Wer hat Vorfahrt im Kreisel? Neue Schilder am Borker Kreisel bringen Klarheit und Ärger

dzKreisel Bork

„Unzufriedenstellend“ war noch die netteste Bezeichnung, die Christian Jänsch vom Fahrradclub ADFC benutzte, wenn er vom Borker Kreisel sprach. Seit Freitag ist die Rede von „Provokation“.

Bork

, 16.10.2018, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Erst freut sich Christian Jänsch und tritt kräftig in die Pedalen, als er am Freitag das orange-farbene Auto des Landesbetriebs Straßen NRW in Richtung Kreisel Bork fahren sieht. Kaum trifft der Sprecher der Selmer Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs dort ebenfalls ein, wandelt sich die Freude aber schnell in Ärger. Denn die Straßenwächter stellen dort Schilder auf, die ihm gar nicht gefallen.

Mit durchgezogener Radfurt, mit Zebrastreifen, mit Vorfahrt-achten-Schilder für Radler: „Auf dem Selmer Stadtgebiet gibt es inzwischen drei Kreiseltypen mit jeweils unterschiedlichen Verkehrsführungen“, sagt Jänsch. Das mache die Sache unübersichtlich. Warum die Verkehrsplaner welche Version gerade gewählt haben, sei „mit normalem Menschenverstand nicht nachvollziehbar“. Das gelte im Besonderen auch für den Borker Kreisel: schon vor der Beschilderung am Freitag „und erst recht danach“.

„Darüber müssen sie unbedingt berichten“

Der Verkehrsplatz, der die Bundesstraße 236 (Kreisstraße) mit der Netteberger Straße und der Hauptstraße verbindet, ist nicht nur ein Ärgernis für Fahrrad-Lobbyisten wie Jänsch. „Darüber müssen sie unbedingt berichten“, sagt Wolfgang Sopp im Gespräch mit der Redaktion. Zwei- bis dreimal in der Woche fahre er mit dem Fahrrad zum neuen Einkaufszentrum mit Lidl, Rossmann und Hosselmann: direkt am Kreisverkehr zwischen den Abzweigen Netteberger Straße und Kreisstraße. Jedes Mal beobachte er Unsicherheiten der Verkehrsteilnehmer und Beinahe-Unfälle. „Keiner weiß, wie man sich da richtig verhält“, steht für Sopp fest. Selbst die Kreispolizeibehörde kam in der Vergangenheit zu unterschiedlichen Einschätzungen, wie Anfragen der Redaktion ergaben. Die am Freitag aufgestellten Schilder haben das geändert. Jetzt herrscht Eindeutigkeit- und trotzdem Verwirrung.

Wer hat Vorfahrt im Kreisel? Neue Schilder am Borker Kreisel bringen Klarheit und Ärger

Der Kreisverkehr in Bork: Nicht nur Wolfgang Sopp fühlt sich unsicher, wenn er dort unterwegs ist. FOTO vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Die Straßenwärter haben am Freitag sechs nagelneue Vorfahrt-Achten-Schilder für Radfahrer aufgestellt: Mal hängen die auf den Kopf gestellten rot umrandeten Dreiecke in 2,50 Meter Höhe weit über den Köpfen jedes Radlers, mal direkt in seiner Sichthöhe, in jedem Fall ist die Botschaft die selbe: Der Verkehr im Kreisel ist bevorrechtigt. Das zementiert die bisherige Situation - zumindest so, wie der ADFC sie gesehen und kritisiert hat, obwohl mit dem neuen Einzelhandelszentrum ein echter Publikumsmagnet entstanden sei, herrsche noch immer eine Verkehrsregelung wie zu Zeiten, als der Kreisverkehr noch mitten zwischen Äckern außerhalb der Ortschaft lag, sagt Jänsch: Um den Verkehr auf der Bundesstraße nicht zu behindern, würden die schwächsten Verkehrsteilnehmer zusätzlich geschwächt.

Das rät der ADAC

Der Regelfall ist, dass Fußgänger und Radfahrer, die die Zufahrt eines Kreisverkehrs queren, Vorrang haben vor Autos, die in oder aus dem Kreisel fahren, wie der ADAC mitteilt. „Auf Radwegen haben Radfahrer Vorrang vor ein- und ausfahrenden Fahrzeugen.“ Allerdings: Die Radwegemarkierung auf der Fahrbahn endet jeweils vor dem Borker Kreisel und beginnt erst wieder danach. Für Jänsch war daher schon immer klar: „Hier müssen wir absteigen“ - auch wenn das Gros der Autofahrer dann irritiert guckte. Solche Blicke werde es auch weiterhin geben, ist Jänsch sicher.

Das sagt der Fahrlehrer

Nicht nur auf Seiten der Autofahrer, wie Hans Peter Straub von der Fahrschule Bidar vermutet. „Ich sage meinen Schülern immer, sie müssen extrem vorsichtig im Kreisel sein.“ Wenn sie sich darauf verließen, dass die Radler schon in diesem Fall Vorfahrt achten, seien Unfälle vorprogrammiert, „und als Autofahrer trägt man dann immer eine Mitschuld, weil man gegen Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung verstoßen hat: ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht üben.“ Gar nicht so leicht, wenn die Übersicht fehlt. Denn dass es bei immer mehr Kreiseln in der Region keine einheitliche Regelung gebe, sei „schon unglücklich“.

„Unsicherheiten und Konflikte“

Das findet auch der ADAC: Diese unterschiedlichen Vorrangregelungen für Fußgänger und Radfahrer führen in der Praxis immer wieder zu Unsicherheiten und Konflikten“, heißt es in der 2014 herausgegebenen Infobroschüre „ADAC: Verkehrsexperten informieren: der Kreisverkehr“. Daher empfiehlt der Automobilclub, „innerorts grundsätzlich an allen Zu- und Ausfahrten Fußgängerüberwege (Zebrastreifen) anzulegen“ - so wie am neuen Kreisel Kreisstraße (Buddenbergstraße in Selm. Solche Zebrastreifen sind allerdings Fußgängern vorbehalten und Radfahrern, die schieben. Und wohin mit den fahrenden Radlern? Für sie sind zumeist parallel zu den Zebrastreifen rote Radfurten angelegt, wie es sich Jänsch gewünscht hätte. Oder sie werden zusammem mit den Autos in den Kreisel geschickt - eine Variante, die auch auf dem Borker Kreisel zu finden ist, zumindest auf einem von vier Zweigen.

Warum ein Abzweig keine Schilder bekommen hat

Wer von Richtung Amtshaus kommt, hat keinen Radweg zur Verfügung und muss daher in den Kreisel einfahren. Deshalb hat das Team des Landesbetriebs auch nur sechs und nicht acht Vorfahrt-Achten-Schilder für Radler aufgestellt. „Zwei unterschiedliche Regelungen an einem Kreisel und keine wirklich befriedigend. Jänsch schüttelt den Kopf „Mitten im Fahrradklima-Test ist das eine echte Provokation“ meint er. Alle zwei Jahre ruft der ADFC Bürgerinnen und Bürger auf, zu bewerten, wie das Radfahren in ihrer Stadt ist. Noch bis zum 30. November bestehe Gelegenheit dazu, auf www.fahrradklima-test.de. mitzumachen. „Da zählt jede Stimme, sonst wird sich nie etwas verbessern“ meint Jänsch.

Malte Woesmann, Sprecher der Stadt Selm, weist indes den Vorwurf weit von sich, mit den neuen Schildern Fahrradfahrer ärgern zu wollen. Die Stadt sei gar nicht zuständig. Straßen.NRW habe sie aufgebaut. „Stimmt“ sagt Frank Hoffmann vom Landesbetrieb, allerdings auf Veranlassung der Stadt. Näheres konnten beide Behörden am Montag nicht feststellen, da die jeweiligen verantwortlichen Mitarbeiter in Herbstferien sind.

So kommentiert Sylvia vom Hofe das Thema: „Bedenke gut, was du dir wünschst, es könnte wahr werden“, heißt es. So ist es den Radfahrern gegangen, die sich am Borker Kreisel eine eindeutige Verkehrsregelung gewünscht haben. Die ist jetzt da: Autos haben Vorrang – das kennen Radler schon. Doch ob man sie nun mag oder nicht: Entscheidend ist es, dass es jetzt überhaupt eine für alle lesbare Regelung gibt, an die man sich auch zu halten hat. Warum die im Kreisel zwei Kilometer weiter schon wieder ganz anders aussieht, wird das Geheimnis der Stadt bleiben. Sich hinter den Anweisungen des Landesbetriebs zu verstecken, bringt da wenig. Orientierungslosigkeit ist denkbar schlecht im Straßenverkehr. Höchste Zeit für ein Mobilitätskonzept aus einem Guss mit allen Akteuren. Der ADFC würde sich für Selm bestimmt als Partner besser machen denn als Kritiker.
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