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„Wenn ich das mit kurzen Armen schaffe, dann könnt Ihr das auch!“

dzContergan

Bärbel Drohmann kam 1962 mit verkürzten Armen zur Welt – eine Folge des Medikaments Contergan. Resigniert hat die 56-Jährige nie. Sie hat sich engagiert und ist heute für viele ein Vorbild.

Werne

, 04.08.2018 / Lesedauer: 7 min

Bärbel Drohmann steht – wie man so schön sagt – mitten im Leben. Die 56-Jährige arbeitet als Lehrerin an einem Selmer Gymnasium, ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in einem hübschen Haus mit Garten. Aber bei ganz alltäglichen Dingen wie dem Anziehen oder dem Toilettengang benötigt sie Hilfe. Drohmann hat verkürzte Arme. Der Grund dafür ist eine einzige Tablette.

Im Jahr 1961 machen Drohmanns Eltern Urlaub am Bodensee. Weil ihre Mutter über Übelkeit klagt, sucht sie einen Arzt auf. Der verschreibt ihr Contergan – ein Beruhigungs- und Schlafmittel, dessen Wirkstoff Thalidomid auch zur Behandlung von Übelkeit angewandt wird. Die Mutter nimmt das Medikament ein – eine einzige Tablette. Sie wirkt nicht. Also bricht sie die Behandlung ab. Was sie nicht weiß: Ihr ungeborenes Kind hat dadurch schon bleibende Schäden erlitten.

1962 kommt Bärbel zur Welt – mit stark verkürzten Armen. Der nüchterne Kommentar des entbindenden Arztes: „Ihr Kind ist behindert. Wollen Sie es überhaupt sehen? Wir können es sonst auch direkt ins Hinterzimmer bringen.“ Bärbels Mutter will ihr Kind sehen und nimmt es mit nach Hause. Keine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit, wie Drohmann sagt. „Ich hatte Glück, dass ich auf so eine starke Frau gestoßen bin, die sich der Sache gestellt hat. Sie wollte alles dafür tun, dass aus mir etwas wird“.

Vorwürfe und Anfeindungen

Die Mütter von Contergangeschädigten sehen sich damals mit Spekulationen, Vorwürfen und Anfeindungen konfrontiert. Von Aussagen wie „Sie haben wohl während der Schwangerschaft getrunken – dann sind Sie selbst Schuld daran, dass Ihr Kind behindert ist“ bis hin zu unfassbaren Aussagen wie „Unter Hitler wäre so etwas vergast worden“ habe ihr ihre Mutter berichtet, sagt Drohmann.

Dass das Medikament an den Missbildungen schuld ist, wollen viele Menschen zu diesem Zeitpunkt nicht wahrhaben. Dabei hat Contergan damals schon mehr als nur einen fragwürdigen Ruf. Nach der Einführung des Medikaments der Firma Grünenthal am 1. Oktober 1957 gerät das Mittel allmählich in den Verdacht, Schäden bei Ungeborenen zu verursachen.

Heute weiß man um die konkreten Folgen. Die Liste ist lang. An erster Stelle stehen Formen von Dysmelie, also Fehlbildungen der Gliedmaßen. Fehlende Arme und Hände sowie Beine und Füße zählen dazu. Sind Hände und Füße vorhanden, setzen sie oft direkt an den Schulter- bzw. Beckenweichteilen an. Auch die äußeren Ohren fehlen bei vielen Betroffenen. Innere Organe wie Herz, Nieren und Darm sind oftmals nicht so ausgebildet wie bei einem gesunden Menschen. Viele Contergangeschädigte leiden unter Lähmungen und Schmerzen.

„Wenn ich das mit kurzen Armen schaffe, dann könnt Ihr das auch!“

Thalidomid, der Wirkstoff von Contergan, behindert in der sensiblen Phase der Schwangerschaft die Ausbildung der Gliedmaßen und Organe des Embryos. © Felix Püschner

Eine gruselige Kindheit

Als der Verdacht gegen Contergan an die Öffentlichkeit gerät, nimmt Grünenthal das Mittel am 27. November 1961 wieder vom Markt. Doch da ist es für viele schon zu spät. Auch für Drohmann. Die juristische Dimension, die der Skandal Ende der 1960er-Jahre einnimmt, versteht sie als Kind natürlich noch nicht – Bärbel hat ohnehin ganz andere Probleme. Sie hat bereits mehrere Klinikaufenthalte hinter sich und geht inzwischen zur Schule. In ihrer Kindheit erlebt sie „eine gruselige Zeit“. Drohmann hat nicht nur verkürzte Arme. Rücken, Hüfte und Kiefer sind ebenfalls geschädigt. An der linken Hand hat sie dreieinhalb, an der rechten Hand lediglich drei Finger. Die Gehörgänge sind ebenfalls zu eng. Auch Drohmanns persönliche Liste mit Folgen des Contergans ist lang.

Contergangeschädigte Kinder werden in den 1960er-Jahren in erster Linie in der Uniklinik Münster behandelt. Schwester Agnes fürchten viele wegen ihrer Strenge. Auch die Besuche der Eltern sind strikt geregelt. „Viele Kinder von damals leiden bis heute an Hospitalismusschäden, sind traumatisiert“, sagt Drohmann. Wohl fühlt sie sich lange nur unter Gleichgesinnten – Menschen, die die meisten Dinge ebenfalls nicht mit den Händen, sondern mit dem Mund oder den Füßen erledigen. Andere Kinder grenzen sie aus: „Hätte es in meinem Kindergarten nicht eine Gruppe für Contis gegeben, dann wäre wohl nie jemand zu meinen Geburtstagen gekommen.“

In der Schule ändert sich die Situation zunächst auch nicht. Dass sie nach drei Jahren an einer Förderschule auf eine Regelschule wechselt, ist für damalige Verhältnisse etwas Außergewöhnliches. Mobbing ist für Drohmann zu dieser Zeit an der Tagesordnung. Das sei aber wohl ein Grund dafür, dass sie bei diesem Thema heute als Lehrerin so sensibel ist, sagt sie: „Da passe ich in meinem Unterricht ganz genau auf.“

„Wenn ich das mit kurzen Armen schaffe, dann könnt Ihr das auch!“

Bärbel Drohmann unterrichtet an einem Selmer Gymnasium. Die Tafel in Drohmanns Unterrichtsraum ist mit einem Garagentormotor verbunden. Per Knopfdruck lässt sich die Tafelhöhe verstellen. Einen Großteil des Unterrichts gestaltet Drohmann inzwischen allerdings mit dem iPad. © Nico Drimecker (Archiv)

Bewunderung statt Mitleid

Und wie reagieren die Leute heute auf sie? „Das ist ganz unterschiedlich. Aber meistens ernte ich Bewunderung für mein Auftreten.“ Sie sieht ihre Behinderung sogar als Chance. Wenn ihre Schüler sagen, sie schafften eine Aufgabe nicht, das Koordinatensystem sei zum Beispiel zu schwierig, dann hat Drohmann die passende Antwort parat: „Wenn ich das mit meinen kurzen Armen schaffe, dann könnt Ihr das auch.“ Das motiviere viele. Drohmann ist Vorbild. Und sie hat einen besonderen Draht zu den Eltern, genießt großes Vertrauen. Ein psychologischer Aspekt, sei das.

„Wenn Sie als Elternteil jemanden vor sich haben, der perfekt ist und alles kann, dann erzählen sie dem nicht so offen von Ihren Problemen. Aber wenn Sie jemanden sehen, der selbst Probleme hat – und das muss bei einem Menschen mit kurzen Armen der Fall sein – dann ist das anders. Ich erfahre deswegen sehr viel über die Hintergründe der Familien und kann beratend zur Seite stehen.“ Das sei ebenfalls eine Chance. Auch die Listen, in die sich Eltern an Elternsprechtag eintragen, sind bei Drohmann lang.

Drohmann ist nicht nur Lehrerin. Sie ist auch im Behindertenbeirat der Stadt Werne. Und sie ist Vorstandsmitglied des Interessenverbands Contergangeschädigter NRW. Hier sei man mittlerweile gut aufgestellt, sagt sie. Das Hilfsangebot für Dysmeliepatienten sei viel besser als früher. Unter anderem gibt es einen Peer-to-Peer-Ansatz, bei dem Fachleute gemeinsam mit anderen Contergangeschädigten Betroffene aufsuchen und sie unterstützen – bei der Beantragung von Pflegeleistungen und Hilfsmitteln wie Schlüsseldrehhilfen, Anziehhaken und Badewannenlifter zum Beispiel, bei der Planung des behindertengerechten Umbaus der Wohnung oder bei der Suche nach geeigneten Ärzten.

Viele Ärzte sind ratlos

Eine ganz wichtige Säule sei die Eröffnung des ambulanten Zentrums für contergangeschädigte Menschen in Nümbrecht im April 2017 gewesen, sagt Drohmann. Es ist bundesweit das erste seiner Art. Und es war – wie bei so vielen Hilfe- und Unterstützungsleistungen für Contergangeschädigte – kein leichter Weg bis zur Realisierung. Drohmann und ihre Mitstreiter mussten – wie so oft – Überzeugungsarbeit leisten. „Viele haben nicht verstanden, warum wir ein spezielles medizinisches Zentrum brauchen. Das ist aber ganz einfach zu erklären“, sagt sie. Denn nur wenige Ärzte wüssten wirklich mit Contergangeschädigten umzugehen. Der Kreislauf, ja sogar der ganze Körper funktioniere schließlich anders als bei anderen Menschen. Das stelle Mediziner oftmals vor Rätsel. Nicht nur, wenn es um Operationen geht, bekämen Arzt und Patient gleichermaßen tiefe Sorgenfalten.

Und wie sieht es mit der finanziellen Unterstützung aus? Die gibt es – schon seit dem Ende des Gerichtsprozesses gegen die Firma Grünenthal im Jahr 1970. Der Streit um Größenordnung, Beteiligungen und Zuständigkeiten klang allerdings nie wirklich ab. Bärbel Drohmann möchte sich nicht mehr über solche Debatten ärgern. „Wir haben lange um eine Rentenerhöhung und das medizinisches Zentrum gekämpft. Jetzt haben wir beides. Das ist doch schon ein Erfolg“, sagt sie. Vor der Rentenerhöhung 2013 sei die finanzielle Situation viel schwieriger gewesen. „Wenn Sie mit einem dreistelligen Betrag im Monat fehlende Arme ausgleichen wollten, dann kamen Sie damit nicht weit.“

Je nach Grad der Schädigung liegen die Renten für Betroffene heute in Deutschland bei bis zu knapp 7.500 Euro. Aber das Geld ist für Drohmann ohnehin nicht mehr das zentrale Problem. Es sind vielmehr die Folgeschäden, die überstrapazierten Gelenke, die Schmerzen – und bei denen helfen einfache Tabletten nun mal nicht. Zu den Spätfolgen gehören zudem psychosoziale Aspekte wie Vereinsamung. Auch dagegen helfen keine Tabletten.

„Wenn ich das mit kurzen Armen schaffe, dann könnt Ihr das auch!“

Drohmann fuhr 30 Jahre lang mit einer Fußlenkung. „Das ging dann wegen der kaputten Knie und der Hüfte nicht mehr. Ich fand die Zunahme der Kreisverkehre nicht toll, hatte dadurch Schmerzen. Jetzt fahre ich mit Handlenkung und computerunterstützt“, sagt sie. © Felix Püschner

Drohmann sagt, sie habe Glück gehabt. Dass sie Unterstützung von anderen Contergangeschädigten erfahren habe und dadurch nun etwas zurückgeben könne – und dass sie einen tollen Mann gefunden habe, der sein ganzes Arbeitsleben immer so ausgerichtet habe, dass er sie und die Kinder gut versorgen konnte. Der ihr heute immer noch bei ganz alltäglichen Dingen wie dem Anziehen oder dem Toilettengang hilft, wenn ihre beiden Assistentinnen – die Frauen kommen regelmäßig vorbei, um sie zu unterstützen – mal nicht da sind. Nur bei „Frauenkram“ will sie ihn nicht dabei haben. „Wenn wir in den Urlaub fahren, lass ich ihn nicht die Koffer packen. Ich will nämlich, dass die Sachen ordentlich wieder herauskommen. Und beim Shoppen habe ich auch lieber meine beiden Assistentinnen dabei“, sagt sie und grinst.

Mutter ist versöhnt

Ob sie sich schon einmal vorgestellt hat, wie ihr Leben ohne die Conterganschäden wohl verlaufen wäre? „Ich war immer sehr interessiert an medizinischen Dingen. Vielleicht hätte ich etwas in dieser Richtung gemacht, wenn ich normale Arme gehabt hätte. Aber so ist es doch auch ganz schön. Ich hätte früher nie gedacht, dass man mit so kurzen Armen Lehrerin werden könnte.“ Dass sie ihre Schüler immer wieder motivieren kann und bei einigen offensichtlich einen solchen Eindruck hinterlassen hat, dass sie inzwischen schon manch eine Schüler-Arbeit zum Thema Contergan lesen durfte, zeigt Drohmann, dass dieser Weg nicht ganz falsch gewesen sein kann.

Und Vorwürfe und Mitleid spielen in ihrem Leben ohnehin keine Rolle: „Meine Mutter hat sich früher – wie wohl alle anderen auch – natürlich Vorwürfe gemacht. Aber sie konnte ja nicht wissen, was diese eine Tablette für eine Wirkung hat. Spätestens als ich geheiratet und drei gesunde Enkelkinder zur Welt gebracht habe, war sie aber versöhnt. Heute widmet sie ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit den Enkeln.“ Mitleid begegnet Drohmann heute höchstens noch von älteren Menschen, die den ganzen Contergan-Skandal miterlebt haben. Als sie im letzten Urlaub auf einer Bank saß, kam ein älteres Ehepaar dazu. „Sie hat es aber auch arg getroffen“, sagte der Mann. Drohmann lächelte und antwortete: „Da irren Sie sich. Ich habe alles, was ich brauche – eine liebe Familie, ein Haus, einen Beruf und ich kann anderen Menschen helfen. Mir geht’s gut.“

Das klingt fast so, als hätte es diese eine Tablette nie gegeben.

Zum Hintergrund:
  • Laut Angaben des Bundesverbands Contergangeschädigter sind Ende der Fünfziger- bzw. Anfang der Sechzigerjahre allein in Deutschland etwa 5000 Neugeborene contergangeschädigt. Davon sterben rund 40 Prozent kurz nach der Geburt oder im Säuglingsalter. Der Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer (BCG) geht von weltweit 10.000 Betroffenen aus. In Deutschland seien es rund 7.000 gewesen. Mehr als die Hälfte von ihnen habe nicht überlebt. Heute leben in Deutschland laut Angaben des Bundesverbands noch 2.400 contergangeschädigte Menschen. Thalidomidhaltige Medikamente werden auch heute noch zur Behandlung von Krebs, Aids und Lepra eingesetzt – allerdings nicht bevor die Patientin auf eine mögliche Schwangerschaft untersucht wurde.
  • Am 18. Januar 1968 beginnt vor Gericht das Hauptverfahren gegen die Firma Grünenthal. Die Anklage in der fast 1000 Seiten dicken Schrift lautet auf vorsätzliche und fahrlässige Körperverletzung, fahrlässige Tötung und schweren Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Hunderte Geschädigte schließen sich der öffentlichen Klage als Nebenkläger an. Am Ende stehen 283 Prozesstage und ein Vergleich zwischen Grünenthal und den betroffenen Eltern. Dazu gehört ein Entschädigungsbetrag von 100 Millionen D-Mark. Die Firma zahlt diesen in die Stiftung „Hilfswerk für behinderte Kinder“ ein, die 2005 in „Conterganstiftung für behinderte Menschen“ umbenannt wird. Das Hauptverfahren wird am 18. Dezember 1970 eingestellt.
  • Contergangeschädigte erhalten nach wie vor besondere finanzielle Unterstützung. Wer genau wann wie viel an wen gezahlt hat, lässt sich inzwischen allerdings nur noch schwer im Detail rekonstruieren. Der Bund zahlt nach wie vor. Grünenthal auch – zuletzt im Jahr 2009 in Form einer Sonderzahlung von 50 Millionen Euro. 2012 hat Grünenthal eine eigene Stiftung ins Leben gerufen, auf deren Homepage die Haltung des Unternehmens betont wird: „Die Contergan-Tragödie ist und bleibt Teil der Firmengeschichte von Grünenthal. Grünenthal und die Eigentümerfamilie bedauern die Folgen der Contergan-Tragödie sehr. Für Grünenthal ist es von moralischer Bedeutung sich gemeinnützig zu engagieren, um die Lebenssituation der Contergan-Betroffenen nachhaltig zu verbessern. Wir haben den Anspruch, mit den Contergan-Betroffenen gemeinsam Projekte zu definieren, die eine bedarfsorientierte und konkrete Hilfe darstellen.“ Weiter heißt es, die Conterganstiftung habe seit 1972 geschätzt rund eine Milliarde Euro an Betroffene weltweit ausgezahlt. Sie zahle „lebenslange Renten von bis zu 7.867 Euro monatlich für Betroffene eines Thalidomid-haltigen Produktes von Grünenthal oder eines seiner lokalen Vertriebspartner.“ Aktuell würden Betroffene aus 38 Ländern unterstützt.
  • Die Unternehmenspolitik stößt nicht überall auf Begeisterung. Von Seiten des Bundes Contergangeschädigter und Grünenthalopfer heißt es beispielsweise: „Geld für Contergan gibt Grünenthal nur dann aus, wenn sie sich gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber den Conterganopfern als selbstloser Helfer in der Not darstellen kann oder andernorts Schadensersatzzahlungen an Contergan- oder Thalidomidgeschädigte verhindern kann.“