Wenn‘s auf der Autobahn kracht, geht auf Lünens Straßen meist nichts mehr

dzStau in Lünen

„Ach, deswegen kam ich nicht voran.“ Wenn es auf der Autobahn nicht mehr vorwärts geht, führen viele Umleitungen durch Lünen. Die Stadt sagt, sie könne daran nichts ändern. Das stimmt nicht.

Lünen

, 15.10.2018, 18:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die A2 Anfang Oktober: ein Wohnmobil fährt am Stauende auf einen Lkw. Ein schrecklicher Unfall, eine Frau verliert dabei ihr Leben. Die Autobahn ist für die Bergungs- und Rettungsarbeiten im Anschluss stundenlang gesperrt. Es kommt zu kilometerlangen Staus. Auf der Autobahn, und auf den Umleitungsstrecken. Also auch in Lünen.

Ein solcher Unfall ist kein Einzelfall, im Gegenteil: die Zahl der Unfälle auf den Autobahnen, für die die Dortmunder Polizei zuständig ist, nimmt zu. 2017 hat es 1114 Unfälle gegeben, bei denen Menschen teilweise schwer verletzt worden sind. 2013 waren es noch 862. Die Folgen für die direkt Beteiligten sind unterschiedlich. Eine Folge aber ist immer gleich: Staut es sich auf der Bahn, geht über kurz oder lang auch auf den Straßen in Lünen selbst nichts mehr.

„Ach, deswegen kam ich nicht durch“, schreibt deshalb auch eine Facebook-Nutzerin, als wir Anfang Oktober über den Unfall auf der A2 berichten. Dass in Lünen das Chaos ausbricht, wenn es auf der Autobahn staut, ist für die meisten Lüner keine Überraschung mehr. Auch nicht für die Verwaltung. Auf Anfrage heißt es dort: „Der Stadtverwaltung Lünen ist bewusst, dass bei Sperrungen der A2 eine sehr problematische Verkehrssituation in Lünen auftritt.“ Ein solches Problem, heißt es weiter, hätten aber alle Kommunen in der Nähe von Autobahnen.

140.000 Tonnen Stahl

Direkt an Lünen vorbei führt die Autobahn 2, Hannover bis Oberhausen. Auf Höhe Waltrop hat das Bundesamt für Straßenwesen zuletzt 2016 eine Verkehrszählung durchgeführt. Das Ergebnis: Pro Richtung rund 45.000 Fahrzeuge am Tag, insgesamt also etwa 90.000. Konservativ gerechnet rollen sich also rund 140.000 Tonnen Stahl an Lünen vorbei. Jeden Tag. Bis es mal kracht. Logisch, dass es dann in Lünen voll wird.

Wieso aber fahren dann viele durch Lünen? Weil einige der offiziellen Umleitungen des Landesbetriebs Straßen.NRW hier entlang führen:

Wenn‘s auf der Autobahn kracht, geht auf Lünens Straßen meist nichts mehr

Die Umleitungen, die durch Lünen führen. © Quelle Straßen NRW

Die Karte zeigt: Eine Umleitungsstrecke kommt auch aus Richtung A1. Nicht nur die A2 ist am Lüner Verkehrs-Dilemma schuld.

Wer sich nicht nach den stationären Schildern orientiert, sondern ein Navigationsgerät nutzt, folgt meist dessen Anleitung. Die Navis verlassen sich längst nicht mehr nur auf die offiziellen Stau-Meldungen und Umleitungsempfehlungen. TomTom ist einer der führenden Anbieter am Markt. Aus der Pressestelle heißt es: Die Informationen zur Berechnung der schnellsten Route „stammen aus verschiedenen Datenquellen, darunter anonyme Messungen von GPS-Navigationsgeräten und Handysignalen, Sensordaten von Behörden und journalistischen Daten über Störungen“.

Umleitungen nicht in Stein gemeißelt

Heißt: Staut es sich auf der Autobahn und dann auch in Lünen, sollten die moderne Navigationsgeräte eigentlich andere Wege ausfindig machen. Oder den Autofahrern raten, einfach auf der Autobahn stehen zu bleiben. Dennoch: Viele wählen ganz offenbar den Weg durch die Stadt. Dagegen lässt sich als Kommune wohl nichts machen. Aber zumindest gegen die offiziellen Umleitungsschilder vielleicht? Nein, sagt Benedikt Spangardt, Sprecher der Stadt: „Diese Beschilderung ist vom Land NRW so vorgesehen und von der Stadt Lünen nicht beeinflussbar. Die zuständige Behörde - das ist in diesem Fall Straßen NRW - legt die Bedarfsumleitungen fest.“

Schwerlastverkehr

Die Sache mit dem Durchfahrtverbot

Wenn‘s auf der Autobahn kracht, geht auf Lünens Straßen meist nichts mehr

Lkw auf dem Weg durch die Stadt. © Fröhling

Eine Sache hat die Verwaltung schon angestoßen, ein Durchfahrtverbot für Lkw war im Gespräch. Genau genommen hatte Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns dieses Durchfahrtverbot gefordert. Eine Verkehrszählung, die kürzlich vorgestellt wurde, lieferte allerdings keine Hinweise darauf, dass zu viele Lkw durch Lünen rollen. Es gebe keinen Handlungsbedarf, hieß es. Kleine-Frauns will dennoch an den Lüner Autobahn-Abfahrten Verbotsschilder für den Lkw-Durchgangsverkehr aufstellen lassen.

Das stimmt so nicht, sagt Markus Miglietti, Sprecher der Autobahn-Niederlassung Hamm von Straßen.NRW: „Die Umleitungen sind nicht in Stein gemeißelt.“ Es gebe eine Kommission, in der Vertreter von Straßen NRW, der Bezirksregierung, der Kommune und des Kreises sitzen. Die tagt bei Bedarf. „Wenn einer der Beteiligten sagt ,Wir müssen mal sprechen‘, dann setzt man sich auch zusammen.“ Das ist im Lüner Fall aber ganz offensichtlich bisher nicht geschehen.

„Gefahrenabwehr hat höchste Priorität“

Auch die Polizei orientiert sich bei ihren Empfehlungen, wenn nötig, an den offiziellen Umleitungsschildern. Gibt es einen schweren Unfall, „dann hat die Gefahrenabwehr für die Polizei die höchste Priorität“, sagt Kim Ben Freigang, Sprecher der Dortmunder Polizei. Wenn absehbar ist, dass die Sperrung länger dauert, leitet die Polizei den Verkehr deshalb auf die Umleitungen ab - auch, um Stauenden zu vermeiden. Denn dort kracht es auf der Autobahn häufig. 2017 sind im Bereich der Dortmunder Polizei 550 Menschen bei Unfällen an Stauenden verunglückt.

In besonders schweren Fällen leitet die Polizei die wartenden Autofahrer auch gegen die Fahrtrichtung zur nächsten Ausfahrt zurück. In solchen Fällen nutzt die Polizei aber auch die Möglichkeit, die Autofahrer schon weit im Voraus über mögliche Staus zu informieren. Kracht es hier in der Region, zeigen Schilder in Bielefeld schon, dass der Bereich am besten großräumig umfahren werden sollte, sagt Freigang. Dort haben die Autofahrer dann noch die Chance, auf andere Autobahnen auszuweichen. Und nicht am Ende doch im Stau stecken zu bleiben - auf Lünens Straßen.

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