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Warum ein Wuppertaler vor 150 Jahren die Schwerter Zeitung gründete

Ruhr-Nachrichten-Vorläufer

Vor 150 Jahren – am 23. Juli 1868 – druckte Carl Braus die erste Schwerter Zeitung, den Vorläufer der Ruhr Nachrichten. Wer war er? Warum tat er das? Warum gerade im Juli 1868?

Schwerte

, 23.07.2018
Warum ein Wuppertaler vor 150 Jahren die Schwerter Zeitung gründete

Ein mächtiger Adlerkopf mit dem Stadtwappen zierte in den Anfangsjahren die Titelseite der Schwerter Zeitung, die (Fotos unten, v.l.) seit Mitte der 1880er-Jahre in dem Fachwerkhaus Große Marktstraße 3-5 geschrieben und gedruckt wurde. Gründer Carl Braus (1838-1897) und seine Ehefrau Magdalena fingen mit der Plattenkamera die ersten Fotos der Stadt ein. Ihnen folgten in dem Familienunternehmen Johannes Braus (1872-1919), Hans Linner (1884-1955), Magdalena Thom-Linner (1927-1991). Das 100. Jubiläum wurde unter dem Dach der Ruhr Nachrichten gefeiert, und die Mitarbeiter von Redaktion und Geschäftsstelle präsentierten sich auf einer Feuerwehrleiter. Ihre Nachfolger bei der 125-Jahr-Feier wählten für das Erinnerungsfoto die Treppe von Haus Ruhr. © Montage: Paulitschke

Ein Porzellantöpfchen war es, das das Medienzeitalter nach Schwerte brachte. Genauer gesagt: der Telegrafendraht, der sich an den leuchtend weißen Keramik-Isolatoren entlang der gerade eröffneten Eisenbahnlinie von Station zu Station spannte. Er schloss – so weiß der Historiker Prof. Dr. Wilfried Reininghaus – Schwerte an das überregionale Nachrichtennetz an.

Die wirtschaftliche Chance, diese Informationen auf Papier in einer erwachenden Industriestadt weiterzuverbreiten, erkannte der Wuppertaler Buchdruckermeister Carl Braus (1838-1897). Mit dem Dampfzug stampfte er nach Schwerte, um vor 150 Jahren die ersten Schlagzeilen zwischen Ruhrauen und Freischütz zu machen: Am 22. Juli 1868 zog er die Startausgabe des „Schwerter Wochenblatts“ aus der Handpresse.

Der Pioniergeist wurde belohnt. Einmal in der Woche entwickelte sich das kleine Fachwerkhaus an der Hüsingstraße 20, wo Braus Schreibtisch und Druckmaschine aufgestellt hatte, zur Pilgerstätte der am Zeitgeschehen interessierten Bürger. An Ort und Stelle ging das Wochenblatt über die Verkaufstheke. An eine Auslieferung bis vor die Haustür dachte noch keiner.

Wer war der erste Zeitungsbote? Eine Anekdote:

Wann sich der erste Zusteller auf den Weg machte, ist genauso wenig bekannt wie sein Name. Überliefert ist nur die Anekdote von einer vermögenden alten Dame, die in ihrem abgelegenen Anwesen am Hengsteysee von Einsamkeit geplagt wurde. Da abonnierte sie die Schwerter Zeitung – und bekam regelmäßig den Besuch des Boten, den sie jedes Mal fürstlich bewirtete. Um die Wende zum 20. Jahrhundert soll dieser Schmaus stattgefunden haben.

Weil das Zeitungsunternehmen für sein allmählich umfangreicher werdendes Blatt größere Räume benötigte, ließ sich Braus zunächst an der Hellpothstraße, später an der Hagener Straße 28 nieder. Schon seit dem zweiten Erscheinungsjahr wurden jede Woche zwei Ausgaben herausgegeben: jeweils mittwochs und samstags. Den Wandel vom Wochenblatt zur Tageszeitung kündigte der neue Name „Schwerter Zeitung“ an, der am 2. Januar 1875 unter den mächtigen Adlerfittichen erstmals den Kopf der Titelseite zierte.

Warum es die Schwerter Zeitung in Aplerbeck, Berghofen und Syburg gab

Als Braus die Veröffentlichung der „Amtlichen Bekanntmachungen für den Kreis Dortmund“ ergattert hatte, konnte er das Verbreitungsgebiet bis nach Aplerbeck, Berghofen und Syburg sowie zum Sommerberg und Höchsten ausdehnen, nachdem der Verlag bereits auf treue Leser in den Gemeinden südlich der Ruhr bauen konnte. Die Auflage stieg mit der Bevölkerungszahl, die sich allein in der Ruhrstadt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts auf 12.258 vervierfachte.

Den Mittelpunkt des heimischen Nachrichtennetzes bildete seit Mitte der 1880er-Jahre das wegen seiner stadthistorischen Bedeutung längst unter Denkmalschutz stehende Fachwerkhaus in der Großen Markstraße 3-5, an das 1897 das lang gestreckte Druckereigebäude für die mechanische Schnellpresse angebaut wurde. Sie ermöglichte es, immer dickere Ausgaben herauszugeben: Wochenschau mit Schah-Besuch oder Korruptionsskandal, Rätsel und Werbung für den Auftritt des Süddeutschen Opern-Ensembles in der Reichskrone waren einige der Themen, die die Großvätergeneration bewegten. Montags, mittwochs, freitags und samstags konnten sie sich bereits über neuen Lesestoff freuen.

Und das alles für ganze 1,50 Mark pro Vierteljahr, so viel wie für ein Kilogramm Schweinefleisch oder sechs Liter Bier auf den Tisch zu legen war. Lieferung per Post kostete drei Groschen extra.

Warum Braus junior aus dem Ersten Weltkrieg zurückkommen durfte

Carl Braus konnte diese rasante Entwicklung nicht mehr verfolgen. Der Zeitungsgründer starb 1898. Um den Familienbetrieb zu übernehmen, musste sein Sohn Johannes (1872-1919) das Theologie-Studium aufgeben. Als er im Ersten Weltkrieg ins Heer einberufen wurde, war Ehefrau Johanna Magdalena (1882-1956) in dem Zeitungsverlag und der Druckerei, denen inzwischen eine Buchhandlung angegliedert worden war, zunächst auf sich gestellt.

Erst Mitte 1916, als auch noch der Setzer namens Schäfer in den Krieg gerufen worden war, durfte Braus in die Heimat zurück. Eigenhändig bediente er in der Nacht die Setzmaschine und die im Jahr 1913 aufgestellte Duplex-Rotationsmaschine, damit das Blatt pünktlich zugestellt werden konnte.

Als Johannes Braus im April 1919 an den Folgen einer Lungenentzündung starb, führte seine Witwe das Unternehmen erneut allein, bis sie 1922 mit dem aus Oberbayern stammenden Setzermeister Hans Linner (1884-1955) erneut vor den Traualtar trat. Der übernahm die schwierige Aufgabe, die Schwerter Zeitung durch die Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Nazi-Herrschaft zu manövrieren. Obwohl bei einem Bombenangriff am 13. März 1945 die Druckerei schwer beschädigt und Linner verletzt worden war, brauchten die Schwerter bis zum 9. April 1945, vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, nicht auf ihre gewohnte Morgenlektüre zu verzichten.

So gelang der Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg

Auf die erste Nachkriegsausgabe mussten sie dann allerdings bis zum 29. Oktober 1949 warten. Erst nach Aufhebung der Presse-Lizenzierung durch die alliierten Besatzungsmächte durfte Linner die Rotation wieder starten – zunächst viermal wöchentlich, ab November 1955 wie gewohnt an jedem Werktag.

Trotz harter Arbeit kannten die Männer in der Setzerei ihren Spaß. So war 1953 ihr geschickter Druckerlehrling in der Gesellenprüfung durchgefallen – natürlich nur in der Theorie. Er hatte auf der Landkarte die Stadt Rom zeigen sollen. „Woher soll ich das wissen? Ich bin ja schließlich nicht katholisch!“, war seine ärgerliche Erklärung.

So kam die Schwerter Zeitung unter das Dach der Ruhr Nachrichten

Nach Linners Tod am 27. August 1955 übernahmen seine beiden Töchter das Ruder. Während es Johanna Magdalena Thom-Linner (1927-1991) bald Richtung Süddeutschland zog, ist Rosel Linner (1924-1979) manchen älteren Schwertern noch mit Block und Bleistift in Erinnerung. Erst 1973 folgte die Journalistin ihrer Schwester in den Bayerischen Wald.

Am 1. Juni 1968, kurz vor ihrem 100-jährigen Bestehen, kam die Schwerter Zeitung unter das Dach der Ruhr Nachrichten (RN).

Die hatten bereits ab 2. Januar 1967 eine eigene Schwerter Lokalausgabe herausgegeben – quasi in Nachfolge der Westfalenpost (WP), die sich Ende 1966 aus der Ruhrstadt zurückgezogen hatte. „Die Ruhr Nachrichten übernahmen die WP in Schwerte als Partner“, berichtete einst Günter Heithus vom RN-Team der ersten Stunde. Denn es sei erkannt worden, dass sich die Bürger immer stärker zum RN-Verlagsort Dortmund hin orientierten. Eine goldrichtige Entscheidung, wie die Verdoppelung der Auflage binnen Jahresfrist bewies. Aufbruchstimmung beflügelte die damalige Geschäftsstelle an der Hörder Straße 14, hinter deren Schiebetür die Schreibmaschinen der Redaktion klapperten.

Noch tiefer ins Herz der Ruhrstadt zogen die Ruhr Nachrichten, als sie Anfang der 70er-Jahre Geschäftsstelle und Redaktion an die Eintrachtstraße 1b verlegten, wo im September 1980 das digitale Zeitalter begann. Der erste Computer Marke Harris zog ein und ermöglichte gemeinsam mit der neuen Lichtsatztechnik noch größere Aktualität. Immer leistungsfähigere und schnellere Rechner-Generationen und -Programme wechselten sich ab, erlaubten die Gestaltung der kompletten Zeitungsseite am Bildschirm.

Alt? Nein: die Redaktion erfindet sich immer neu

Längst ist die digitale Aufbereitung der Nachrichten ein weiteres Standbein. Unfälle, Staus oder Polizeinachrichten werden im schnellen Takt online gestellt. Doch auch im schnellen Netz der Netze gibt es mittlerweile eigene lange Lesegeschichten. Statt mit Block und Kamera kommen Journalisten mit dem iPhone, machen Videos und zeichnen Sprachnotizen auf. Längst ist das Online-Geschäft genauso wichtig wie die gedruckte Zeitung.

Gar nicht alt genug können indes oft die Schlagzeilen sein, die das Stadtarchiv hütet. Die auf Mikrofilm gebannten Jahrgänge der Schwerter Zeitung locken beileibe nicht nur eingefleischte Heimatforscher an. Manche möchten auch einfach wissen, was an ihrem Geburtstag im Ruhrtal und in der Welt für Medienwirbel gesorgt hat: In den Ruhr Nachrichten, der einzigen Tageszeitung am Ort, ist es stets zu erfahren.

Wie sah die Schwerter Zeitung 1869 aus? Eine Internet-Seite:

Ganz neu ist die Möglichkeit, bequem am heimischen Rechner in historischen Ausgaben der Schwerter Zeitung zu stöbern. Als erster Titel wurde sie für das landesweite Projekt „Zeitungsportal NRW“ an der Universität Münster digitalisiert. Unter www.zeitpunkt.nrw können die Jahrgänge 1869 bis 1950 kostenfrei aufgerufen werden. Und wieder hängt diese Entwicklung an Drähten: Den Glasfaser- und Kupferkabeln unter den Straßen, die zusammen mit Richtfunkstrecken die Vernetzung im Internet ermöglicht haben.

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