Wer sein Bad renoviert oder gar ein neues Haus bauen will, muss nicht nur Geld, sondern auch Geduld aufbringen. Die Handwerksbetriebe kommen mit den Aufträgen kaum nach - und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Lünen

, 03.10.2018, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Fachkräfte im Handwerk sind absolute Mangelware: Laut Handwerkskammer Dortmund könnten derzeit bundesweit bis zu 250.000 zusätzliche Handwerker beschäftigt werden. Auch die rund 600 Handwerksbetriebe in Lünen sind betroffen, hier fehlen insbesondere qualifizierte Fachkräfte in den technischen Berufen, beispielsweise Elektrotechniker oder Anlagentechniker. „In einer Sonderumfrage zum Thema Personalmanagement gaben 75 Prozent der befragten Betriebe an, Probleme bei der Besetzung offener Stellen zu haben. Im Schnitt waren bei fast jedem zweiten Betrieb rund 1,5 Stellen - vom Azubi bis zum Meister - unbesetzt“, sagt Gabor Leisten von der Handwerkskammer Dortmund.

Und die Lage verschärft sich in den nächsten Jahren noch weiter. Laut Gabor Leisten, werden mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge ab 2025 deutschlandweit über drei Millionen Arbeitskräfte im Handwerk weniger zur Verfügung stehen. Das ist besonders eine Herausforderung für kleine Betriebe. „Schon heute findet fast jeder 5. Betrieb in Lünen trotz großer Bemühungen im Bereich der beruflichen Ausbildung keine oder keine geeigneten Bewerber für freie Ausbildungsstellen.“

Ein guter Grundstein

Aber es gibt sie noch, die jungen Menschen, die ins Handwerk wollen. Marvin Böhm (19) ist einer von ihnen. Der Lüner hat sein Abitur an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule absolviert und ist jetzt im ersten Lehrjahr zum Anlagenmechaniker Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik. Ein späteres Studium schließt er nicht aus, aber erst mal wollte er eine Ausbildung machen. „Ich wusste nicht was ich studieren möchte, und ich wollte nicht einfach irgendwas studieren. Eine Ausbildung ist ein guter Grundstein.“

Warum man in Lünen mittlerweile Monate auf einen Handwerker wartet

Marvin Böhm ist Auszubildender im ersten Lehrjahr. © Victoria Maiwald

Die Arbeit mit den Händen mache ihm Spaß - genauso wie die Tatsache, dass er schon nach einem Monat Ausbildung einige Arbeiten allein machen könne. Auch einige seiner ehemaligen Mitschüler haben nach dem Abitur eine Ausbildung begonnen, aber nur wenige sind ins Handwerk gegangen.

„Es ist auf jeden Fall ein Beruf mit Zukunft“, meint Marvin. „Es gibt genug zu tun, die Auftragslage ist sehr gut.“ Den Fachkräftemangel bekommt Marvin auch schon zu spüren. „Schon jetzt wurden Termine für die nächsten Jahre vereinbart.“

Auslastung bei über 100 Prozent

Laut Gabor Leisten lägen die Auslastung von fast jedem zweiten Betrieb im Ausbaugewerbe derzeit bei 100 Prozent oder mehr. „Im Bauhauptgewerbe sind die Auftragsbücher für die nächsten 12 Wochen gefüllt. Über alle Gewerke hinweg beträgt die durchschnittliche Auftragsreichweite ca. 8 Wochen.“

Eigentlich müssten die Betriebe ihre Kapazitäten ausweiten. „Doch trotz erheblicher Anstrengungen fehlen die Mitarbeiter. Dieser Mangel führt dazu, dass Handwerker an ihrer Belastungsgrenze arbeiten.“

Auch Marvin Böhm ist sich sicher, dass die Belastung in den nächsten Jahren noch weiter ansteigt, dann wenn immer mehr Handwerker in den Ruhestand gehen werden. „Aber bisher ist es noch auszuhalten.“

Warum man in Lünen mittlerweile Monate auf einen Handwerker wartet

Norbert Rötte hat mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. © Victoria Maiwald

Handwerker können sich indes über eine sehr gute Auftragslage freuen. Gerade wenn die Heizperiode im Herbst wieder startet, haben Anlagentechniker in Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik besonders viel zu tun. „Es ist immer Gedränge, eigentlich kriegen wir die Arbeit, die wir machen sollen, kaum durch“, sagt Marvins Chef Norbert Rötte.

Er hat kürzlich erst vier neue Mitarbeiter eingestellt. Die zu bekommen, war aber gar nicht so leicht. Und weil es so schwer ist, neue qualifizierte Angestellte zu finden, hat Rötte vor Jahren beschlossen, selbst auszubilden. Aber Azubis zu finden, sei auch nicht ohne. „Viele Jugendliche sind mit 16 Jahren noch sehr unreif und wissen noch gar nicht genau was sie machen möchten. Außerdem ist das Handwerk nicht mehr so attraktiv für junge Leute.“

Auch das Angebot der dualen Ausbildung gemeinsam mit den Stadtwerken hat nicht die gewünschten Bewerbungen eingebracht. Die Stelle sei zwar besetzt, aber Rötte hätte mit viel mehr Bewerbungen gerechnet. Dennoch ist der Meister zufrieden, er hat 34 Angestellte in seiner Firma und viel zu tun.

Bei Notfällen in zwei bis drei Tagen vor Ort

Auch wenn die Auftragsbücher gut gefüllt sind: Bei Notfällen versucht die Firma, in zwei bis drei Tagen vor Ort zu sein. Nur wenn man größere Arbeiten und Veränderungen in seinen vier Wänden plant, dann sollte man Zeit mitbringen. „Bei größeren Aufgaben wie einer Badsanierung kommt man in diesem Jahr nicht mehr an die Reihe. Da müsse man schon mit Januar oder Februar rechnen“, sagt Rötte.

Für den Firmenchef ist dieser Zustand zwar schöner, als wenn er nach Arbeit suchen müsse, aber dennoch sei es zurzeit schwierig. „Vor allem, weil wir nie wissen, was uns erwartet, wenn wir auf einer Baustelle ankommen. Man kann den Arbeitsumfang schwer einschätzen, wir machen ja keine Fließbandarbeit.“ Das führt dann auch mal zu Unmut bei den Kunden, wenn Termine dann doch mal verschoben werden müssen oder wenn es zu Verzögerungen kommt.

Mit verärgerten Kunden müsse man aber leben können, denn auf Baustellen komme es immer wieder zu Verzögerungen. „Besonders, wenn verschiedene Gewerke zu tun haben, wenn einer den Zeitplan nicht einhalten kann, kommt es zu Verzögerungen im gesamten weiteren Bauverlauf.“ Manchmal gehe es tatsächlich auch unter die Gürtellinie. „Aber wenn ein Kunde unsere Mitarbeiter beleidigt oder sogar bedroht, müssen wir uns das nicht gefallen lassen. Dann werden die Kunden gesperrt“, erklärt Norbert Rötte.

„Kommen aktuell nicht mehr hinterher“

Auf lange Sicht könnte sich der Chef durchaus vorstellen noch zwei bis drei weitere Mitarbeiter einzustellen. „Das Berufsfeld des Handwerkers wird immer ein anspruchsvoller Ausbildungsberuf bleiben, in dem man sich auf viele Bereiche spezialisieren kann. Wer Interesse an solchen Berufen hat, wird nie auf der Straße stehen und immer gutes Geld verdienen.“

In den letzten Jahren sei das Gehalt der Handwerker immer gestiegen, das natürlich läge auch an dem Fachkräftemangel. „Es ist alarmierend, dass dieser Mangel mittlerweile akut in den Betrieben angekommen ist. Dieser Umstand bremst unsere Unternehmen aus. Bei der aktuell guten Auftragslage kommen viele Betriebe mit der Arbeit nicht mehr hinterher, weil ihnen zur Erfüllung das nötige Personal fehlt“, zieht Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund, ein bitteres Fazit.

Wer Handwerker sucht, sollte Geduld mitbringen. Gerade wenn die Heizperiode im Herbst wieder beginnt, kommen viele Anfragen zu Heizungswartungen. „Die Leute meinen, vor dem Winter müsse die Heizung sauber sein. Das ist der Heizung aber egal“, sagt Rötte. Den meisten Dreck würde die Heizung im Winter abbekommen, wenn sie also im Frühjahr gewartet wird, bleibt sie den Sommer hinweg sauber und funktioniert im Winter. „Im Frühjahr ist es deutlich entspannter bei uns. Jetzt ist es so, dass wir vor Februar/März keine Wartungen mehr ausführen können, weil wir voll sind.“ Weitere Tipps vom Chef:
  • Grundsätzlich sollte man sich bei der Wartung erklären lassen, wie man die Heizanlage selbst auf Luft überprüfen kann. Man solle selbst in der Lage sein, die Heizung zu entlüften.
  • Zum Entlüften und Nachfüllen der Anlage müsse kein Handwerker kommen, das kostet unnötig Geld und Zeit.
  • Entlüften sollte man, wenn der Heizkörper nicht mehr warm wird, wenn man Glucker- oder Fließgeräusche hört.
  • Dann sollte man die Heizung abschalten, sodass die Pumpe zum stehen kommt.
  • Wenn die Heizung entlüftet ist, solle man den Wasserstand kontrollieren und gegebenenfalls wieder auffüllen.
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