Bußmanns haben es sich ja so ausgesucht, könnte man sagen. Seit 24 Jahren wohnen sie in Stockum neben der Autobahn – einer permanenten Geräuschkulisse. Wegziehen wollen sie nicht.

Stockum

, 20.11.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist einer dieser diesigen Tage. Manche Leute ärgern sich darüber, dass sich ihre Haare kräuseln. Martina Bußmann ärgert sich nicht über ihre Haare, sondern darüber, dass die feuchte Luft „den Lärm noch mal mehr trägt“.

Vielleicht würden Menschen, die mitten „im Pott anne A40“ wohnen, an dieser Stelle nur müde lächeln. Im Ruhrgebiet schreien sich die Autobahnen gegenseitig an – „ich bin noch lauter als du!“. Im vergleichsweise ruhigen Werne muss die A1, die Werne und Stockum wie eine Grenze voneinander trennt, gegen keine andere Bahn anschreien. Aber sie brüllt trotzdem. Und Familie Bußmann wohnt direkt nebenan.

„Das ist die Idylle im Lärm“

Das Geräusch – es ist ein permanentes – wird leiser, als Martina Bußmann (53) die Terrassentür schließt. Komplett verschwinden tut’s hinter den 20 Jahre alten Fenstern nicht. Vielleicht würde eine Dreifachverglasung helfen, geplant sind neue Fenster derzeit aber nicht. „Das ist die Idylle im Lärm“, kommentiert Bußmann, als sie sich an den Esstisch setzt. Das Haus im Grünen, nicht mehr Werne, sondern schon Stockum; genug Platz für die ganze Familie und den Hund; nicht bloß nett, sondern schon schick. Und das wissen die Bußmanns auch.

Meckern wollen sie nicht, haben sie es sich damals – 1994 – doch so ausgesucht, als sie das Familiengrundstück übernahmen und das Haus einmal komplett umbauten. „Ich war Ende 20, da hat die Freude über ein Eigenheim überwogen“, erzählt Martina Bußmann und strahlt. Während des gesamten Gesprächs ist der Pegel ein beständiger, zwischendurch schaut sie in den Garten. All das Grün kann den Lärm zwar aufwiegen auf der Zufriedenheitswaage, komplett ausmerzen kann es ihn aber nicht.

Permanent mehr als 60 Dezibel im Garten

Das Landes-Umweltministerium in Düsseldorf erstellt für viele Städte und Gemeinden Lärmkarten. Auch Werne gehört zu den untersuchten Städten. Das Ergebnis, das im Internet eingesehen werden kann, ist Jahr für Jahr wenig überraschend: Die A1, die an Werne vorbeiführt, ist ein notorischer Krachmacher. Grafisch zeigt die farbige Karte des Umweltministeriums, wie sich der Schall ausbreitet. Demnach ist Werne von der Autobahn kaum betroffen, wohl aber sind es Stockum und Bergkamen-Rünthe.

Werne ist in großen Teilen ein Ort der Ruhe – und dann gibt es die, die an der A1 wohnen

Die A1, die an Werne vorbeiführt, ist ein notorischer Krachmacher. © Vanessa Trinkwald

Im Garten der Bußmanns zeigt die Dezibel-App permanent mehr als 60 Dezibel (dB/A) an. Manchmal schlägt sie aus und landet bei 75. 60 dB/A entsprechen einem Gespräch mit einem Menschen, der einen Meter entfernt steht. Dabei handelt es sich um ein ständiges Hintergrundgeräusch, das nachgewiesen bis in die Wohnungen eindringen kann.

In großen Teilen der Stadt herrscht „echte Ruhe“

Auf der westlichen Seite der Autobahn ist in Richtung Werne die Brachtstraße vom Lärm der A1 betroffen. Darüber hinaus sind es Kamener Straße, Hansaring und Stockumer Straße, die in der Karte des Umweltministeriums markiert sind; weiter westlich Penningrode, Ovelgönne und Selmer Landstraße. Alles zusammen genommen herrscht in großen Teilen der Stadt aber „echte Ruhe“.

„Echte Ruhe“ genießen die Bußmanns nur, wenn sie im Urlaub sind. Wenn andere Leute im Sommer bis spät abends auf der Terrasse sitzen, „gehen wir auch schon mal rein“. Wobei es bei gutem Wetter ein wenig leiser sei – und auch bei Ostwind, der den Lärm dann Richtung Werne trägt. Martina Bußmann schaut noch einmal in den Garten: Der Tag heute ist quasi das Paradebeispiel des Problems: windstill, schlechtes Wetter, feuchte Luft.

Das menschliche Gehör arbeitet durchgehend

Und? Gestresst? „Ich würde nicht sagen, dass ich gestresst bin“, sagt die 53-Jährige. „Sagen wir es so: Wenn die Autobahn nicht da wäre, wäre ‚es‘ entspannter.“ Ihr Mann Josef sieht das ähnlich: „Manchmal geht’s mir aber schon auf die Nerven“, sagt der 55-Jährige. Irgendwie sei ja auch alles eine Frage der Einstellung. Und Folgeschäden? Na ja, schwer zu sagen.

Fest steht: Das menschliche Gehör arbeitet durchgehend. Mehr als 15.000 Ohrzellen fangen jede Schallwelle eines Tons ab, verarbeiten diese und schicken sie ans Gehirn. Dadurch, dass das Ohr stets wach ist, gelangt Lärm auch unbewusst in den Körper – selbst im Schlaf. Das kann Stresshormone auslösen, die den Blutdruck erhöhen und für Schlafstörungen sorgen. Eine mögliche Folge: Kreislauf- und Herzerkrankungen.

„Ich bin nicht gegen den A1-Ausbau“

Umziehen wollen die Bußmanns deswegen nicht. Das Haus habe ja auch einen familiären, ideellen Wert. Josef Bußmann hingegen – und das kommt fast überraschend – wartet auf den sechsspurigen Ausbau der A1. „Ich bin nicht gegen den Ausbau, der hat ja mit dem Lärm an sich nichts zu tun“, sagt er, während die Lkw hundert Meter weiter auf der Autobahn vorbeirasen und die bunten Planen ihrer Anhänger kurz im Gebüsch aufblitzen. „Ich hoffe nur, dass der angekündigte Flüsterasphalt kommt.“

Laut Roland Krumm, Projektleiter für den A1-Ausbau bei der Niederlassung Münsterland des Landesbetriebs in Coesfeld, ist der lärmmindernde Asphalt fest eingeplant. Er soll den Lärm „halbieren“. „Das merken Sie als Anwohner, das merken Sie aber auch als Autofahrer, wenn Sie schon einmal über lärmmindernden Asphalt gefahren sind“, sagt Krumm.

Nächste Schritte in der ersten Jahreshälfte 2019

In der ersten Jahreshälfte 2019 will der Landesbetrieb Straßen NRW die nötigen Planunterlagen einreichen, um damit die Planfeststellung bei der Bezirksregierung Arnsberg zu beantragen. Je nach Anzahl der Einwände im Rahmen der öffentlichen Beteiligung ist mit dem Baubeginn auf dem Teilstück zwischen Kamener Kreuz und Hamm-Bockum/Werne – Stand jetzt – wohl nicht vor 2021 zu rechnen.

Und wer weiß: Vielleicht haben die Bußmanns bis dahin auch die Dreifachverglasung im Erdgeschoss.

Der sechsspurige A1-Ausbau rund um Werne:
  • NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst hat Anfang 2018 den Entwicklungsplan für die Fernstraßen in NRW vorgestellt. Der gilt auch für die drei A1-Abschnitte rund um Werne, die in den nächsten Jahren sechsspurig werden sollen:
  • Kamener Kreuz bis Anschlussstelle Hamm-Bockum/Werne: 10,4 Kilometer, 77.299 Fahrzeuge pro Tag (Stand 2015), 89.171 Fahrzeuge bis 2030 (Prognose);
  • Hamm-Bockum/Werne bis Ascheberg: 11,4 Kilometer, 57.265 Fahrzeuge pro Tag (Stand 2015), 70.065 Fahrzeuge bis 2030 (Prognose);
  • Ascheberg bis Kanalbrücke Münster-Süd: 9,5 Kilometer; 63.008 Fahrzeuge pro Tag (Stand 2015), 72.750 Fahrzeuge bis 2030 (Prognose).
  • Alle drei Abschnitte sind der höchsten Kategorie zugeordnet. Heißt: vordringlicher Bedarf. Damit hat das NRW-Ministerium bewertet, welche Projekte in den nächsten Jahren Priorität haben.
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