In Werne lässt es sich gut leben – so könnte man das Ergebnis unseres Ortsteil-Checks zusammenfassen. Aber nicht alles ist schön. Erst recht nicht, wenn es um Familien und Jugendliche geht.

Werne

, 21.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Mit der Lebensqualität in ihrem „Ortsteil“ sind die Werner weitestgehend zufrieden. Das hat unsere Umfrage mit 517 Teilnehmern gezeigt. 8 von 10 möglichen Punkten erreichte Werne (ohne Stockum) in dieser Kategorie.

Was jedoch auch deutlich wird: Zwischen besagten Kategorien gibt es teils große Unterschiede. Während etwa das Angebot für Senioren – im Sportjargon formuliert – mit 9 Punkten an der Tabellenspitze rangiert und das Angebot für Familien mit 6 Punkten immerhin noch einen Platz im Mittelfeld belegt, ist das Angebot für Jugendliche mit 4 Punkten eher kurz vor der Abstiegszone platziert. Aber woran liegt das?

Sportangebot für Familien ist überschaubar

„Werne ist einfach keine familienfreundliche Stadt“, sagt Anika Hilsmann (39), während sie ihre beiden kleinen Töchter Hannah (l.) und Sophie in den Armen hält. Die beiden Dreijährigen sind Zwillinge – und obwohl sie noch klein sind, durchaus sportlich unterwegs.

Einmal pro Woche, immer montags, geht es für die beiden zum Flohzirkus in die Familienbildungsstätte (Fabi). Dort steht Turnen auf dem Programm. Eigentlich eine gute Sache. Und doch ist Hilsmann weit davon entfernt, rundum zufrieden zu sein. Es gebe nämlich kaum Alternativen, sagt sie: „Höchstens noch einen Kurs beim TV Werne. Ansonsten ist das Angebot für Familien wirklich rar. Und zwar nicht nur das Sportangebot.“

Werne: Perfekt für Senioren – aber nur Mittelmaß für Jugendliche und Familien

Das Angebot an Eltern-Kind-Sportkursen ist in Werne überschaubar. Das liegt auch an den begrenzten Raumkapazitäten. © Andrea Wellerdiek

Für mehr Eltern-Baby-Kurse fehlt das Personal

Fabi-Leiterin Monika Wesberg bestätigt auf Nachfrage unserer Redaktion eine große Nachfrage insbesondere im Eltern-Baby-Bereich. „Da gibt es auch schon Wartelisten. Und wir könnten mehr anbieten – wenn wir denn mehr Kursleiterinnen hätten“, sagt Wesberg.

Beim Eltern-Kind-Turnen mit Kindern bis 3 Jahren fehlten schlichtweg die Raumkapazitäten. In der Fabi selbst gebe es lediglich einen kleinen Gymnastikraum, der dafür nicht ausreiche. Für Kurse wie den Flohzirkus sei man auf Sporthallen angewiesen. „Aber die sind gerade an den Nachmittagen natürlich begehrt bei den Vereinen“, so Wesberg weiter.

In Sachen Familienarbeit fungiert die Fabi letztlich als Kooperationspartner der Stadt. Das städtische Familiennetz dient als zentrale Anlaufstelle für Fragen rund um das Thema Familie – etwa zu Betreuungsmöglichkeiten sowie Bildungs-, Freizeit- und Sportangeboten. Im Hinblick auf das Kapazitätsproblem bei den Turnhallen sitzt die Stadt allerdings im selben Boot wie die Fabi.

Werne: Perfekt für Senioren – aber nur Mittelmaß für Jugendliche und Familien

Der Spielplatz an der Saline ist einer von fast 50 Spiel- und Bolzplätzen in Werne. Um alle in perfektem Zustand zu halten, fehlt der Stadt das Geld. © Felix Püschner

Für bessere Spielplätze fehlt der Stadt das Geld

Die Stadt mache auch keineswegs alles schlecht, sagt Anika Hilsmann. Doch neben positiven Dingen wie dem Familienpaten-Programm sieht die 39-Jährige eben noch viele ausbaufähige Aspekte – angefangen bei den Spielplätzen.

Da gebe es zwar einige schöne, aber manche könnten eben auch besser gepflegt werden. Und wenn an einem Spielplatz wie dem am Gradierwerk eine defekte Wippe nach vielen Monaten immer noch nicht erneuert worden sei, dann sei das nun mal alles andere als familienfreundlich.

Laut Angaben der Stadt gibt es in Werne 47 Spiel- und Bolzplätze. Und die würden auch regelmäßig überprüft. Bei der letzten Hauptinspektion der Spielstätten durch den Baubetriebshof im vergangenen Jahr wurden an den Spielplätzen insgesamt 51 Mängel festgestellt – mitunter an den allmählich in die Jahre gekommenen hölzernen Turmkombinationen. Die Anschaffung neuer Türme sei zu teuer, hieß es damals. Reparaturen müssten genügen.

Das wird positiv in Werne bewertet:

Das Angebot für Senioren:

Werne – ein Paradies für die Alten. Das könnte man etwas überspitzt angesichts von 9 von 10 möglichen Punkten durchaus so formulieren. Die Zahl derjenigen Umfrageteilnehmer, die wirklich etwas Negatives zum Seniorenangebot zu sagen haben, lässt sich an einer Hand abzählen. Die meisten sind mehr als zufrieden.

Das freut nicht zuletzt Jochen Höinghaus von der Koordinierungsstelle für bürgerschaftliches Engagement, Senioren- und Behindertenarbeit (BEN). „Das freut mich total. Wir haben in unserer Stadt viele Menschen über 60 Jahre. Da gibt es natürlich eine gewisse Erwartungshaltung. Und wir können sicherlich an der ein oder anderen Stelle noch etwas mehr tun.“

Werne: Perfekt für Senioren – aber nur Mittelmaß für Jugendliche und Familien

Kaffee im Kino – gibt‘s in Werne zwar nicht nur für Senioren. Allerdings haben die mit dem „Seniorenkino“ sogar eine eigene besondere Veranstaltung. © Helga Felgenträger

Ein transparentes Veranstaltungsmanagement sei dabei besonders wichtig. Die Arbeit von Seniorenvertretung und Pflegebeirat, Angebote wie das neue ZWAR-Netzwerk sowie Freizeitwerte wie das bald eröffnende neue Solebad und die Saline spielten ebenfalls eine wichtige Rolle.

Zudem sei Werne eine Stadt der kurzen Wege. „Wir sind aber keine reine Seniorenstadt. Die Stadt macht auch das Miteinander der Generationen aus.“ Das fange bei ehrenamtlichen Lesepaten an und reiche bis zu Projekten wie „Gemeinsam Wohnen an den Linden“.

Die Lebensqualität:

Der Blick auf die nackten Zahlen lässt Werne in dieser Kategorie in einem guten Licht erscheinen. 8 von 10 Punkten sind ein klares Statement. Viele loben das „liebenswerte Kleinstadt-Feeling“. Naturgemäß wird das allerdings immer in Verbindung mit Einschränkungen genannt – etwa zu wenig Angebote für Familien und Jugendliche, (vereinzelt) schlechte Radwege, fehlende Einkaufsmöglichkeiten oder Ladenleerstände.

Werne: Perfekt für Senioren – aber nur Mittelmaß für Jugendliche und Familien

Über das Radwegenetz in Werne wird viel diskutiert – nicht nur über die Situation am Busbahnhof. © Helga Felgenträger

Radfahren:

Auch hier vergeben die Werner 8 von 10 Punkten. Ebenfalls stark. Dennoch gibt es Kritiker. „Das Radwegenetz und der Zustand samt Sicherheit der Radwege sind eine Katastrophe“, schreibt ein Umfrageteilnehmer. Und mit dieser Meinung steht er nicht alleine da.

Auch Winfried Hoch, Sprecher der ADFC-Ortsgruppe Werne, sieht noch Nachholbedarf, wenn es um die Sicherheit einiger Radwege oder die Anbindung an regionale Radnetze wie etwa die Römer-Lippe-Route geht. „An der Penningrode gibt es eine Anhäufung von Schlaglöchern, andere Radwege sind zu eng gedacht oder mit Pflanzen zugewachsen“, sagt Hoch.

Das wird negativ in Werne bewertet:

Das Angebot für Jugendliche:

Das Tabellenschlusslicht mit 4 Punkten hat mit Abstand die meisten Kommentare erhalten. Und die sind deutlich. „Die Stadt ist überfüllt mit Altenheimen. Und was ist mit der Jugend?“ heißt es dort unter anderem.

Viele Umfrageteilnehmer bemängeln das „bescheidene Angebot“ für Jugendliche. „Nur ein Jugendheim in der City. Keine Treffpunktmöglichkeiten für junge Leute im Freien. Keine Diskothek und vieles mehr“, schreibt einer der Befragten.

Laut Alexander Ruhe, Dezernent für Jugend, Familie und Bildung, hat die Stadt das Angebot für Jugendliche aktuell stark im Blick: „Selbst wenn es nur 50 unzufriedene Jugendliche gibt, müssen wir uns damit auseinandersetzen.“

Schließlich sei man auch gesetzlich verpflichtet, einen Jugendhilfeplan aufzustellen. In diesem Zusammenhang analysiere die Stadt derzeit den Ist-Zustand und wolle in einem nächsten Schritt mit wichtigen Partnern wie dem Stadtjugendring, den freien Trägern und dem LWL ein umfassendes Strategiekonzept entwickeln.

Werne: Perfekt für Senioren – aber nur Mittelmaß für Jugendliche und Familien

Das Jugendzentrum Juwel an der Bahnhofstraße wird laut Angaben der Stadt gut besucht. Es ist allerdings auch das einzige Jugendzentrum. © Felix Püschner

Weitere Treffpunkte für Jugendliche seien bereits Thema gewesen, genauso wie Digitalisierung und Inklusion. Konzepte wie die für eine modernere Bücherei und das Stadtmuseum sollen nicht das Ende der Fahnenstange sein. „Es stimmt schon, dass wir bei einigen Maßnahmen etwas machen müssen. Allerdings müssen wir auch beachten, was in eine Stadt mit 30.000 Einwohnern überhaupt möglich ist“, so Ruhe.

URSPRÜNGE WERNES UND DER BAU VON KLOSTER UND KIRCHE

Werne: Perfekt für Senioren – aber nur Mittelmaß für Jugendliche und Familien

Das Kloster wurde in Werne von 1671 bis 1673 gebaut und ist seitdem ein markanter Ort in Werne. Diese Ansicht zeigt das Kloster 1916 vom Schüttenwall aus. © Archiv

  • Der erste Bischof von Münster ließ um 800 eine Kapelle in Werne erbauen und gründet die erste Pfarrgemeinde.
  • Das geschah im Auftrag von Karl dem Großen.
  • Ein paar Jahre später, im Jahr 834, wurde Werne erstmals in einer lateinischen Urkunde erwähnt.
  • 1659 zogen die Kapuziner in Werne ein und bauten 1671 bis 1673 das Kloster sowie 1677 bis 681 die Kirche.
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