hofe

Nicht nur die Fahrradstraße, sondern den Selmer Radverkehr insgesamt sieht der ADFC Selm kritisch. Das zeigt sich auch im bundesweiten Fahrradklimatest des Verbandes. Dort kommt Selm Ende April mit der Gesamtnote 3,8 nur auf Platz 128 unter den 311 Städten mit vergleichbarer Größenordnung: eine deutliche Verschlechterung. Dass es Verbesserungsbedarf gibt, will Löhr gar nicht in Abrede stellen. Dass er die Kritik der Selmer Fahrrad-Lobbyisten mitunter überzogen findet, auch nicht. Um das neue Ziel - „fahrradfreundliches Selm“ - zu erreichen, werde die Stadt durchaus mit dem Fachverband ADFC zusammenarbeiten: „Aber mit dem Landesverband“, so Löhr.

Verkehrsminister Scheuer hat den Vorstoß gemacht

Das sei nicht nur dem Dauerärger mit dem Ortsverband geschuldet, sondern auch der Größe der Aufgabe. Was Selm umsetzen will, hat der Bundesverkehrsminister schließlich erst vor Wochen entwickelt. Andreas Scheuer (CSU), der auch eher als Autofreund gilt, hatte Mitte Juni angekündigt, die Straßenverkehrsordnung in vielen Punkten ändern zu wollen. Das Ziel: Radfahrern mehr Rechte einräumen - zum Beispiel in Fahrradzonen, die es möglichst bald in Selm geben soll. „Mir ist es immer lieb, bei so einer neuen Entwicklung vorne dabei zu sein“, so Löhr.

Anlass dafür gibt es genug: Regelmäßig meldeten sich Anlieger in der Stadtverwaltung, die darauf hinweisen, dass Autos in ihrem Wohngebiet zu schnell führen: oft Eltern, die sich um ihre dort radelnden Kinder sorgen. „Wir sollen da als Stadt dann Geschwindigkeitskontrollen durchführen“, so Löhr. „Das können wir aber einfach nicht leisten. Und die Polizei kann das auch nicht.“ Ein Grund mehr, Verkehr neu zu denken.

So wie es jetzt Verkehrsminister Andreas Scheuer getan hat. Er will Radfahrern deutlich mehr Rechte einräumen im Straßenverkehr. Eine seiner Ideen neben Halteverbot auf Radstreifen, Überhol-Abstand für Autos (1,50 Meter innerorts, 2 Meter außerorts) oder dem grünen Ampel-Pfeil für Radler: die Einrichtung von Fahrradzonen, die sich ebenso in deutschen Städten etablieren sollen wie Tempo-30-Zonen. Die Regeln seien so wie die auf den seit 1997 in der Straßenverkehrsordnung eingeführten Fahrradstraßen. Das ist schon eine lange Zeit.

„Viele kennen die Regeln aber immer noch nicht“, meint Jänsch. Dürfen Fahrräder etwa nebeneinander fahren? Ja, allerdings gilt weiter das Rechtsfahrgebot! Dürfen Autos sie überholen? Ja, wenn sie können. 1,50 Meter Abstand müssen sie dabei einhalten.

Der Vorrang der Radfahrer, der im Moment noch die Ausnahme von der Regel ist, soll mehr und mehr zum Regelfall werden. Damit, glaubt Löhr, werde das Radfahren sicherer und attraktiver. „Und dadurch, dass mehrere Leute ihr Auto zugunsten des Zweirads stehen ließen, würde das auch dem Klima helfen.

In Cappenberg geht es los mit den Fahrradzonen

Im Cappenberg will Löhr mit der Umsetzung beginnen - „in Absprache mit den Bürgerinnen und Bürgern“, wie er sagt. Gleich mehrere Fahrradzonen seien dort möglich. Für den Sandforter Weg und verschiedene Wohngebiete könne er sich das aber auch gut vorstellen.

Christian Jänsch vom ADFC kann sich ebenfalls alles gut vorstellen, das dem Radverkehr nützt. „Nur, warum man uns nicht fragt, die wir uns mit dem Radverkehr vor Ort am besten auskennen“, das verstehe er nicht. Vor drei Jahren habe er noch der Stadtverwaltung das Angebot gemacht, in mehreren Arbeitsgruppen mit ihr an dem gemeinsamen Ziel zu arbeiten: die Schaffung einer fahrradfreundlichen Stadt.

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